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Einer nach dem anderen: Zürcher Clubs haben ihre Türen geschlossen, darunter auch das Hive. Alle Fotos: Elio Donauer.

Die Party ist vorbei – Corona zwingt Zürcher Clubs in die Knie

Am Mittwoch hat der Bundesrat als eine der neuen Corona-Massnahmen beschlossen, die Clubs zu schliessen. Das forderten viele Clubbetreiber schon viel früher und taten dies während der vergangenen Wochen bereits in Eigenregie. Wir haben mit ihnen über das finanzielle Überleben, die Umnutzung der leeren Lokale und die Zukunft des Clubbens gesprochen.
27. Oktober 2020
Redaktionsleiterin

In Berlin gingen diesen Sommer zahlreiche Akteur*innen aus der Veranstaltungsbranche auf die Strasse – mit Abstand und Maske. Es waren nicht nur junge, hippe Partyveranstalter*innen zugegen, sondern auch Tontechniker*innen, Beleuchter*innen. Menschen, die den grössten Teil ihres Berufslebens hinter den Kulissen dafür gesorgt haben, dass die scheinbar endlosen Clubnächte, Theatervorstellungen und Konzerte der Stadt reibungslos verliefen. Denen das Wasser damals bis zum Hals stand, weil die einmalige Entschädigung von einigen Tausend Euro nicht zum Leben reichte. Das Nachtleben sei das Herzstück dieser Stadt, «rettet die Veranstaltungsbranche!», riefen Männer in Stiefeln und Lederwesten in ihre Megafone, während aus den Lautsprechern der Demonstrationswagen Technobässe wummerten. Das Nachtleben sei die DNA dieser Stadt, sagten sie. Nur allein deswegen strömten Jahr für Jahr tausende von Menschen in die Metropole.

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Auch Zürich ist für sein vielschichtiges kulturelles Angebot bekannt, die hier beheimatete Technoszene gehört seit drei Jahren gar zum Unesco-Weltkulturerbe; die Limmatstadt hat europaweit die höchste Clubdichte pro Kopf. Doch die Pandemie zwingt die Clubs derzeit in die Knie. Kaum verwunderlich, pflegt man dort schliesslich genau das zu tun, was man während der aktuellen Corona-Epidemie nicht darf: Ganz nah neben- und miteinander tanzen, mit fremden Menschen knutschen, sich gegen die frühen Morgenstunden überschwänglich in den Armen liegen, schreien, singen und das auf minimalem Platz. «Ich würde derzeit selber nicht in einem Club stehen wollen», sagt etwa ein Zürcher Clubbetreiber.

«Keinen Spielraum für Kreativität»

Am 14. Oktober hat der Zürcher Regierungsrat neue Massnahmen für die Gastronomie und den Einzelhandel beschlossen. Seither darf in Zürcher Clubs und Bars nur noch im Sitzen getrunken werden, zudem herrscht eine Maskenpflicht und weiterhin eine begrenzte Anzahl anwesender Personen. Kurz darauf schloss ein Club nach dem anderen seine Türen. Vergangenen Dienstag hat etwa das Gonzo auf Facebook verkündet: «Wir haben gekämpft und jede Woche gebangt, wir haben uns den wechselnden Auflagen angepasst, doch dies ist nun nicht mehr möglich... guetnachtläbe.» Auch die Zukunft, das Hive, Friedas Büxe, der Sender, das Plaza und das Kauz – sie alle haben den Betrieb vorübergehend komplett eingestellt.

Gonzu.

«Die neuen Rahmenbedingungen bieten keinen Spielraum für Kreativität. Diese wirken eher wie eine ganz langsam fallende Guillotine. Am Ende ihres Weges fällt der Kopf und jegliches Überleben wird langsam beschnitten. Wir hoffen, die Politik nimmt ihre Verantwortung wahr, wie wir unsere wahrnehmen, und dass sie uns nicht im Regen stehen lässt», schrieben die Betreiber*innen von Friedas Büxe, die Anfang Monat den zehnten Geburtstag des Clubs feiern durften auf der gleichen Plattform. Und beim Plaza hiess es: «Die Konfettis sind gefallen!»

