Die Autorin und Texterin Lea Catrina.

«Das neue Millennium war eine grosse Sache»

Die Bündner Autorin Lea Catrina, die in Zürich und Kalifornien lebt, hat einen poetischen 90er-Jahre-Roman geschrieben, der heute in die Läden kommt. Wir haben mit ihr gesprochen über Heimat und das Gefühl, dass die Vergangenheit immer klarer erscheint.
23. April 2021
Freie Autorin

Die Geschichte von Olivia spielt zu einer Zeit, in der man noch einfach verschwinden konnte. Es genügte, den Telefonbeantworter einzuschalten und davon zu fahren, zum Beispiel ans Meer zu einer Tante. Und schon war man für niemanden erreichbar, wenn man das nicht wollte. Genau dies tut die Hauptfigur in dem berührenden und klugen Romandebüt. Weil sie das Schweigen nicht mehr erträgt, das eigene und das ihrer pflegebedürftigen Mutter. Seit dem Weggang des Vaters, leidet diese unter einer psychischen Krankheit. Nach und nach gerät Olivias sorgfältig aufgebaute Kulisse in Schieflage. Bis sie nach einer selbstzerstörerischen Nacht einen Schlussstrich unter ihr bisheriges Leben zieht. Bei ihrer Tante Edie sucht sie Zuflucht. Doch bald stellt sich heraus, dass diese nicht auf ihre Nichte gewartet hat. Olivia beginnt, ihr Leben in die eigenen Hände zu nehmen.

«Die Schnelligkeit der Dämmerung» nimmt einen beim Lesen mit und es ist beinahe so, als könne man es dabei Olivia gleichtun und ebenfalls für ein paar kostbare Stunden in einer anderen Welt verschwinden. In eine, wo die Boxen in Clubs wummern und Autos noch für die grosse Freiheit standen. Der Text lebt aber auch von vielen klugen Erkenntnissen, die Olivia auf dem Weg zu «ihrem zweiten Erwachsenwerden» erlangen. Lea Catrina ist ein berührendes Debüt in erzählerischer Tradition gelungen, das sich nicht in Befindlichkeiten verheddert. Stattdessen treibt sie die Handlung mit der Entwicklung ihrer Charaktere voran, leicht und frei. Erscheint am 23. April 2021 im Arisverlag Zürich.

Seraina Kobler: Die Geschichte in deinem Buch spielt in den 90er Jahren. Zu einer Zeit, als man noch zur Telefonzelle musste, wenn man jemanden hören wollte. Oder, wie die Figur im Roman, einfach das eigene Leben verlassen konnte. Spiegelt sich da auch eine Sehnsucht der Millennials nach dem analogen Leben?

Lea Catrina: Ich erinnere mich noch an die Telefonstreiche mit meinem besten Kumpel oder daran, wie oft das Telefon bei uns zuhause geklingelt hat und man nie wusste, wer dran war. Und ich erinnere mich, dass viele Menschen Angst vor der Jahrtausendwende hatten. Das neue Millennium war eine grosse Sache und irgendwie fühlt es sich schon ein wenig an, als wären die Neunziger einfacher gewesen, klarer. Aber ist das nicht immer so mit der Vergangenheit?

Ihre Schreibtage beginnt Lea Catrina jeweils vorzugsweise mit einem Gedicht.

Du verbringst schon länger jeweils einen Teil des Jahres in der San Francisco Bay. Hat die angelsächsische Literatur auch Einfluss auf Dein Schreiben?

Die amerikanische Entertainment-Industrie, sei es durch Filme, Serien, Musik oder Bücher, beeinflusst mich schon mein Leben lang. Ich glaube aber, dass Filme mein Schreiben mehr beeinflussen als Bücher. Mir geht es immer um eine Stimmung, die ich vor mir sehe, einen inneren Film, den ich in Worte fassen will. Filme und Gedichte. Meine Schreibtage beginne ich meistens mit dem Lesen von Gedichten, weil es meine Begeisterung für Sprache aufleben lässt.

Wie behält man seine Wurzeln, wenn man an so vielen Orten auf der Welt Zuhause ist?

Meine Erfahrung ist, dass man seine Wurzeln deutlicher spürt, je weiter man sich von der Heimat entfernt. Ich glaube, diese Wurzeln kann man auch gar nicht loswerden. Das ist die Materie, aus der man gewachsen ist, die Jahreszeiten, die Geräusche, die stille Empörung über sonntägliches Rasenmähen neben der Sehnsucht nach einem Stück Zopf mit Butter und Himbeermarmelade. Mir fällt es gerade deswegen leichter, Zeit im Ausland zu verbringen, weil ich weiss, woher ich komme.

