Bullshit-Job? 💩

Das heimliche Leiden der Bäuer*innen

Die Philosophin und Landwirtin Sarah Heiligtag begleitet Bauernhöfe, die aus der konventionellen Landwirtschaft aussteigen wollen. Im Interview spricht sie über die menschlichen Bürden in der Nutztierhaltung und ergänzt die Debatte um eine ungesehene Perspektive.
15. Juli 2019

Ob Tierquälerei, Regenwaldrodung oder Methanausstoss – die Nutztierhaltung hat viele schädliche Facetten. Doch wie steht es eigentlich um die Menschen, die unsere tierischen Lebensmittel produzieren?

Sarah Heiligtag vom Hof Narr berät Schweizer Bauernhöfe, die auf eine gewaltfreie, also vegane Landwirtschaft umstellen wollen. Sie weiss von der psychischen Belastung in der Nutzierhaltung, von den sozialen Herausforderungen beim Ausstieg und von der Wut, die einige Bäuer*innen empfinden.

Gibt es Bäuer*innen, die wütend auf Konsument*innen sind?

Sarah Heiligtag: Ja, in ihrer Verzweiflung wälzen einige Bäuer*innen die Verantwortung erstmal ab. Sie leiden unter der Milchproduktion und sind wütend, dass Konsument*innen immer noch Milch kaufen.

Viele denken, dass der Konsum von tierischen Produkten genau das ist, was Bäuer*innen ein gutes Leben ermöglicht.

Ich habe aktuell mit ein paar jungen Menschen zu tun, die sehr unter ihrer Situation leiden. Sie spüren, dass sie das, was täglich passiert, eigentlich gar nicht wollen. Sie finden es emotional beispielsweise sehr schwierig, der Mutterkuh ihr Kalb wegzunehmen. Ein Bauer hat mal zu mir gesagt, dass das ganze System des Teufels sei. Die Gewalt, die täglich an Tieren verübt wird, überträgt sich zum Teil auch auf zwischenmenschlichen Beziehungen und auf die Familie. Drogen, Alkohol und Selbstmordgedanken spielen immer wieder eine Rolle. Die Bäuer*innen, die zu uns kommen, haben permanent das Gefühl, etwas müsste anders sein. Ich bin immer wieder erschüttert, wenn ich höre, wie sehr sie da drin gefangen sind.

Wenn der Sohn auf eine gewaltfreie und vegane Produktionsweise umstellen möchte, gibt es im schlimmsten Fall Prügel und im besten Fall andauernde Kritik.

Wir leben in einem freien Land. Was meinst du mit gefangen?

Gefangen durch den sozialen Druck. Oft übernehmen Bäuer*innen den Betrieb vom Vater, der es halt schon immer auf eine bestimmte Art gemacht hat. Wenn der Sohn dann auf eine gewaltfreie und vegane Produktionsweise umstellen möchte, gibt es im schlimmsten Fall Prügel und im besten Fall andauernde Kritik. Sich gegen die eigenen Eltern aufzulehnen ist immer schwierig, das kennen wir ja alle.

Ginge es denn anders?

Ja, aber es fehlen die Informationen und das Wissen darüber, dass eine vegane Landwirtschaft funktionieren kann – auch ohne tierischen Dünger.

Und der finanzielle Aspekt spielt keine Rolle?

Nein. Nur insofern, als dass man sich statt der Tiernutzung auf einen anderen Aspekt der Landwirtschaft fokussiert. In der Bevölkerung herrscht da eine falsche Idee vor. Direktzahlung erhältst du unabhängig davon, ob du Tiere tötest oder nicht. Ausserdem gibt es eine Vielfalt an Grundnahrungsmitteln, die vermehrt in der Schweiz angebaut werden könnten, anstatt sie zu importieren.