Das Problem ist, dass die Behörden auf eine klare Ansage verzichteten.
Zürcher Bar- und Clubkommission

Doch nicht die Schliessungen sind per se das Problem, sondern, dass sie nicht von «oben» sprich vom Bund und den Kantonen verordnet worden sind. Der Zürcher Club Kauz schrieb am vergangenen Freitag ebenfalls in den sozialen Medien, dass man die Strategie des Bundes beziehungsweise einzelner Kantone in Anbetracht der hohen Fallzahlen verstünde und befürworte. Trotzdem bedauere man es, dass die Clubs nicht amtlich geschlossen werden, sondern man aufgrund unmöglich umsetzbarer Massnahmen dazu gezwungen werde, selbst, also «quasi freiwillig» zu schliessen. «Wir können die nötigen Abstände in unserem kleinen Club, die beim sitzenden Konsum von Getränken nötig wären, nicht mehr gewährleisten beziehungsweise hätten viel zu wenig Platz, ein Clubkonzept nur annähernd wirtschaftlich umzusetzen», so die Betreiber.

Das Kauz gehört der Zürcher Bar- und Clubkommission (bckzh) an. Diese liess vergangene Woche in einer Medienmitteilung verlauten, dass man Verständnis dafür habe, dass Bund und Kanton aufgrund der steigenden Covid-19 Ansteckungszahlen reagieren müssten. Das Problem sei, dass die Behörden «auf eine klare Ansage» verzichteten. Einerseits dürften Clubs und Musikbars weiterhin öffnen, andererseits könne die grosse Mehrheit unter den neuen Vorgaben nicht wirtschaftlich betrieben werden.

Kein Einlass auch im Hive.

Durch Konsumation im Sitzen lasse sich laut der bckzh nur ein Bruchteil des normalen Gastronomie-Umsatzes, der normalerweise 70 bis 100 Prozent der Kosten decke, erzielen. Und die 100-Personen-Regel könne man in vielen Betrieben räumlich nicht oder nur mit sehr grossem Aufwand umsetzen. Hinzu kämen beträchtliche Mehrkosten beim Personal, etwa für die Durchsetzung der Maskenpflicht und den Tischservice.

Das «game-over» droht

Die Kommission hofft, dass der Bund mit den Kantonen über die Unterstützung der Branche spricht: «Nur so können Konkurse von an sich gesunden Unternehmen verhindert werden.» Konkret fordert die Branchenorganisation zusätzliche Mittel für die Entschädigung für Kulturunternehmen und damit auch für Musik-Clubs. Wie vorgesehen gelte es 80 Prozent des Schadens auszubezahlen und nicht wie bisher nur 50.» Zudem brauche es eine Härtefalllösung für Unternehmen, die nicht als Kulturbetrieb gelten und damit nicht entschädigungsberechtigt seien.

Der Frust in der Branche sei riesig, sagt auch Jonatan Niedrig, Geschäftsführer des Verbandes für Schweizer Musikclubs und -Festivals, kurz Petzi genannt. Es gäbe keinerlei Planungssicherheit. «Wir fänden es viel ehrlicher und besser, wenn wir offiziell schliessen müssten». Wenn es so weitergehe wie bisher, sei für viele Akteur*innen des Nachlebens schon bald «game-over».

Christian Gamp vom Sender.

«Schutzeffekt gleich null»

Christian Gamp ist Geschäftsführer des Senders, dem Club des Webradios GDS.FM an der Kurzgasse 4, der ebenfalls Petzi angehört – und er ist müde. So wie viele andere angefragten Clubbetreiber*innen ebenfalls, die zum Teil gegenüber den Medien keine Auskunft geben wollten. Zu oft musste man bereits über die aktuelle Lage, aber auch über künftige Szenarien sprechen, über die am Ende doch niemand Bescheid weiss. «Schliesslich sind wir keine Epidemiologen», so Gamp. Er konnte den Lockdown – wie viele andere Clubbetreiber*innen auch – dank einer Pandemie-Versicherung, die jeweils drei Monate Betriebsausfall abdeckt, sowie Kurzarbeitszahlungen für seine Mitarbeiter*innen bislang finanziell überleben. Geholfen hat zudem das grosse Engagement der Vereinsmitglieder, die den Sender mit Spenden unterstützt haben.