In Redwood City kommen Pancakes auf den Tisch, auch wenn da manchmal die Sehnsucht nach warmem Zopf mit Himbeermarmelade ist.

Eine Qualität des Debüts, sind die manchmal poetischen, lebendigen und leichtfüssigen Dialoge. Es heisst, Dialoge seien anspruchsvoll zu schreiben. Wie bist du da vorgegangen?

In Dialogen sind für mich die Figuren besonders gut spürbar. Dann höre ich zu, was sie sagen und versuche herauszufinden, was sie weglassen und warum. So ist das im richtigen Leben ja auch. Dialoge leben für mich daher generell, und in diesem Roman im Speziellen, vom Unausgesprochenen.

Wegen der Pandemie wurde die Publikation von „Die Schnelligkeit der Dämmerung“ um ein halbes Jahr verschoben. War das Warten schwer?

Vor drei Jahren waren da nur eine Idee und ein Traum. Ich habe hart dafür gearbeitet, aber es ist trotzdem verrückt, ein Buch in den Händen zu halten mit Olivias Geschichte darin. Kurz bevor die Zusage vom Verlag kam, hatte ich einen echten Tiefpunkt erreicht. Das Einzige, woran ich deswegen jetzt denke, wenn ich das Buch sehe, ist ein wahrgewordener Traum. Sechs Monate mehr oder weniger spielen da keine Rolle.

Was sind deine nächsten Projekte?

Für die kommenden Monate sind eine richtige Vernissage und diverse Lesungen geplant, die hoffentlich auch stattfinden können. Im Herbst erscheint dann bereits das nächste Buch, eine Bündner Novelle mit dem Titel «ÖPADIA». Die Geschichte wurde mit Lyrik von Martina Caluori angereichert – eine sehr wertvolle Zusammenarbeit. Aktuell schreibe ich zudem an meinem nächsten Roman.

Mit einem halben Jahr Verspätung, oder pünktlich zum Tag des Buches 2021: Lea Catrinas Romandebüt aus dem Arisverlag ist seit heute in den Buchhandlungen erhältlich.

Weitere Debüts im Netz

Obwohl Bücher auch in den beiden Lockdowns geliefert werden konnten, fehlte der Branche über Monate die Sichtbarkeit. Einerseits wurden die sowieso in der Kultur schon auf ein Minimum geschrumpften Ressourcen für Kultur auf den Redaktionen noch winziger, andererseits fiel der direkte Kontakt zum Publikum aufgrund der Schutzbestimmungen weg. Um, gerade auch neue Stimmen, eine Plattform zu geben, sind bewährte Formate in abgeänderter Form ins Internet übertragen worden. Alle Formate hier eignen sich auch wunderbar, um sie bei einem Frühlingsspaziergang zu hören.

Debüt-Trio im Literaturhaus Zürich

Die drei Autorinnen Esther Becker (Wie die Gorillas), Katarina Holländer (Wurzelwerk) und Ruth Loosli (Mojas Stimmen) feierten vergangene Woche eine etwas andere Vernissage im Literaturhaus Zürich. Diese lässt sich auch wunderbar bei einem Frühlingsspaziergang nachhören.

In «Mojas Stimmen» schildert die Autorin Ruth Loosli, wie eine Mutter ihre Tochter alarmiert beobachtet. Bald darauf stellt sie eine vorsichtige Diagnose: Schizophrenie. Mit kurzen Sätzen und lyrischen Bildern bricht Loosli die Schwere des Themas und stellt dabei ganz grundsätzliche Fragen nach dem Menschlichen Bewusstsein, die über das einzelne Schicksal hinausgehen. Erschienen im Caracol Verlag im April 2021.

Auch bei Katarina Holländer spielen Lyrik und Prosa zusammen. In ihrem Debüt «Wurzelwerk» schöpft sie ihre Themen aus der baren menschlichen Existenz wie Geburt, Liebe, Tragik, Leere und Tod. Das Buch umfasst frühe Lyrikzyklen und ein Jahrzehnt später entstandene Prosatexte. Erschienen am 21. Februar 2021 im Telegramme Verlag Zürich.

In ihrem Debütroman «Wie die Gorillas» beschreibt Esther Becker das Erwachsenwerden junger Frauen in einer Gesellschaft, die behauptet, alle könnten selbst bestimmen. Wo verlaufen die Grenzen zwischen ausgelebter Individualität und den Anstrengungen dazuzugehören? Erschienen im Verbrecherverlag.

Passend zum Welttag des Buches gibt es hier eine Übersicht verschiedener Buchhandlungen in der Stadt Zürich.

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