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Bild: texaid.ch

Das Geschäft mit Kleiderspenden: Wie meine Jacke auf Ebay landete

Ein bunter Haufen plumpst in die Kleidersammlung. Ich trenne mich von T-Shirts, Hemden, Pullovern und einer Jeansjacke. Einige Monate später begegne ich der Jeansjacke wieder. Auf Ebay. Für 160 Dollar. Erschrocken muss ich feststellen, dass die Kleiderspende noch lange keine «Kleiderspende» ist. Die Schnitzeljagd um meine Jeansjacke ist eröffnet.
19. September 2019

Es kann nur meine Jeansjacke sein. Ich weiss das, weil auf der Brust mein Name steht. Ein Unikat, das es kein zweites Mal auf der Welt gibt. Trotz ihrer Einzigartigkeit habe ich sie in den Kleidersammelcontainer geworfen. Jemand anderes wird sie mehr brauchen, dachte ich. Vielleicht ein Waisenkind aus Syrien oder ein verängstigter Teenager aus dem Tschad. Ganz gleich wer, der*die neue Besitzer*in wird sicher dankbar sein. Meine Gedanken hüllten sich in naive Zufriedenheit. Nie hätte ich erwartet, dass jemand meine Jacke für 160 Dollar auf Ebay verkauft. Wie ist das überhaupt möglich?

Von Zürich in die Ukraine auf Ebay

Er habe meine Jeansjacke in einem Second-Hand-Shop gefunden, erklärt Danylo, der Ebay-Verkäufer. Alles, was er auf Ebay verkaufe, stamme aus einem Kleiderladen in der Stadt Czernowitz im Westen der Ukraine. Meistens seien es Sachen aus der Schweiz, schliesst er. Weitere Antworten liefert er nicht. Vermutlich werden ihm meine Fragen unangenehm.

Die Jacke von Captain Popovic aka Severin Miszkiewicz.

Sonst läuft es aber gut für Danylo aus der Ukraine. Danylo*, der in Wahrheit anders heisst, verkauft auf Ebay Luxuskleidung. Sein Sortiment lässt sich sehen: Hemden von Yves Saint Laurent, T-Shirts von Comme des Garçons und sogar Jacken von Acne Studios. Letztere verkauft er für nur 260 Dollar. Kein schlechter Deal, vor allem für Danylo, denn alle Artikel sind in der Schweiz gespendet worden.

Verblüfft realisiere ich, dass meine gespendete Kleidung gar nicht in Syrien oder dem Tschad gelandet, sondern in einen Second-Hand-Shop in Czernowitz verkauft worden ist. Daran ist aber gar nichts neu. Texaid, die Firma, die meine Jacke in die Ukraine brachte, verkauft schon seit 40 Jahren gebrauchte Textilien. Nur hatte ich keine Ahnung davon.

Es ist allgemein bekannt, dass wir die Textilien veräussern.
Martin Böschen, CEO der Texaid-Gruppe

Texaid ist ein Zusammenschluss Schweizer Hilfswerke. Das Ziel: Kleidung sammeln, sortieren und verwerten. Knapp die Hälfte (55 Prozent) der gesammelten Kleidung wird an Second-Hand-Läden weiterverkauft, das meiste nach Osteuropa. Der Rest wird zu Putzlappen weiterverarbeitet (35 Prozent) oder landet im Abfall (10 Prozent). Die Kleidung wird also gar nicht gespendet, sondern verkauft; mit dem Erlös unterstützt Texaid karitative Projekte.

Martin Böschen, CEO der Texaid-Gruppe, versteht die Verwirrung nicht: «Es ist allgemein bekannt, dass wir die Textilien veräussern.» Aber ist das auch wirklich der Fall? Zwar werden auf der hauseigenen Website Zahlen und Geschäftsberichte offengelegt, aber ob diese weitherum bekannt sind, ist zu bezweifeln. Immer noch verbinden viele Menschen die Kleidersammlung mit einer direkten Kleiderspende. Müsste man sich also zuerst durch Geschäftsberichte durchwühlen, bevor man seinen Kleiderschrank ausmistet? Diesen Trugschluss sieht Böschen ein: «Nach wie vor ist in den Köpfen die Idee der Spende vorhanden, aber wir versuchen seit zwanzig Jahren so transparent wie möglich zu sein.»

Ein üblicher Container von Texaid. (Quelle: www.texaid.ch)

Transparent ja, aber wie steht es um die Verständlichkeit? Die Information auf den Textilsammelcontainern ist vage gehalten: «TEXAID macht das Beste aus gebrauchten Kleidern», «schafft wertvolle Arbeitsplätze» und «erwirtschaftet finanzielle Mittel für die Hilfswerke». Sätze, die alles bedeuten könnten. Statt klaren Worten leuchten die Logos der Partner wie das Rote Kreuz, Caritas, Winterhilfe Schweiz und HEKS. Die Assoziation einer Direkthilfe liegt also nahe und sogar der Name «Aid» in Texaid suggeriert Hilfe.