Trotzdem ist seit vergangenem Wochenende ebenfalls Schluss: Der Club zu, das fixfertig aufgegleiste Herbstprogramm abgesagt. «Nach der neuen Maskenpflicht hatte auch ich keine Lust mehr, vor Ort zu arbeiten. Die Maskenpflicht in Clubs und Bars sei für ihn als Laie absolut nicht nachvollziehbar: «Die meisten kleinen Lokale haben nur einen Raum. Beim Trinken ist die Maske regelmässig unten. Der Schutzeffekt ist gleich null und der Schaden riesig, weil so niemand mehr ausgehen will.» Dies bestätigen die Umsatzzahlen: Diese lagen am letzten Wochenende vor der Schliessung bei 25 Prozent eines normalen Oktoberwochenendes. Der Verlust für den Sender war also grösser, als wenn die Türen geschlossen gewesen wären. Dies war auch der Grund, weshalb man sich entschlossen hat, den Betrieb bis auf Weiteres einzustellen.

Digitale Konzerte sind keine Lösung

Der Kanton habe es geschafft, die Clubs zu schliessen, ohne dafür zahlen zu müssen, sagt Gamp. Sein Lösungsvorschlag: «Eigentlich sollten den Clubbetreiber*innen ab sofort die Mieten und Lohnkosten bezahlt werden. Für alles andere haben wir ja zum Glück fast keine laufenden Kosten.» So hätte seiner Meinung nach auch schon von Anfang an vorgegangen werden können. «Das Gesundheitsrisiko wäre mit diesem berechenbaren Aufwand für die Allgemeinheit viel kleiner, ein Contact Tracing wäre nur bedingt nötig und man könnte in Ruhe abwarten, ohne Angst, am Ende für immer dichtmachen zu müssen.»

Veranstaltungen zu planen sei derzeit schwierig. Es mache wenig Sinn, Geld und Zeit dafür zu investieren, wenn sich die Bedingungen dafür ständig ändern würden. Die Idee, Konzerte zu streamen, töne zum Beispiel gut, sei aber in der Realität schlecht umzusetzen. «Im besten Fall hört man den Künstler*innen zu, aber die Chance, dass jemand ein ganzes Konzert auf dem Bildschirm konsumiert ist klein.»

Gamp wird demnächst mit seinem Team zusammensitzen und das nächste Vorgehen besprechen. «Da wir ein unabhängiger Verein sind, können wir in der Zeit, in welcher der Sender zu ist, nach neuen Möglichkeiten suchen, wie man den leerstehenden Raum nutzen könnte», erzählt Gamp. Er denkt da an Bäuer*innen, die das Lokal vorübergehend als Lager und Verkaufsfläche für ihre Produkte nutzen könnten oder den Restaurantbetreiber nebenan, der seinen Betrieb bei ihnen erweitern könnte. Für andere Ideen habe man natürlich stets ein offenes Ohr.

Geschlossene Tore bei der Zukunft.

Einer, der schon seit diesem Frühjahr dafür war, die Clubs radikal geschlossen zu halten und den finanziellen Schaden auf ein absolutes Minimum herunterzufahren, bis die Pandemie einigermassen durchgestanden beziehungsweise ein verlässliches Contact Tracing etabliert ist, ist Dominik Müller. Er ist Mitbegründer des Clubs Zukunft. Die Institution war auch eine der ersten in Zürich, die nach der Wiedereröffnung im September bereits am 19. Oktober erneut die Schliessung angekündigt hat. Auf die Frage, ob man auf Biegen und Brechen einen Betrieb «hinwürgen» soll, würden nicht alle aus der Branche gleich antworten, sagt Müller. «Es ist eine sehr komplexe Situation, bei der emotionale, wirtschaftliche und moralische Aspekte mit voller Wucht aufeinanderprallen.»

Jetzt kann man die Zeit nutzen, um sich zu fragen, was zu schnelllebig und unnötig war, was falsch gelaufen ist.
Zürcher DJs

Das Potenzial für kreative alternative Geschäftsmodelle sei im Bereich Nachtleben zudem relativ beschränkt: «Klar kann man ein DJ-Set streamen oder Cocktails nach Hause liefern, doch das ersetzt in keinster Weise die Wertschöpfung, welche auch die Fixosten mitfinanziert.» Ironischerweise sei er stets davon ausgegangen, in einer besonders krisenresistenten Branche tätig zu sein. Denn vor allem in Krisenzeiten würden die Menschen schliesslich feiern und vergessen wollen. «Dummerweise geht das im aktuellen Fall genau nicht auf», so Müller.

