Das Alors-Festival: Musik für eine Welt ohne Grenzen

Am 17. und 18. November geht das Alors-Festival im Stall 6 in die zweite Runde. Organisiert wird das Festival von einem Kollektiv, das nicht nur die Liebe zur Musik, sondern auch die Vision einer offenen und toleranten Gesellschaft vereint. Doch wie genau lassen sich diese beiden Anliegen unter einen Hut bringen?
08. November 2017

Ein Festival mit Vision
Die Welt besteht aus Grenzen. Zwischen Ländern werden Mauern errichtet und Gesellschaftsgruppen werden durch ethnisch-nationale Ideologien gegeneinander aufgehetzt. Stets versuchen die Mächtigen, die Welt in klar umrissene Kompartimente einzuteilen. Jeder sollte an seinem «richtigen» Platz sein. Ansonsten, so die Logik der Herrschenden, droht die Welt im Chaos zu versinken.

Dieser Tendenz eine alternative Vision entgegenzustellen, die auf Solidarität, Austausch und Gleichheit beruht, hat sich das Alors Festival zum Ziel gesetzt. So steht auch das musikalische Rahmenprogramm ganz im Zeichen der Grenzüberschreitung. Präsentiert wird Musik aus der Welt. Diese kommt von nah und fern. Die Acts kommen aus Schottland, Kongo, Südafrika, Peru, Holland, Deutschland, Russland, Israel und Rumänien. Und die Schweiz ist natürlich auch vertreten. Doch nicht nur geographische Grenzen werden transzendiert. Eine klare Gegenüberstellung zwischen traditioneller und moderner, westlicher und nicht-westlicher, globaler und lokaler, authentischer und in-authentischer Musik lässt sich bei den meisten Acts nicht ziehen. Egal, woher die Musik kommt, immer werden darin verschiedene kulturelle Einflüsse und Lebenswelten zu einem hybriden Gebilde verarbeitet.

Am Samstag bringt «Dengue Dengue Dengue» das Publikum mit ihrem psychedelischen Mix aus Cumbia und Electronica zum Toben.

«World music» also? Nicht ganz. Dieser Begriff sei mit Vorsicht zu geniessen, meint Rolf Saxer, der seit den Anfängen des Alors-Festivals als Organisator mit dabei ist. Wenn er den Begriff überhaupt verwendet, dann stets in Anführungszeichen. Der Begriff kam vor einiger Zeit auf, um vor allem nicht-westliche Musik zu designieren. Ironischerweise handelt es sich also dabei selbst um den Versuch, Leute, die aus der Fremde kommen, einzuteilen. Der Begriff schien dabei vor allem das westliche Verlangen nach einer verloren gegangenen Vergangenheit zu stillen. Damit sind natürlich bestimmte Klischees verbunden. Ist beispielsweise von afrikanischer «world music» die Rede, dann denken viele gerne an leichtbekleidete Buschmänner, die zu wilden Trommelrhythmen um ein Lagerfeuer herumtanzen. «Die Ansprüche, die Europäer beispielsweise an afrikanische Musiker herantragen, sind vielfach problematisch. Man sieht nur das, was dem Klischee entspricht. Neue Acts, die nicht den gängigen Vorstellungen entsprechen, werden dann oft ignoriert oder als unauthentisch betrachtet.»

Die aus Kinshasa kommende Band «Kokoko» verdeutlicht diese kritische Stossrichtung. Gespielt wird hauptsächlich auf eigens gebauten Instrumenten. Bassgeneratoren werden aus alten Elektroteilchen zusammengelötet, ein Schlagzeug besteht aus alten Blechbüchsen und Holzkisten, ein seltsames Gestänge dient als Gitarre und, ja, aus einer Schreibmaschine lässt sich eine „Drum Maschine“ bauen. Zusammen mit lautstarken Chorgesängen und den Beats des in Brüssel lebenden Franzosen «Debruit» bildet dies einen dreckigen und kraftvollen Sound. Es ist ein äusserst moderner Sound – anarchisch und subversiv –, der den hektischen, lärmigen und oftmals harten Alltag aus den Ghettos der kongolesischen Grossstadt verarbeitet. Wer hier nach «world music» sucht, die unseren Exotismusbedarf befriedigen sollte, ist hier völlig fehl am Platz.

