Dabu Fantastic: «SRF 3 hat verdammt viel Einfluss auf die Schweizer Musiklandschaft!»

David Bucher, besser bekannt als Dabu von «Dabu Fantastic», spielt sich zurzeit musikalisch von Erfolg zu Erfolg. Dabei versucht er Haltung zu bewahren. Ein Gespräch über den starken Einfluss des SRF, die opportunistische Rhetorik eines Bliggs und vergraulte Fans.
10. September 2017

«Mein Lieblingsort in Zürich? Eusi Studio-Chuchi!», schreibt Dabu. Eine Stunde später ruft er unerwartet an. «Vielleicht können wir uns doch irgendwo sonst treffen für das Foti? Der Musiker in seiner Studio-Chuchi – das ist doch so konventionell und langweilig.» Er schlägt den Pfingstweidpark vor: An Tagen, an denen die Josefwiese überlaufen sei, finde man hier keinen Knochen. Die Hipster seien halt träge. Dabei sei der Pfingstweidpark vom Konzept her spezieller als die Josefwiese. «Das Material, das sie verwendet haben – beispielsweise der Beton – stammt aus Abbruch-Baustellen. Voll geil, der Recycling-Gedanke in der Architektur.»

Seine Band Dabu Fantastic ist ein vitaler Bestandteil der Schweizer Musiklandschaft. 2012 haben sie den Swiss Music Award in der Kategorie «Best Talent» gewonnen, seit 2014 sind sie bei Sony unter Vertrag. Ihr Kassenschlager «Angelina» war 2016 der meistverkaufteste Schweizer Song, hat ihnen eine Goldene Schallplatte eingebracht und wurde an den Swiss Music Awards als «Best Hit» ausgezeichnet.

Entspannt plaudernd laufen wir nach dem Fotoshooting doch noch zu seinem Studio. Auf dem Weg erzählt er, dass das Haus mitsamt seinen Ateliers und Studios abgerissen werden wird. «Ein Coop und Büros sollen hierher kommen.» Ironisch fügt er hinzu: «Weil es davon ja nun wirklich nicht genug hat, hier in Züri-West.» Das sei nicht nur für seine Band schade. Das Haus belebe das Quartier und bringe Vielfalt auf die immer leerer werdenden Strassen. Man spürt, dass seine Sorge um die Gentrifizierung authentisch ist.

Ursprünglich hat Dabu eine Ausbildung zum Sekundarlehrer gemacht. «Das hat mir viel Spass gemacht, insbesondere der Kontakt mit den Schülern. Wenn du nett und gut zu ihnen bist und sie ernst nimmst, kannst du ihnen etwas mitgeben, und bei Menschen in diesem Alter finde ich das wichtig». Es sei dann aber nicht so gewesen, dass die Musik ihn gerufen habe und er den Job nicht mehr machen wollte. Vielmehr war es eine stetige Entwicklung und schliesslich einfach eine Entscheidung. «Ich musste in den Pausen dauernd Mails beantworten und Telefonate führen. Als ich dadurch die Konzentration nicht mehr aufbringen konnte, welche die Schüler brauchen und verdienen, war der Fall für mich klar.»

Vermissen tut er es aber schon, das Unterrichten. Auch wenn er heute das Geld nicht mehr braucht, gibt er trotzdem noch Workshops; sei es für Jugendliche aus Syrien oder Menschen mit Beeinträchtigungen. Bei den Workshops lerne er mindestens so viel wie seine Schüler. Es sei auch wichtig, seine Künstler-Bubble immer wieder zu durchbrechen, meint Dabu dazu. Er führt mich durch das Studio, das Dabu Fantastic mit Dodo teilen. Eigentlich ist es eine Wohnung. Wenn man die betritt, steht man gleich in der Küche. Hier fühlt man sich wohl und ein bisschen zu Hause. Wir setzen uns mit einem Kaffee auf den Balkon, von wo man eine erstklassige Sicht auf den Prime Tower hat. Dabu legt seine Füsse auf das Balkongeländer.

