Das Ende vom legendären Perückenladen an der Langstrasse

«Tuet mer so leid für dich» ist das Erste was zu hören ist, wenn Kund*innen den Laden «Perücken Haar-M.» betreten. Ihre Kondolenz ist völlig berechtigt, denn für den Besitzer Martin Furrer sind die schlimmsten Befürchtungen eingetroffen: Nach über 30 Jahren im Verkauf muss er nun sein Ladenlokal schliessen. Damit verschwindet der traditionsreiche Perückenladen endgültig.
02. Juli 2018

Wenn man mit Martin Furrer (siehe Titelbild) nur wenige Worte wechselt, fällt sein trockener, herzlicher Humor sofort auf. Und obwohl ihm seit einiger Zeit weniger zum Lachen zumute ist, fallen doch immer wieder zwischen der fachlichen Beratung einige Sprüche. Der gelernte Coiffeur und Maskenbildner stieg nach der Ausbildung direkt beim Betrieb des Vaters, Max Furrer, ein: dem «Perücken Haar-M». 1987 bezogen sie den Laden an der Langstrasse 195 und genossen als buntes Unikat grosse Beliebtheit. Mit der Fassadendekoration gewann Max Furrer sogar den 1. Förderpreis der Langstrasse. 2014 kam dann für Martin die ernüchternde Botschaft: Die Besitzerin der Liegenschaft sowie der darüberliegenden Wohnung meldete Eigenbedarf an. Ein Kündigungsgrund, der nur schwer anfechtbar ist.

So wollte die Besitzerin das Lokal ihrem Sohn, einem HSG-Studenten, übergeben, der einen Laden für Handyhüllen eröffnen wollte. Aus der Wohnung über dem Lokal, in der Martin wohnte, sollte ein Büro werden. Doch Martin gab nicht sofort auf; etwas Kämpferisches steckt schliesslich in ihm. Die Besitzerin echauffierte sich über die Unordnung im Laden, doch ihre Argumente über Chaos und Unordnung hielten schliesslich nicht stand. Der Eigenbedarf galt aber als legitim. Von der Schlichtungsbehörde erhielt Martin drei Jahre Zeit, um einen neuen Standort zu finden. Seit November 2016 ist der Laden an der Kornhausstrasse 12. Dort sollte das Chaos weiter bestehen dürfen. «Der Arbeitsplatz meines Vaters war auch nie ordentlich. Sein Geist wollte ich an die Kornhausstrasse mitnehmen», sagt Martin und lächelt verschmitzt. Doch die neue Lage zeigte rasch ihre Schwächen. Die Laufkundschaft, wie sie die Langstrasse geboten hat, fehlt. Und während der angekündigte Handyhüllen-Laden aus unerfindlichen Gründen nie eröffnet wurde, so lässt sich als Motiv «Mieterhöhung» auch nur vermuten; auch wenn gemäss Tagesanzeiger der Preis pro Quadratmeter an der Langstrasse in den letzten sieben Jahren um 89% anstieg.

Die Verzierung über dem Ladeneingang an der Langstrasse im Sommer 2004. Gebaut von Max Furrer, installiert von Werner Schoop und Martin Furrer.

Perücken mit Ethik

Nicht nur um den Standort an der Langstrasse kämpfte Martin. Auch Ökologie und Ethik sind Themen, die er aktiv anpackt. Mit «Filme für die Erde» verleiht er DVD’s, die sich mit Nachhaltigkeit befassen und mit dem eigenen Projekt KMUST hinterfragt er die Handels- und Produktionsbedingung Chinesischer Produkte. «Ich bekam immer wieder E-Mails aus China bezüglich ihrer Perücken. Ich schrieb zurück, dass ich aus politischen Gründen ihre Ware nicht direkt importieren möchte», erklärt Martin. Dafür ist er stolz auf seine Perücken aus Südkorea und Deutschland, die zu fairen Bedingungen hergestellt wurden. Doch dem Lauf der Dinge konnte Martin nicht trotzen. Die Echthaarperücken, die Max Furrer im Atelier selbst noch von Hand knüpfte, wurden seltener verlangt und auch die aus Südkorea konnten dem Preisdruck nicht standhalten. «Die Leute möchten eben etwas günstigeres, auch wenn die Qualität darunter leidet», erklärt Martin. Der wild durchmischten Kundschaft – von Theaterschaffenden, Partygänger*innen, Drags bis zu Menschen, die aus medizinischen Gründen Perücken benötigen – bot «Haar-M.» auch Kostüme, Schminkutensilien, Scherzartikel und vieles weitere. Seine Kundschaft beriet Martin lieber ehrlich, anstatt ihnen etwas anzudrehen. Dies unterstreicht er mit der Anekdote über eine Perücke, die er nicht verkaufte, da er dem Kunden riet, auf diese zu verzichten.

Merklich sind aber die Zweifel und Bedenken zu hören, wenn Martin von seiner Geschichte erzählt. Vieles hätte anders gemacht werden können. Verständlich ist der Schmerz des Verlustes, doch zeugen die Reaktionen der Kund*innen von einer Erfolgsgeschichte des sympathischen Perückenladens von Zürich. Fragt man Martin, was die Zukunft wohl für ihn bereit halte, presst er seine Lippen zusammen und zieht die Schultern hoch. Wenn er dann darüber spricht mit etwas Schwermut, da im Moment kein Plan B existiert und er um jede Hilfe dankbar ist. Der Entschluss steht fest: «Ich habe gespürt, dass ich Konkurs gehen werde. Mir blieb nichts mehr anderes übrig als aufzuhören.» Im Juli schliesst er zum letzten Mal die Türen. Ein letzter Wunsch ist es, dass das übrige Inventar nicht entsorgt werden muss und der Laden, ohne Umbau, übernommen werden könnte.

Der Totalausverkauf mit 50% Rabatt auf alle Produkte dauert noch bis Mitte Juli.

Bilder: Dominik Wolfinger


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