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Mattea Meyer: «Auch nach der Corona-Krise wird niemand alleine gelassen»

Die Pandemie hat die Weltwirtschaft zum Erliegen gebracht. Wir merken, dass ohne uns nichts geht. Gelingt es uns, ein neues Kapitel aufzuschlagen, sobald das öffentliche Leben weitergeht? Verschiedene Autor*innen analysieren die Situation und geben konkrete Tipps, wie jede*r einzelne von uns dazu beitragen kann. Den Anfang macht SP-Nationalrätin Mattea Meyer.
14. April 2020
SP-Nationalrätin

Wir erleben eine kollektive Krise. Wir alle straucheln als Gemeinschaft und wir alle sind betroffen. Viele Menschen aus der Risikogruppe verlassen seit Wochen kaum ihre Wohnung. Eltern müssen zwischen Home Office, Homeschooling und Kinderbetreuung jonglieren. Selbstständige verloren von heute auf morgen ihre Einkünfte. Angestellte wurden auf Kurzarbeit gesetzt und verlieren einen Teil ihres Lohns. Pflegefachkräfte leisten Überstunden, damit Corona-Patient*innen möglichst bald wieder gesund werden. Pöstler*innen liefern die Pakete aus, die in grosser Zahl bestellt wurden. Sans-Papiers verloren ihren Job und damit ihre einzige Existenzgrundlage. Die Liste der Beispiele ist endlos.

Und in dieser gemeinsamen Not zeigte die Gesellschaft ihr Gesicht: Es war und ist ein solidarisches Gesicht.

Klar, es gibt auch Hamsterkäufe von WC-Papier. Aber es gibt vor allem sehr viel Hilfe, sehr viel Solidarität, sehr viel Rücksicht und Wertschätzung. Wir stehen zusammen und halten uns an Vorgaben, um Risikogruppen zu schützen. Viele Menschen bestellen ihr Buch nicht bei Amazon, sondern beim Bücherladen, der in der Corona-Zeit schliessen musste. Sie unterstützen das lokale, vertraute Gewerbe statt den grossen, anonymen, gewinnmaximierenden Multikonzern. Viele klatschen fürs Gesundheitspersonal und sagen der Verkäuferin Danke für ihre Arbeit. Und werden sich bewusst, wie unverzichtbar diese Arbeit ist.

Die Corona-Krise ist eine gemeinsame Erfahrung von uns allen: Jeder und jede kann plötzlich von Existenznot betroffen sein und sich in einer schwierigen Situation wiederfinden, obwohl man das nie gedacht hat. Das bisher verbreitete Gefühl, «wer es richtig macht, wird nie vom Staat abhängig sein», hat tiefe Risse bekommen. Solidarität und starke öffentliche Leistungen bewahren Hunderttausende Menschen in dieser Zeit vor dem Sturz.

Was können wir ganz konkret dafür tun, wenn das alles vorbei ist?

1. Das Gefühl weitertragen, dass Solidarität und starke öffentliche Leistungen das Grundgerüst für unser Zusammenleben sind.

Der Leitspruch «Jede Person ist für ihr Glück selber verantwortlich» war schon vor der Corona-Krise trügerisch. Jetzt hat sich gezeigt, worauf es in Krisenzeiten ankommt: auf eine Gesundheitsversorgung, die für alle zugänglich ist. Auf ein Sozialsystem, welches Erwerbsausfälle abdeckt. Auf eine öffentliche Hand, die rasch reagiert: «Niemand wird alleine gelassen» hat es von Beginn weg geheissen.
Auch in der Nach-Corona-Zeit soll niemand alleine gelassen werden. Es ist doch egal, ob wir als ganze Gesellschaft ins Straucheln kommen. Oder ob jemand alleine hinfällt, wenn er oder sie den Job verliert, krank wird, von Armut betroffen ist oder den «falschen» Pass hat. Alle haben es verdient, ein Leben in Würde und ohne Existenzangst zu führen.

Mattea Meyer
Mattea Meyer ist begeisterte Winterthurerin und Nationalrätin der SP. Als Co-Präsidentin der Plattform zu Sans-Papiers und Präsidentin des SAH Schweiz ist sie engagiert für Menschen, die nicht auf der Sonnenseite stehen.

2. Das lokale Gewerbe unterstützen.

Small is beautiful. Es sind nicht die grossen Ketten und nicht die bestellten Zalando-Pakete, auf die wir uns freuen, wenn das Leben wieder in die Städte zurückkehrt. Sondern das kleine Café mit dem leckeren Sommerglace, der Lieblingsladen mit den Frühlingskleidern, die Coiffeuse, die einem schon seit Jahren die Haare schneidet. Viele von ihnen haben bereits vor der Krise mit knappem Geld und tiefen Löhnen gewirtschaftet.
Gleichzeitig boten sie uns mit ihren Läden, Yogastudios, Beizen und Coiffeursalons die Annehmlichkeiten, die während der Corona-Zeit fest fehlen. Wenn wir das lokale Gewerbe unterstützen, sichert das Arbeitsplätze. Und es ist ein Beitrag, die Umwelt zu schützen. Denn eine lokale Wirtschaft der kurzen Wege ist in der Regel sehr viel klimaschonender als jene der grossen, globalen Konzerne, denen es um den kurzfristigen Gewinn geht.

3. Für anständige Arbeitsbedingungen kämpfen und Care-Arbeit aufwerten.

In der Krise sind diejenigen am härtesten am Arbeiten und den grössten Risiken ausgesetzt, die am wenigsten verdienen: Pflegepersonal, Kinderbetreuer*innen, Reinigungskräfte, das Verkaufspersonal, die Pöstler*innen und viele mehr. Für sie haben wir geklatscht. Das war ein wichtiges Zeichen der Wertschätzung. Aber davon können sie sich kein Brot kaufen und auch keine Miete bezahlen. Es braucht, gerade in typischen Frauenberufen wie Pflege, Betreuung und Verkauf, endlich bessere Arbeitsbedingungen. Und mehr Lohn, mehr Respekt, mehr Anerkennung. Damit sich das ändert, müssen wir uns alle gemeinsam dafür einsetzen.

4. Füreinander Sorge tragen.

Als Freundinnen und Freunde können wir uns überlegen: Wer in unserem Umfeld hat Hilfe nötig? Wer ist einsam und würde sich über ein Gespräch freuen? Wer ist überlastet und wäre froh, einen Nachmittag eine Kinderbetreuung fürs dreijährige Kind zu haben? Wer ist arbeitslos und könnte Unterstützung beim Bewerben gebrauchen? Sich mehr Zeit für sich und sein Umfeld nehmen, ist sicher kein schlechter Vorsatz.

Wenn das alles vorbei ist
In der Rubrik «Wenn das alles vorbei ist», teilen Autor*innen aus verschiedenen Fachgebieten ihre Sicht auf die Welt während und nach Corona und geben konkrete Tipps, wie jede*r einzelne von uns dazu beitragen kann, sie ein Stück besser zu machen.

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