David Hachfeld, Fachverantwortlicher der Clean Clothes Campaing von Public Eye, sieht das ähnlich: «Es wäre klarer, wenn Texaid nicht Texaid hiesse, sondern Texverwertung.» Die Schuld sieht er aber nicht bei der Firma: «Viele Leute wollen sich nur ihrer Altkleider entledigen, selbst wenn diese noch einwandfrei sind. Sie fragen aber gar nicht, was danach passiert. Was ist mit dem Transport? Der Lagerung? Der Selektion?»

In meinem Fall stimmt das sicher. Jahrelang warf ich volle Kleidersäcke in die Container, ohne mir diese Fragen zu stellen. Wie das Konzept der Kleidersammlung funktioniert, erläutert mir der Texaid-Chef im Detail. Die Direkthilfe sei seit langer Zeit eine Nische und nicht mehr gewollt, erklärt Böschen. «Bei uns landen nur Einzelteile. Wer entscheidet denn, wer was bekommt? Wir haben nicht Zehntausend der gleichen Pullover und Hosen in den Grössen S bis XL.» Bei Katastrophenhilfe ist es also viel wichtiger, die Materialen lokal zu beschaffen. So wird einerseits der Bedarf besser geregelt, andererseits auch die Industrie unterstützt. Dieses Vorgehen sei nichts neues, erklärt Böschen. Seit 50 Jahren ist es die Regel, dass Textilien aus der Kleidersammlung nicht gespendet werden.

Im letzten Jahr sammelte Texaid 81'163 Tonnen Textilien. Das sind etwa 150 Millionen Einzelteile: Blusen, T-Shirts, Schuhe, Socken, Bettwäsche und andere Kleidungsstücke. Jedes einzelne Teil wird von Hand auf Qualität und den Marktwert geprüft und später verkauft. «Die meiste Kleidung verkaufen wir für einen Durchschnittspreis von etwa fünf Euro», gibt Böschen an. Hierbei handelt es sich jedoch bloss um Angaben der Secondhand-Shops in Deutschland, wo nur wenige gesammelte Alttextilien verkauft werden. Angaben zu Secondhand-Shops in anderen Ländern kann Texaid nicht machen.

Letztes Jahr konnte Texaid aus dem Erlös der Sammlung 12.4 Millionen Franken an gemeinnützige Partner*innen auszahlen. Davon gingen 8.1 Millionen Franken an Organisationen in der Schweiz. Dass in der Kleidersammlung eine Jacke mit Wert von über 100 Franken auftauche, sei extrem selten, erklärt Böschen. «Um so was zu finden, muss man schon Tausende, wenn nicht Hunderttausende Teile durchsuchen.»

Für mich ist das wie ein Märchen über unsere Konsumgesellschaft.
David Hachfeld, Fachverantwortlicher der Clean Clothes Campaing von Public Eye

Danylo ist also ein sehr glücklicher Perlentaucher. Sein Geschäftsmodel ist simpel: Er durchstöbert Second-Hand-Shops und verkauft unentdeckte Schätze als Vintage. Hachfeld von der NGO für globale Gerechtigkeit ist von diesem Konzept fast schon entzückt: «Für mich ist das wie ein Märchen über unsere Konsumgesellschaft. Wir entsorgen so viele Sachen, die noch Wert haben, und das hat dieser schlaue Fuchs nun erkannt. Ich finde, das ist jemand, dem man auf die Schultern klopfen sollte.»

Auch wenn ich nun besser verstehe, was mit meiner entsorgten Kleidung passiert, kann ich mich nicht im gleichen Masse für Danylo freuen. Bei mir breitet sich eher Ärger aus, wenn ich daran denke, dass jemand aus meiner Naivität Profit schlägt. Hachfeld versteht meine Empörung nicht. «Schliesslich war Ihnen die Jacke nichts mehr wert und darum haben Sie sie entsorgt.»

Kauft Danylo hier ein? Ein Second-Hand-Shop in Czernowitz. (Quelle: Google Maps)

Das stimmt jedoch nicht so ganz. Tatsache ist zwar, dass ich die Jacke nicht mehr wollte, aber ich hätte sie auch nie auf den Müll geworfen. Dass ich die Jacke in die Kleidersammlung gab, war eine bewusste Entscheidung. Eine Entscheidung, die ich traf, weil ich im Glauben war, jemand in Not würde die Jacke erhalten. Auch wenn Texaid mit dem Erlös meiner Jacke Hilfswerke unterstützt, hat Danylo einen viel höheren Betrag für seine eigene Kasse abbuchen können. Und genau dieser Umstand hinterlässt einen bitteren Nachgeschmack. Hätte ich gewusst, dass meine Jacke verkauft wird, hätte ich mir zweimal überlegt, was ich mit ihr mache. Die ehemaligen Besitzer*innen des Yves Saint Laurent-Hemds und der Acne-Jacke aus Danylos Shop sehen es vielleicht ähnlich.

«Würden Sie es denn anders machen oder würden Sie nochmals das gleiche tun?», fragt Hachfeld. Ich kann die Frage nicht beantworten. Im besten Fall hätte ich meine Jacke selber verkauft, statt sie in den Container zu werfen. Hätte selber ein Foto gemacht, selber eine Ebay-Angebot erstellt, den Erlös von meinem Konto abgehoben und damit direkt ein Hilfswerk unterstützt. Hättest du das getan?

*Name der Redaktion bekannt.

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