Bis die Sache ausgestanden ist, sei nun Umdenken angesagt: «Es ist offensichtlich, dass geschlossene Räume problematisch sind. Bereits im Winter werden sich wohl viele Bereiche des gesellschaftlichen Lebens nach draussen verlagern. Inwiefern das im grossen Stil auch für Musikveranstaltungen möglich ist, wird sich im Frühling zeigen. Ein Umdenken muss auch bei den Behörden und Stadtbewohnern stattfinden.»

Eine neue Clubbing-Welt?

Von Letzterem sind auch zwei Zürcher Techno-DJs, die seit über zehn Jahren hinter den Mischpulten dieser Stadt stehen, überzeugt: «Man wird sich neu erfinden. Solange Corona da ist, kann man zwar keine Party machen, dafür aber die Zeit anderweitig nutzen. Um zum Beispiel zu überdenken, was man die letzten zehn Jahre gemacht hat. Sich zu fragen, was zu schnelllebig und unnötig war, was falsch gelaufen ist, wo es mehr Awareness braucht und welchen Menschen mehr Raum zur Verfügung gestellt werden sollte.»

Das Clubbing der Zukunft werde ein anderes sein. Es gäbe im Moment viele junge, hungrige Menschen im Nachtleben, die wie aus dem Nichts aufgetaucht seien. Durch den aktuellen Stillstand habe man Zeit, sich untereinander auszutauschen und zu vernetzen – sei an einem Punkt Null angelangt, an dem man neu starten könne. «Wir hoffen sehr, dass nach Corona eine konstruktive, inspirierende, kreative Clubbing-Welt entsteht, die sich mit neuen Themen auseinandersetzt.»

Unterstützungsmassnahmen im Kulturbereich
Clubs konnten bisher – bei Erfüllung bestimmter Kriterien – beim Kanton sogenannte Ausfallentschädigungen beantragen. Finanziert werden diese von Bund und Kanton. Zuständig für die Prüfung ist die Fachstelle Kultur des Kantons. Ab dem 1. November werden die Kantone wieder Ausfallentschädigungen an Kulturunternehmen und neu auch Beiträge an Transformationsprojekte ausrichten. Die Finanzierung teilen sich Bund und Kantone. Anlaufstelle für Kulturschaffende ist neu einzig der Verein Suisseculture Sociale, die Kantone zahlen keine Ausfallentschädigungen an Kulturschaffende mehr aus. Kulturschaffende erhalten auf Gesuch hin weiterhin nicht rückzahlbare Geldleistungen zur Deckung der unmittelbaren Lebenshaltungskosten, sofern sie diese nicht selber bestreiten können. Zudem können selbständigerwerbende Kulturschaffende, die ihren Betrieb schliessen mussten oder deren Veranstaltungen verboten wurden, auch über den 16. September 2020 hinaus bei der kantonalen Ausgleichskasse Corona Erwerbsersatzentschädigung beziehen. Sie müssen dafür bei ihrer Ausgleichskasse aber einen neuen Antrag einreichen. Auch Kulturvereine im Laienbereich werden weiterhin von den Dachverbänden eine Entschädigung für den mit der reduzierten Durchführung von Veranstaltungen verbundenen finanziellen Schaden erhalten.

P.S. Ja, vielleicht gibt es nicht viele Clubbetreiberinnen im Zürcher Nachtleben, dafür aber sonst ganz viele aktive Frauen, welche die Clubkultur dieser Stadt prägen. Wir von Tsüri.ch haben diesen Sommer eigens für diese Frauen eine Serie realisiert. Wer sie noch nicht gelesen hat, kann das hier tun:

1. Zarina Friedli – Kollektiv F96
2. Zinet Hassan – DJ Verycozi
3. Nathalie Brunner – DJ Playlove
4. Jenny Kamer – DJ und Bookerin Zukunft
5. Timea Horváth – Selekteurin Gonzo
6. Vera Widmer – Besitzerin Playbar
7. Valentina – DJ MS HYDE und Veranstalterin Konzerte Bar3000

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