Fast jeder Bauer baut heute schon Nahrungsmittel an – hauptsächlich Weizen und Mais – allerdings wird das an die Tiere verfüttert. Auf der gleichen Fläche könnte man x mal mehr Nahrungsmittel für Menschen produzieren. Mit dem Anbau von Superfoods oder Eiweissprodukten lässt sich ein gutes Einkommen generieren. Hinzu kommen neue Programme für die Förderung von Biodiversität oder das wachsende Interesse von Städter*innen, Zeit auf dem Land zu verbringen. Ob Übernachten im Stroh oder Bildungsarbeit – wer sich traut, kann aus einem Hof vieles machen.

Ein Bauer sagte mal zu mir: Ich habe mich mir selbst noch nie so nahe gefühlt wie jetzt, wo ich meinen eigenen Weg gehe.

Dann ist es die eigene Familie, die einem im Weg steht?

Jein. Die Familie, aber auch das restliche soziale Umfeld. Es handelt sich um Höfe, die schon seit Generationen existieren. Man kennt den Fritz seit 200 Jahren, denn sein Vater hiess auch schon Fritz und sein Grossvater ebenso. Und wenn Junior Fritz etwas anders macht, dann weiss das ganze Dorf bescheid. Ich kenne nicht alle Berufsstände, aber die Welt der Bäuer*innen ist in Vielem sehr eigen. Hinterfragen ist, genau wie bei der Konsumgesellschaft, nicht erwünscht. Wer es wagt, neue Wege zu gehen, über den oder die wird sich zunächst lustig gemacht. Es braucht viel Rückgrat. Aber wenn man es letztlich durchzieht, macht es auch enorm stark. Ein Bauer sagte mal zu mir: «Ich habe mich mir selbst noch nie so nahe gefühlt wie jetzt, wo ich meinen eigenen Weg gehe».

Wie viele Bäuer*innen kennst du, die die Norm gebrochen haben?

Mit 15 Personen sind wir aktuell im Prozess zu einer veganen Landwirtschaft. Toni ist der Erste, der an die Öffentlichkeit geht und offen darüber redet. Die meisten möchten das nicht. Sie wollen einfach aufhören zu töten und ohne Tränen ins Bett gehen. Aber in der Zeitung muss das nicht stehen.

Vernetzt du nebst deiner Aufklärungsarbeit auch Aussteiger*innen untereinander?

Ja, das versuche ich. Die lustigste Situation war ein Bauer, der mich bat, einem anderen Bauern nichts von seinem Wandel zu erzählen. Der besagte andere Bauer hatte mich aber bereits in eigener Sache kontaktiert. Jetzt tauschen sie sich erleichtert aus.

Was würdest du einem unzufriedenen Bauern sagen, der nicht genau weiss, woher sein Kummer kommt?

Ich würde nichts sagen. Ich würde lediglich Fragen stellen: Wenn du in dich hinein hörst, wie geht es dir bei deiner täglichen Arbeit? Gäbe es eine Möglichkeit, wie es dir besser gehen könnte? Machst du das alles aus freien Stücken oder weil es schon immer so gemacht wurde?

Schaut was hinter dem Produkt steckt und ob jemand für dieses Produkt – sei es ein billiges T-shirt oder Nahrungsmittel – gelitten hat.

Dieses Vorgehen kennt man aus der Psychotherapie. Du sagst nicht, was man denken soll, sondern schaffst Raum für eigene Erkenntnisse.

Das ist auch der Punkt, warum ich nicht an Türen klopfe und sage wie es laufen soll. Ich möchte die Selbstbefähigung fördern. Ich liebe Gespräche und befruchtende Diskussionen. Im Dialog findet man heraus, welche Umstände einen Menschen zu dem gemacht haben, der er oder sie ist. Und wieso es ihm oder ihr jetzt so ergeht.

Zum Schluss: Was möchtest du uns Konsument*innen mitgeben?

Hinterfragt! Nehmt die Sachen nicht einfach so hin, sondern hinter-fragt sie. Beschafft euch Informationen, schaut was hinter dem Produkt steckt und ob jemand für dieses Produkt – sei es ein billiges T-shirt oder Nahrungsmittel – gelitten hat. Und dann solltet ihr euch fragen: Kann ich das verantworten? Möchte ich das unterstützen? Fragen stellen ist das Wichtigste. So wie Kinder es von Natur aus tun.

Praktikantin Civic media

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