Die Band «Kokoko» aus Kinshasa ist am Freitag beim Alors zu gast.

Klar gibt es Unterschiede in den Musikkulturen. Überall werden verschiedene Lebensrealitäten und Einflüsse verarbeitet. Doch letztlich sollte allen Bemühungen um definitorische Klarheit zum Trotz – und hier spricht Rolf selbst als leidenschaftlicher Musiker – einfach die Musik im Vordergrund stehen: «Für mich persönlich zählt am Schluss das Resultat, der Groove. Ich finde, man sollte die Einteilung in Nationen und einzelne Kulturen überwinden. Am Schluss sollte ein eigentümlicher Groove dastehen. Schlussendlich sollte es nicht so relevant sein, ob ein Producer oder eine Producerin aus Luxemburg oder Südafrika kommt, mich interessiert die Musik. Es ist natürlich schwierig, diese Strukturen aufzubrechen. Für uns sollte es aber im Grunde selbstverständlich sein, dass Musik von überall herkommt und verschiedene Einflüsse verarbeitet. Meine Auffassung ist, dass wir das gar nicht so aufs Podest stellen wollen. Wir sollten einfach versuchen, diesen eurozentrischen Blick, den wir ja alle haben, so gut wir können kritisch zu hinterfragen und womöglich auch zu überwinden.»

Rolf Saxer dreht selber auch gerne an den Stöpseln.

Mach mit!
Nebst einer Vielzahl interessanter Acts sind auch Workshops, Vorträge und Diskussionsrunden in das Programm eingebettet. So findet auch dieses Jahr wieder am Samstagabend das «Alors en parle» statt. Letzte Woche wurde bereits über Facebook zur Partizipation aufgerufen. Leute sollten Ideen und Projekte einreichen, die dann am Samstagabend zusammen mit den Organisator*innen und anderen Besucher*innen bearbeitet und diskutiert werden. Folgende Fragen möchte man laut Lorenz Naegeli, der sich um das partizipative Rahmenprogramm kümmert, in Bezug auf die politische Gestaltung kommender Festivals in den Raum stellen: «Wie kreieren wir einen möglichst offenen Raum? Wie fördern wir kritisches Denken? Wie gestalten wir das Festival als solches, um niemanden auszuschliessen oder zu diskriminieren? Welche Konzepte machen Sinn in welchen Bereichen?» Ferner wird die Arbeit der autonomen Schule Zürich vorgestellt. Thematisiert wird dabei vor allem die tägliche Diskriminierung geflüchteter Menschen und wie dagegen angekämpft werden kann.

Am Ende bleibt vermutlich die Musik dennoch am ehesten hängen. Und doch kann der gesellschaftspolitische Gestaltungswille, der in das Rahmenprogramm eingebettet ist, gerade auch von dieser Strahlkraft der Musik profitieren. Die Revolution findet sicherlich nicht auf dem Dancefloor statt, etwas dazu beitragen, kann er jedoch allemal.

Das Alors-Festival bringt so Musik und Gesellschaftskritik unter dem Zeichen von Offenheit, Toleranz und Solidarität unter einen Hut. Wenn auch du ein Teil davon sein möchtest, gehst du am besten gleich selbst dahin. Mische mit, zeig deine Stimme und lass dich inspirieren von einer Welt, die es noch nicht gibt, aber sicherlich sein sollte.

Member entscheiden mit:
Deine Bewertung -> Stutz für den/die Journalist*in
Bewertung löschen

Kommentare

Willst du unabhängigen Journalismus?

Tsüri.ch steht für unabhängigen & engagierten Journalismus und setzt sich für eine offene, fröhliche, tolerante und ökologische Gesellschaft ein. Mit deiner Unterstützung können wir das auch in Zukunft tun.

Mit nur 5.-/Monat bin ich dabei
Einloggen und zurück zum Artikel
Gerade nicht