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Andreas Geiger im Ess- und Wohnbereich der WG. (Fotos: Sonya Jamil / Andreas Geiger)

Das Leben zu elft auf dem Hunziker Areal

Seit dreieinhalb Jahren wohnt Andreas Geiger in einer der neuartigen Satellitenwohnungen des Hunziker Areals in Zürich-Leutschenbach. Und das nicht alleine: Sein Zuhause teilt sich der 37-Jährige mit zehn weiteren Leuten. Hier fühlt er sich zwar pudelwohl, Tsüri.ch verrät er, wieso es aber manchmal doch diplomatisches Geschick braucht.
10. November 2020
Praktikantin Redaktion

In dieser Serie entdecken wir die unterschiedlichsten Wohnformen, die Zürich zu bieten hat.


«Mehr als Wohnen» heisst das Motto der Baugenossenschaft. Seit fünf Jahren hält der Name nun, was er verspricht. Das 41'000 Quadratmeter grosse Hunziker Areal bewohnen insgesamt 1'200 Menschen, jung und alt, ob mit Familie oder ohne. Die Gewerbebetriebe auf dem Gelände bieten 150 Arbeitsplätze. Gemeinschaft wird hier gross geschrieben. Der Dialogweg 6 an dem Andreas wohnt, ist mit den elf Wohnungen das sogenannte Experimentierhaus. «In den Satellitenwohnungen schweben wir um einen gemeinsamen Raum», meint er begeistert.

Transparenz auf 400 Quadratmeter

Wer die Gross-WG betritt, dem fällt zuerst die hohe Fensterfront auf. Und Pflanzen. Viel Pflanzen; vom Treppenhaus bis im hintersten Ecke der WG sieht man grün. An den Wänden hängen farbige Kunstgemälde. Der Weg durch das geräumige und modern eingerichtete Esszimmer führt auf einen noch geräumigeren Balkon. Auch an diesem regnerischen Nachmittag ist von hier das Schulhaus Leutschenbach zu sehen.

Rechts neben dem Eingang ist Andreas Satellitenwohnung, das heisst sein eigener Wohnbereich innerhalb der WG, welchen er sich mit einem Mitbewohner teilt. Im Flur des Satelliten hat es eine kleine Küchenanrichte und ein Badezimmer. Die fünf weiteren WG-Satelliten sind ähnlich aufgebaut und haben alle von ihren Zimmern aus Zugang zu einem zweiten Balkon. Die Grösse der WG-Zimmer variieren zwischen 13 und 40 Quadratmeter. Tür zu und Andreas hat Ruhe, Tür auf und den Flur runter und es ergeben sich im grossen Ess- und Wohnbereich gemeinschaftliche Spontan-Treffen mit den Mitbewohner*innen. Diese sind zwischen 22 und 64 Jahre alt und verdienen ihr Geld unter anderem als Übersetzer*in, Religionswissenschaftler*in oder Sozialpädagog*in.

Dass Andreas sein neues Zuhause im Hunziker Areal gefunden hat, sei purer Zufall und grosses Glück gewesen: «Das hat mir jemand zugeflüstert», verrät er lächelnd. Der deutsche Kreditsachbearbeiter ist vor 14 Jahren nach Zürich gezogen, 10 Jahre davon lebte er zu dritt in einer anderen Baugenossenschaft. Das Wohnen am Stadtrand ziehe sich wie ein roter Faden durch sein Leben, fällt ihm beim Reden auf. In einer Gemeinschaft blüht der Tsüri-Member auf; alleine zu wohnen sei für ihn eine traurige Vorstellung.

Die Einzugsbedingungen

Wer am Dialogweg 6 einzieht, der schliesst mit der Geschäftsstelle der Mietverwaltung nicht als Privatperson den Mietvertrag ab, sondern als Vereinsmitglied. Andreas zum Beispiel gehört dem Verein «BuntGemischt» an. «Wir sind alle Untermieter des Vereins», sagt Andreas. Für ein WG-Zimmer am Dialogweg zahle man zwischen 700 und 1400 Franken. Nicht zu vergessen die Kosten von einmaligen 7’000 bis 13’000 Franken für einen Anteilschein der Genossenschaft. Diese finanzielle Hürde mache es exklusiv der gut verdienenden Mittelschicht möglich, in solchen Wohnungen zu leben, behaupten Gegner*innen solcher Wohnprojekte. Jedoch könne man auch bei knappen Budget Lösungen finden und schliesslich bekomme man für das einbezahlte Geld auch etwas, findet Andreas. Die Wohnung sei «State of Art». Jedoch findet er es schade, dass nicht jeder Raum optimal genutzt wird. «Dadurch wird viel Platz verschenkt!»

Im Hunziker Areal wird auch grossen Wert auf Ökologie gelegt: Es zählt schweizweit zu den ersten fünf Überbauungen, die zum 2000-Watt-Areal zertifiziert wurden. Laut Mietvertrag dürfen die Bewohner*innen hier nur in Ausnahmefällen ein Auto besitzen, so Andreas. Seine WG sei ebenfalls sehr grün und lebe möglichst vegan. Er selbst ist Mitglied bei der solidarischen Landwirtschaft und bezieht ein Gemüseabonnement.

