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Gertraud Määttänen auf der Dachterrasse, die sich über die ganze Liegenschaft zieht. (Foto: Lara Blatter)

«Das Café Boy ist nicht mehr dieser politische Ort»

Gertraud Määttänen arbeitete Ende der 1960er Jahre im Café Boy und wohnt seither im Haus. Im Keller, wo sich heute die Waschküche befindet, soll früher illegales Propagandamaterial gedruckt worden sein. Die 79-Jährige schaut zurück.
30. Dezember 2020
Redaktorin

Sie haben im Café Boy gearbeitet als Max Winiger, Gründungsmitglied der «Genossenschaft Proletarische Jugend», noch lebte. Welche Erinnerungen kommen da hoch?

Ich bin gegen Ende der Winiger-Ära ins Boy gekommen und habe Max und seine Frau Ida Winiger im Pensionsalter kennengelernt. Die beiden führten das Boy und das Wohnheim Ende der 60er-Jahre. Ich habe ein schönes Bild von Max Winiger in Erinnerung: Er raucht seine Brissago-Zigarren, die Asche fällt an ihm runter und ihn stört es nicht. Er war ein Zürcher Politiker und Kantonsrat. Er hat ein grosses Herz gehabt und den Menschen geholfen – hatte man Probleme, so wusste man, dass man zu ihm ins Boy gehen konnte.

Und seine Frau?

Jeweils am 1. Mai hat Ida Winiger die rote Fahne auf der Dachterrasse gehisst. Als sie alt wurde und keine Kraft mehr hatte, haben wir Mitarbeiterinnen das übernommen.

Das Haus wurde als Arbeiterwohnheim gegründet, sie kamen als solche Arbeiterin hierher. Was hat sich verändert?

Aus dem Wohnheim wurden Wohnungen. Das waren ursprünglich kleine, möblierte Zimmerchen mit Einzelbetten. Toiletten und Waschraum haben wir gemeinschaftlich genutzt. Damals hat man nicht so viel Komfort gebraucht, heute ist das kaum denkbar. Und es war immer was los – im Wohnheim sowie auch im Boy. Das war schon was, wenn das Restaurant «bummsvoll» war. Zeitweise waren wir viele Mädchen im Wohnheim und es konnte den Winigers auch mal zu laut werden, wenn wir Jungs zu Besuch hatten. Max Winiger hat sie dann weggescheucht, sie sind dann jeweils auf die Dachterrasse geflohen.

«Damals hat man nicht so viel Komfort gebraucht», sagt Gertraud Määttänen. Ein Doppelzimmer im Wohnheim um 1934. (Foto: Schweizerisches Sozialarchiv)

Warum sind Sie als junge Frau aus Österreich hierhergekommen?

Eine Freundin von mir ist damals in Zürich gewesen und meinte, ich soll auch kommen. Ich habe mir gedacht: «Ja komm, ein halbes Jahr gehst du in die Schweiz.» So spielt das Leben und man bleibt an einem Ort hängen. Mein Mann ist Finne, ihm ist es ähnlich gegangen.

Wie haben Sie ihn kennengelernt?

Er kam ins Boy, weil er das Fotolabor im Keller nutzen wollte. So haben wir uns kennengelernt. Anfangs haben wir noch unverheiratet zusammengelebt, was damals verboten war. Einige im Boy haben sogar gedroht, uns zu verpfeifen. (lacht)

Nebst dem Fotolabor gab es ja auch eine Druckerei. Im Interview im Buch «Proletarische Jugend Zürich» erzählen Sie, dass dort illegale, antifaschistische Propaganda gedruckt wurde.

Zu meiner Zeit im Boy ist es ziemlich friedlich gewesen. Das sind Anekdoten von Max Winiger. (Anm. d. Red.: Deren Wahrheitsgehalt kann nicht überprüft werden, da keine Quellen existieren) Er hat viel darüber erzählt, wie es in den Anfangszeiten der Genossenschaft und während dem Zweiten Weltkrieg zu und her ging.

Wild?

Winiger und seine Freunde sollen «Fröntler» verprügelt haben. Draussen vor dem Boy hat es angeblich eine Telefonkabine mit doppeltem Boden gehabt, um Leute vor der Polizei zu verstecken. Und in der Druckerei im Keller sind Plakate und Flugblätter gedruckt worden. Wenn ich daran denke, wie Winiger erzählt hat, dass früher Sozialist*innen und Franco-Gegner*innen im Haus verkehrten, muss ich sagen: Diese blühenden Zeiten sind vorbei. Oder anders gesagt, das Café Boy ist nicht mehr dieser politische Raum, der es einst war.

Warum war dieser Ort wichtig?

Zu Zeiten des Wohnheims sind wir eine Gemeinschaft gewesen. Diese zu haben, war wichtig und wäre es auch heute noch. Es leiden viele Menschen und in vielen ist der Wille der Gemeinschaft verkümmert. Man hat das Gefühl, dass man keine anderen Leute mehr braucht. Ich glaube, die Menschheit sollte sich für sozialistische Themen wie Gleichberechtigung und Lohngleichheit stark machen. Mir ist wichtig, dass die Gesellschaft nicht noch weiter auseinanderdriftet.

Das Café Boy und sein politisch roter Faden
Das Haus, in dem sich das Café Boy befindet, ist gesellschaftlich, politisch sowie architektonisch spannend. Eine ehemalige Mitarbeiterin des Boys, Genossenschafter*innen, ein Historiker und ein Architekt erzählen in drei Teilen die Geschichte des Boys.

Ein avantgardistischer Bau aus den 30ern
Gertraud Määttänen: «Das Café Boy ist nicht mehr dieser politische Ort»
Ein Haus für eine bessere Zukunft

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