Er gibt entspannt Antwort, denkt nach und wiederholt seine Worte, wenn er etwas verstanden wissen will. Er ist keine Person, die sich als besonders cool inszeniert: Dies zeigt sich daran, dass er die Schwächen von ihm und der Band anspricht, wie zum Beispiel ihre stilistischen Kapriolen. Fans der ersten Stunde werfen Dabu Fantastic vor, sich selbst und ihre Anfänge – die im Rap liegen – verraten zu haben. «Ja, man kann bemängeln, dass wir stilistisch gesehen Fahnen im Wind sind. Ja, gewisse Songs haben wir bewusst radiotauglich gemacht. Aber das musst du, wenn du in einem Land wie der Schweiz überleben willst. Hier haben Institutionen wie das SRF 3 einen immensen Einfluss darauf, was alle andere Sender spielen.» Er fährt sich durch die Haare, über das Gesicht. Es rattert. «Die Frage, ob das Kunst ist oder schon Berechnung, stelle ich mir bei ein, zwei Songs schon. Aber am Ende des Tages mache ich Musik, die ich selbst hören will und kann deshalb dahinter stehen. Leute, die nur unsere alten Sachen mögen, können ja immer noch auf diese zurückgreifen. Ich möchte mich persönlich und musikalisch weiterentwickeln.»

Foto: Andre Albrecht

Von der Musik leben, das ist schon seit zehn Jahren Dabus Ziel. Seine Karriere vergleicht er mit dem Abheben eines soliden Langstreckenfliegers. «Es hat keinen Raketenstart gegeben und auch nachher keine crazy Hochs oder Tiefs. Aber es ist stetig ein bisschen aufwärts gegangen.» Dann lacht er herzlich. Er beschreibt die Welt, in der er lebt, als «eitle Künstlerwelt». Auch für das Songschreiben findet er eigene Worte: «Es ist jedesmal wie eine Geburt. Manchmal geht man mit einer Idee schwanger, und dann gibt es eine Flutschergeburt. Mehrheitlich sind es aber Zangengeburten. Die geilsten Ideen kommen mir überraschenderweise an einem verkaterten Sonntag. Da sind schon sehr geile und sehr fröhliche Lieder entstanden.»

Und wie steht es mit Selbstzweifeln? Besonders beim Songschreiben sei das ein grosses Thema, meint Dabu. Er benötige viel Einsamkeit und Langeweile, um kreativ sein zu können. In der heutigen Zeit brauche es aber eine grosse Portion Selbstdisziplin, um sich diesen Dingen auszusetzen. «Es ist halt überhaupt nicht sexy.» Wenn es dann nicht funktioniert, denke er schon immer wieder: «Das wars. Ich schmeiss den Bettel hin. Tschüss Musikerkarriere. Ich mag einfach nicht mehr.» Wahrscheinlich sei es kein künstlerischer Prozess, wenn man keine Krise habe – und diese auch miteinbezieht und reflektiert. Immer wieder gebe es aber auch Momente, in denen er zu sich selbst und zur Band sagt: «Wir haben es geschafft!» Wenn man vor 10 ́000 Menschen steht, die alle Lieder mitsingen, finde er schon, ach, so ein Album schreiben, das sei nun auch nicht so ein Riesenaufwand, wenn man mit diesem Glücksgefühl belohnt werde.

Dabu sieht sich aber nicht nur als Partymusiker. Als Mensch, der vor grossem Publikum steht, habe man eine politische Wirkkraft – und damit auch eine Verantwortung. Wie Bligg einer opportunistischen Rhetorik zu verfallen, sei ein No-Go für ihn. Er kritisiert, dass Bligg am Openair Lumnezia vor der Landbevölkerung sagt: «Wir vom Land müssen uns gegen die Stadt wehren!», sich in stadtnahen Medien aber als Stadtmensch präsentiere. Dabus Song «Min Ort» sei da das Gegenprogramm. Zwar besingt er darin das Dorfleben mit Alpenglühen und grünen Hügeln, aber daraus schliesst er: : «Ich weiss, min Platz isch nüme det.» Das Heimatgefühl zu besingen, aber keine nationalistische oder regionalistische Parole daraus zu ziehen, sei essentiell. «Wie soll ich sonst diesen Ort, den ich für mich beanspruche, wie andere Musiker, mit Menschen teilen, die von Syrien oder Libyen kommen?»

Das Gespräch mäandriert über die Musik auf gesellschaftspolitische Themen. Dabu ist engagiert, aber nicht verkrampft politisch. Für seinen Mut bewundert er beispielsweise Frank Ocean, der sich in einer Zeit geoutet habe, als Bisexualität im HipHop und R&B noch tabu war. «Ich als heterosexueller Mann muss aber nicht unbedingt einen expliziten Song über Homophobie schreiben, wie zum Beispiel Macklemore. Ich habe ja gar keinen Erfahrungsschatz, den man braucht, um über so was zu singen. Ich für meinen Teil finde es dann wichtiger, subtil und umgreifend Liebe zu verbreiten.» Lachend schiebt er nach: «Das klingt so doof. Aber ich glaube unter dem Strich ist das schon unsere Message: Pro alle Menschen.»

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Titelbild: Steve Wenger

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