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Cybathlon – Mensch und Maschine vereint

In Zürich fand der erste internationale Wettkampf von Menschen mit körperlicher Behinderung mit elektronischen Hilfsmitteln statt. Eine Uraufführung, die in Serie gehen muss.
19. Oktober 2016

Die Exoskelette treten an. Vier Paraplegiker*innen (Menschen mit dem kompletten oder inkompletten Verlust von Sensibilität und Beweglichkeit in den unteren Extremitäten) – ummantelt vom motorisierten Stützapparat – stehen hinter der Startposition bereit für das Rennen. Vor ihnen erstreckt sich ein Parcours: Slalom, Rampe mit Türe, unebenes Terrain und eine Treppe.

Der Countdown läuft 3, 2, 1 ...

«Tut mir leid. Wir sind ausverkauft. Es gibt aber noch ein Gratis-Public-Viewing.» sagt die Dame am Ticketschalter in Endlosschlaufe. Unbeeindruckt von der chaotischen Schlange stehen mehr und mehr Menschen an. Die Ticketlosen weichen verloren zur Seite; wenige bieten, in Langstrassen-Manier, ihre überschüssigen Eintritte an. Der Ansturm auf die SWISS Arena in Kloten ist überwältigend.

Nicht unbegründet: Während die Paralympics Menschen mit Behinderung die Möglichkeit geben, sich sportlich zu messen, dabei aber weder Motoren, Sensoren oder Displays zugelassen sind, setzt der Cybathlon auf zukunftsfähige Technologie. Ein Event, der rund 4600 Besucher*innen und 150 Medienschaffende anlockt und weltweite Beachtung erhält.

70 Athlet*innen aus 25 Nationen treten mit modernsten Prothesen, Exoskeletten und Rollstühlen an. Im Fokus steht jedoch nicht der Wettstreit, sondern die Vernetzung zwischen Menschen mit Behinderung und Technologieentwicklern, der Industrie und der breiten Öffentlichkeit.

Die ersten Exoskelett-Athlet*innen passieren die Ziellinie. Ein Athlet kämpft im unebenen Terrain.

Das «Aussenskelett» kennt man vorwiegend aus Science Fiction-Literatur und -Film, meist findet die Verwendung dort militärische Zwecke. Eine Vorstellung, die real wurde. Die US-Army nutzt diese Technologie bereits, um Soldaten den Transport von schweren Lasten zu erleichtern. Doch auch in der Rehabilitationsmedizin, beispielsweise in der Physiotherapie, werden in Zukunft Exoskelette einen wichtigen Beitrag leisten; alleine die Tatsache, mit gelähmten Beinen wieder aufrecht stehen zu können – und somit auf Augenhöhe mit Mitmenschen zu sein –, steuert zu einem verdienten Selbstwertgefühl bei.

Die nächste Disziplin. Athlet*innen treten mit unterschiedlichen Armprothesen gegeneinander an. Ein Geschicklichkeitsparcours mit acht Stationen – dabei wird Feinmotorik, Koordination und Kraft getestet – muss gemeistert werden. Die Aufgaben fussen auf Alltagsproblemen wie etwa Brotschneiden, Wäsche aufhängen oder das Eindrehen einer Lampe.

(Source/image rights: ETH Zurich / Alessandro Della Bella)

Seit mehr als 2000 Jahren gibt es passive (nicht motorisierte) Prothesen, die eher einem kosmetischen Zweck dienten, als einer Funktion. Dass die aktiven (motorisierten) Prothesen – durch Elektroden mit Muskeln verbunden – die Möglichkeiten von Menschen mit Behinderung erweitern, ist klar aber keine Selbstverständlichkeit. Eine Prothese, die filigran genug wäre, um beispielsweise Geige zu spielen existiert noch nicht. Dass aber bereits einzelne Finger gesteruert werden können, bleibt beeindruckend.

Die Forscher*innen der Schweiz sind führend in der Rehabilitations-Robotik. Wenig erstaunlich, dass der Cybathlon von der ETH Zürich organisiert wurde und auf internationales Interesse von Firmen wie auch von weiteren Hochschulen traf. Drei von vier vertretenen Teams kommen von technischen Hochschulen und testen – im kompetitiven Sinne – die neusten und alternativsten Entwicklungen.

Ein Rollstuhl, ausgestattet mit zwei Rädern – ausbalanciert wie ein Segway, bleibt am Start stehen. Technische Schwierigkeiten. Drei weitere fahren durch den bekannten Parcours. Einer verfügt über Ketten, einem Panzer gleich. Ungehindert überfährt die Athletin die Hindernisse. Selbst die Treppe ist keine Barriere mehr.

