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Gudrun Geissberger (Alle Fotos: Elio Donauer)

Das Leben am Holunderweg: Bereicherung und Herausforderung zugleich

In der altersgemischten Hausgemeinschaft der ABZ-Siedlung Jasminweg 2 treffen das sechs Monate alte Baby und die 80-jährige Dame aufeinander. Tsüri.ch traf Gudrun Geissberger, die seit den Anfängen dort wohnt zum Gespräch und ging dem Phänomen der Generationenhausgemeinschaft auf den Grund.
19. November 2020
Praktikantin Redaktion

In dieser Serie entdecken wir die unterschiedlichsten Wohnformen, die Zürich zu bieten hat.


«Ich rechnete mir zunächst keine grossen Chancen aus hier einzuziehen!», erzählt Gudrun Geissberger. Zusammen mit ihrem Mann und ihren zwei Töchtern lebte sie früher in Regensberg oberhalb von Dielsdorf. Mit dem Wunsch, in eine Gemeinschaft mit stärkerem Austausch zu ziehen, ging sie 2011 an den Informationsabend der ABZ, die damals zum ersten Mal das Wohnprojekt einer altersdurchmischten Gemeinschaft in die Tat umsetzen wollte. Dafür durchliefen die Bewerber*innen ein intensives Verfahren. Zusammen mit 35 anderen Bewohner*innen durfte Geissberger mit ihrer Familie schliesslich in die Hausgemeinschaft Holunderweg ziehen, welche in die Siedlung Jasminweg 2 eingebettet ist.

Gemeinsame Werte trotz Kulturclash

Bevor alle Bewohner*innen eingezogen sind, habe man sich ein Jahr im Voraus überlegt, was man für gemeinsame Werte und Ziele in der Nachbarschaft haben wolle und sich dementsprechend oft ausgetauscht, meint Geissberger. Auch heute noch sei eine direkte Kommunikation das A und O für ein entspanntes Verhältnis. Es sei logisch, dass man in einem Haus mit 16 Wohnungen nicht mit allen Nachbar*innen eine enge Beziehung pflege und diese Wohnform auch Herausforderungen mit sich bringe. Doch Geissberger sieht das gelassen:

Ich kann die andere Person nicht ändern, ich kann nur mich ändern.
Gudrun Geissberger

Mittlerweile pensioniert, arbeitete Geissberger früher in der Heilpädagogik und Migration. Dass hier Jung und Alt aus verschiedenen Kulturen aufeinandertreffen, findet sie besonders bereichernd und schätzt die Herzlichkeit der verschiedenen Landsleute. Da ihre eigenen Töchter mittlerweile flügge geworden sind, geniesst sie es, dass so viele Kinder auf dem Areal sind. Eine Kinderkrippe ist nur einen Katzensprung entfernt.

«Ich kann meinen Sohn unbesorgt auf den Spielplatz schicken und mit den Nachbarskindern spielen lassen», schaltet sich Adrian von Scarpatetti ein. Der selbstständige Tontechniker wohnt mit seinem Kind seit dreieinhalb Jahren im Holunderweg auf 120 Quadratmetern. Für diese zahlt er mit Tiefgarage um die 1’800 Franken. Je höher man wohne, desto teurer werde es, so wäre die Faustregel, berichtet Geissberger. Sie selbst wohnt mit ihrem Mann in einer 3.5-Zimmer-Wohnung.

Adrian von Scarpatetti

Auf eine gute Nachbarschaft

Die ABZ trifft die Vorauswahl der potentiellen Bewerber*innen für die Siedlung Jasminweg 2. In einem nächsten Schritt liegt das Bewerbungsverfahren in den Händen ausgewählter Bewohner*innen. Diese wählen die möglichen Nachbar*innen anhand einer Vorstellungsrunde aus und entscheiden dann, ob diese in die Minergie-Häuser einziehen dürfen.

Auf Anraten der ABZ habe man einen Verein gegründet, um rechtlich abgesichert zu sein, erklärt Geissberger. Sie selbst ist seit etwa zwei Jahren im Präsidium der Siedlungskommission. Sie berichtet von verschiedenen Arbeitsgruppen, die sich auf freiwilliger Basis z.B. dem kulturellen Leben der Siedlung widmen. Mit einem gewissen Budget würde man so unter anderem Apéros, Weihnachtsessen oder Balkonkonzerte organisieren. Auch wenn die Nachbarschaft Corona wegen eher auf Abstand gehen musste, hätte es das Gemeinschaftsgefühl noch mehr gestärkt. Man würde einander aushelfen und sei füreinander da. Der Austausch sei unter anderem auch durch einen Chat der Hausgemeinschaft gewährleistet. Ganz zu schweigen vom Gemeinschaftsraum und den fünf Ateliers und Bastelräumen der ABZ.