Soziokratie will gelernt sein

Mit einem Schwung und einem fröhlichen «Hallo» schwingt die Zimmertür auf und eine der Mitbewohnerinnen erscheint auf der Bildfläche. «Hallo!», lächelt Andreas freundlich zurück.

So bereichernd das gemeinschaftliche Zusammenleben auch sei, so sei sie auch eine der anspruchsvollsten Wohnformen. «Alles muss mit der WG abgesprochen werden», meint Andreas. Er habe damit aber kein Problem; Seit zehn Jahren übt er sich bei Toastmasters in Rhetorik und aufmerksamem Zuhören, seit fünf Jahren hat er die Soziokratie für sich entdeckt. Innerhalb der WG bemühe man sich sehr darum, soziokratisch zu diskutieren.

Beim sogenannten WG-Rat dürfte in der ersten Runde jede*r einfach mal sprechen, später würde man wichtige Informationen austauschen und in der dritten, finalen Runde würde man unter Berücksichtigung aller Punkte die wichtigen Entscheidungen treffen.

Ähnlich läuft der Prozess bei potenziell neuen Mitbewohner*innen ab, diese ziehen in der Regel ein- bis zwei Mal im Jahr ein. Mithilfe von «Widerstandspunkten» werden die ersten Kandidat*innen aussortiert. Die Restlichen werden zu einem «Speed-Friending» eingeladen. In einem letzten Schritt werden auf einem Flipchart die positiven Eigenschaften der möglichen Mitbewohner*innen festgehalten und anhand dessen über den Einzug entschieden.

Eine*r für alle

Die neuen Gesichter in der WG sorgen für frischen Wind. Andreas ist es wichtig, diese mit offenen Armen zu empfangen und in den Wohnalltag und die Nachbarschaft einzubeziehen. Als einer der Adminstrator*innen des Zürcher Wohnungschats auf Telegram, möchte er die möglichst optimalste Nutzung des vorhandenen Wohnraumes fördern.

Als er damals auf das Hunziker Areal zog, fiel es ihm anfangs schwer, sich in die eingeschworene Gemeinschaft zu integrieren. Mittlerweile ist er aber begeistert von der Unterstützung und Solidarität der Siedlung. Es gibt ihm ein schönes und warmes Gefühl von Sicherheit. «Egal welche Idee man umsetzen will, man findet immer Mitstreiter*innen», sagt Andreas. So habe er für die Senior*innen des Hunziker Areals einmal einen «Apps-für-Anfänger*innen-Kurs» gegeben. Am WG-Tisch steckten an diesem Tag zahlreiche Senior*innen wissbegierig über Framadate - eine Alternative zu «Doodle»- die Köpfe zusammen.

Ein Schminkstand im Treppenhaus

«Einmal im Jahr gibt es ein Treppenhaus-Fest, bei dem jede WG auf ihrem Stockwerk eine Attraktion plant», berichtet Andreas. So wurde zum Beispiel ein Schminkstand oder eine Bar im Treppenhaus aufgebaut. Die Transparenz zwischen den Nachbar*innen sei sehr wichtig – das Küchenfenster mit Sicht auf das Treppenhaus und das nachbarliche Esszimmer sprechen für sich.

«Formt eine Gemeinschaft» – dieser Grundsatz wird auch von der Baugenossenschaft sehr gefördert. Alle zwei Monate findet eine Hausversammlung statt, in der Themen besprochen werden, die für alle relevant sind.

«Früher führten wir Veranstaltungen durch, da hat der Raum nicht ausgereicht für die vielen Menschen!», erzählt Andreas. Mit früher meint er vor Corona. Da gab es auf dem Areal noch ein Sonntagscafé, welches von Bewohner*innen betrieben wurde. Im Kampf gegen den unsichtbaren Feind hätte sich die ganze WG ins Home-Office verkrochen, kommt aber drei bis vier Mal die Woche beim gemeinsamen Essen am Küchentisch zusammen.

Andreas will auf dem Hunziker Areal noch viel erleben, das Potenzial der Genossenschaft sei riesig: Man habe es geschafft, als Nachbarschaft richtig zusammen zu leben. «Das ‹Wir-Gefühl› stimmt hier einfach!»


Mehr Informationen zum Hunziker Areal: Hier

Fokusmonat «Wohnen» 2020
Dieser Artikel ist im Rahmen unseres Fokusmonats «Wohnen» entstanden. Neben dem hier veröffentlichten Bericht, sammeln wir mit einem Crowdfunding momentan Geld, um herauszufinden wem Zürich gehört. Zudem organisieren wir auch dieses Mal eine Pitch-Night, Podien und machen mit einer Stadtforscherin einen Spaziergang durch die Weststrasse.

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