(Source/image rights: ETH Zurich / Alessandro Della Bella)

Auch wenn der Cybathlon weit entfernt vom konservativen olympischen Prinzip der Olympischen Spiele und den Paralympics ist, den Diskurs über Technologie im Sport führt man bereits seit Jahren. Techno-doping ist der Schlüsselbegriff. Da die Paralympics, wie auch die Olympischen Spiele, konkurrenzierend funktionieren, existiert das Problem, dass Athlet*innen versuchen, mit technischen Mitteln leistungsfähiger zu sein. Sei dies durch bearbeitete Kleidung oder einfach durch hochentwickelte Prothesen. Privilegien und Technik schöpfen die Ungerechtigkeit.

Von einem «unfairen Vorteil» sprach der Weltleichtathletikverband, als Oscar Pistorius sich für die Leichtathletik-Weltmeisterschaft 2011 qualifizierte. Pistorius, der über zwei Beinprothesen verfügt, war der erste Sportler mit Behinderung an der Weltmeisterschaft. Pistorius schied im Halbfinale aus. Darauf wurde Pistorius 2012 zu den Olympischen Sommerspielen zugelassen. Dort erreichte er den achten Platz.

Anders Markus Rehm. Rehm besitzt eine Beinprothese und ist der Mensch, der am weitesten springen kann – sprich weiter als alle Springer*innen mit zwei gesunden Beinen. Rehm wurde für die Olympischen Spiele nicht zugelassen.

(Source/image rights: ETH Zurich / Nicola Pitaro)

Fixierte Blicke auf Monitore an der Decke, die nach allen Richtungen ausgerichtet sind. Diesmal wird kein Sport-Ergebnis gezeigt. Vier Avatare rennen, tänzeln und hüpfen durch einen computer-animierten Parcours.

BCI – Brain Computer Interface. Tetraplegiker*innen (Menschen mit einer kompletten oder inkompletten Lähmung aller Extremitäten unterhalb des Halses) steuern hier die Avatare mit ihren Gedanken. Wenn man zum richtigen Zeitpunkt das richtige denkt, bewegt sich der Avatar schnell und korrekt über die Hindernisse.

Was heute noch zu einem spielerischen Zweck genutzt wird, könnte in Zukunft Tetraplegiker*innen das Bedienen eines Rollstuhles, eines Roboters oder eines Computers mit blosser Gedankensteuerung ermöglichen.

Ein Ausblick, der beunruhigend wirken kann. Oft schwingt ein Hauch Science Fiction-Dystopie mit, wenn man über die Errungenschaften der zeitgenössischen Technologie diskutiert. Technik wird, wie sie es bisher getan hat, weiter Einfluss auf unser aller Leben nehmen. Was das für uns Menschen bedeutet, lässt sich nur vage erahnen.

Verständlich, dass dies kritisch betrachtet werden kann. Eine Angst vor der Maschine, dem Roboter, der künstlichen Intelligenz und schliesslich dem Unbekannten begleitet uns seit der Antike.

Dass wir fortlaufend Menschsein wegen technischer Manipulation neu denken müssen, steht ausser Frage. Ebenso werden Recht und Justiz Anpassungen treffen müssen. Es wird aber noch Jahrzehnte dauern, bis Technik Veränderungen auf den menschlichen Körper einnimmt, die eine konkrete Gefahr für den Mensch darstellen könnte.

Welche technologischen Fortschritte die Wissenschaft in der Zukunft zur Verfügung stellt, steht noch in den Sternen. Vorwiegend soll sie den Menschen nicht besser machen, sondern die Möglichkeit bieten, Menschen mit Behinderung mehr Lebensqualität zu geben. Man darf ruhig hoffen, dass eines Tages ein Mensch mit Armprothese sogar Geige spielen kann. Genauso bleibt zu hoffen, dass Rehabilitationstechnik zugänglich für alle – unabhängig jeglicher Armut – wird.

Wir sind alle gleich unterschiedlich und in einer inklusiven Gesellschaft sollen Menschen mit jeglicher Behinderung ihren Platz finden, am Leben teilnehmen können und die Anerkennung bekommen, die sie verdient haben. Der Cybathlon leistet dazu einen wesentlichen Beitrag. Ob der Cybathlon in Serie geht, können die Organisator*innen zur Zeit nicht sagen. Wünschenswert wäre es alleweil.

– Der ganze Cybathlon kann man auf SRF – Menschmaschine ansehen

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