Im Hintergrund ein 8.5 Meter hohes Kunstprojekt namens Snaporaz. Laut Künstler Marco Ganz darf jede*r für sich selbst entscheiden, was es darstellen soll.

Das Phänomen der Generationenhausgemeinschaft

Mit nur einem minimalem Aufwand sollte eine solche Wohnform wie bei ihnen eigentlich möglich sein, findet Adrian von Scarpatetti. Recht hat er: Nicht umsonst setzten die Baugenossenschaften in der Stadt Zürich immer mehr auf altersdurchmischte Siedlungen. So zum Beispiel auch das Hunziker Areal, das Wohn- und Gewerbehaus Kalkbreite, die Siedlung Ruggächern, das Zollhaus oder das Generationenhaus Heizenholz. In diesen Siedlungen leben die verschiedenen Generationen entweder in derselben Siedlung oder gar unter demselben Dach.

Kontakte zwischen den Generationen seien gut und wichtig – sowohl für die Gesellschaft als auch für den einzelnen Menschen, schreibt Andreas Sidler von der Zürcher Age-Stiftung im entsprechenden Age-Dossier. Das gegenseitige Verständnis und die damit verbundene Solidarität zwischen Jung und Alt sollen gefördert und stereotypisierenden Vorurteilen entgegengewirkt werden. Insbesondere ältere Menschen können von so einer Wohnform profitieren; im Pensionsalter können die Arbeitskolleg*innen wegfallen, die Mobilität ist eingeschränkt, was zu Einsamkeit führen kann.

Eine Studie des Age-Dossiers sagt aus, dass die engsten nachbarschaftlichen Kontakte der 50- Plus-Jährigen zu Gleichaltrigen seien. Dr. Alexander Seifert, Soziologe und Bereichsleiter der Gerontologie an der UZH erklärt sich das im Age-Dossier wie folgt: Bei den älteren Menschen stehe der Austausch untereinander im Vordergrund, sie wollen mitgestalten und ihr Wissen weitergeben, wohingegen junge Familien sich Bezugspersonen suchen, die zu dem Kind-und-Spielplatz-Lifestyle passen.

Nachbarschaftliche Projekte, wie zum Beispiel das Planen einer Veranstaltung, könnten Jung und Alt zusammenführen; anhand des jeweiligen Wissens und den Fertigkeiten könnte man viel voneinander lernen. Die jungen Menschen stehen dem besonders positiv gegenüber, wenn die Partizipation freiwillig ist.

Laut einer Umfrage zur Generationensolidarität des Bundesamtes für Statistik von 2018 sind 68 Prozent der Befragten der Meinung, dass sich erwachsene Kinder um ihre älter werdenden Eltern kümmern sollten. Der Familienbegriff wird heutzutage ein wenig ausgeweitet; sollte die Kernfamilie jedoch einmal nicht dazu in der Lage sein, könnten solche generationverbindenden Siedlungen im Alltag einander aushelfen, wenn auch nicht die Familie ersetzen. Auch Seifert ist laut dem Age-Dossier derselben Meinung; jedoch sollte unter den Nachbar*innen nicht primär die Unterstützung, sondern vor allen Dingen die emotionale Beziehung im Vordergrund stehen. Diese könnte schon durch ein einfaches «Wie geht es dir?» gewährleistet werden. Durch die physische Nähe zu den Nachbar*innen kann, aber muss nicht ein freundschaftliches Verhältnis entstehen. Der nachbarlichen Freundschaft wegen würden in Zürich 70 Prozent der über 65-Jährigen bei einem Umzug im gleichen Quartier wohnen bleiben wollen.

Gudrun Geissberger hat am Holunderweg ihr Zuhause gefunden und will gar nicht mehr weg. «Bald haben wir in der Siedlung sogar einen Beautysalon!», freut sie sich.


Mehr Informationen zu der Siedlung Jasminweg 2: Hier

Fokusmonat «Wohnen» 2020
Dieser Artikel ist im Rahmen unseres Fokusmonats «Wohnen» entstanden. Neben dem hier veröffentlichten Bericht, sammeln wir mit einem Crowdfunding momentan Geld, um herauszufinden wem Zürich gehört. Zudem organisieren wir auch dieses Mal eine Pitch-Night, Podien und machen mit einer Stadtforscherin einen Spaziergang durch die Weststrasse.

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