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Fotos: Lara Blatter

Corona-Krise: Die Stunde der Quartierläden

Das Einkaufen im Laden nebenan ist immer noch erlaubt. Corona hat auch positive Auswirkungen: Das Bewusstsein für Regionales und Saisonales scheint gestärkt. Oder trügen unsere Beobachtungen? Tsüri.ch hat bei den Quartierläden nachgefragt.
06. April 2020
Praktikantin Redaktion

Samstagmorgen im April. Die Sonne scheint auf den Balkon. Ein ungewohnte Szene lässt sich von oben beobachten. Menschen stehen vor einem Quartierladen – in zwei Metern Abstand versteht sich – Schlange. Das ist mir neu. Die Idee scheint nicht schlecht, ein Croissant zum Kaffee ist nicht verwerflich und der Blick erhascht von weitem eine Kiste gefüllt mit Artischocken. Und schon stehe ich auch in der Schlange. Und warte. Die Ausbeute; vier grosse Artischocken mit wunderschön grün-violetten Blättern, Croissants sind ausverkauft.

Liegt es am Wochenende oder gehen die Menschen wirklich vermehrt im Laden nebenan einkaufen? Stärkt die Corona-Krise die unter Druck geratenen Quartierläden?

Zeit, sich was zu gönnen

Der Quartierladen nahundfein bei der Seilbahn Rigiblick bestätigt diese Beobachtung. Inhaberin Carolyn Wiskemann ist momentan sieben Tage die Woche im Einsatz. Sie verkaufen viel mehr Produkte. Zu Engpässen wird es aber nicht kommen. «Im Gegenteil, meine Lieferant*innen sind alle aus der Region und haben das Problem, dass ihnen die Restaurants als Abnehmer*innen fehlen», sagt Wiskemann. Darum sei es wichtig, dass momentan auch das Büro nebenbei nicht vergessen gehe und die Lieferant*innen rechtzeitig bezahlt werden. Unterstützung könnte der Laden gut gebrauchen, aber durch die Beschränkung der Anzahl Menschen im Laden, sei es schwer, Personal aufzustocken.

Die Kundschaft im nahundfein sei verständnisvoll und warte immer schön draussen, ausserdem gönnen sich viele derzeit gerne mal ein gutes Stück Fleisch, so die Beobachtungen der Inhaberin.

Was will man mit so viel Haferflocken – ein Jahr lang Müsli essen? Das Essen soll nicht verderben.
Ludi Markaj / Zio Ludi

Ludi Markaj Inhaber vom Quartierladen Zio Ludi an der Sihlfeldstrasse im Kreis 4 geht es ähnlich. Die Leute hätten mehr Zeit, neue Rezepte auszuprobieren und man esse auf einmal drei Mahlzeiten zu Hause. Zu Hamsterkäufen hat Onkel Ludi eine klare Haltung: «Das lasse ich nicht zu. Vor kurzem wollte jemand fünf Kilo Haferflocken kaufen, da sagte ich nein. Was will man mit so viel Haferflocken – ein Jahr lang Müsli essen? Das Essen soll nicht verderben.» Grosse Mengen müsse man vorbestellen.

Im Bachsermärt an der Kalkbreite verweist eine Verkäuferin auf den Chef, sie habe keine Zeit, denn ja, es laufe mehr. «Ich frage mich, was die Leute mit all dem Essen überhaupt machen», fügt die Verkäuferin an und schwirrt durch den Laden. Geschäftsführer Carsten Hejndorf sagt, der Umsatz sei in allen Geschäften derzeit höher. So kam es auch im Bachsermärt zu Engpässen an WC-Papier, Waschmittel und Hefe. «Hefe gibt es aber genug, die Gastronomie kauft momentan keine Hefe ein, so stellten wir um und kauften grosse Blöcke, welche wir jetzt selber schneiden und abpacken», sagt Hejndorf.

Schichten wurden angepasst, aus dem Homeoffice würden Heimlieferungen koordiniert und sechs Aushilfen aus der Gastronomie seien angestellt. Es sei eine strenge und auch schöne Zeit: «Wir verkaufen das am meisten, was wir am liebsten verkaufen: Gemüse. Frische Produkte sind wichtig, man hat genug Pasta und Pelati gehortet, jetzt will die Kundschaft Frisches.»

Genug Pasta und Pelati gehortet!

Gastrozulieferer*innen und Langstrasse haben zu kämpfen

Jene Höfe und Produzent*innen, welche einen Grossteil ihrer Produkte an Restaurants liefern, hätten es schwer. Aber es sei auch eine spannende Zeit, man findet neue Wege, um seine Produkte an die Leute zu bringen. «Der Besitzer einer Bio-Forellenzucht aus Bachs ging wöchentlich auf den Markt, den gibt es jetzt nicht. Sie sitzen jetzt auf ihren Fischen. Die Fische wachsen und schwimmen zwar, aber der Umsatz geht verloren», erklärt Carsten Hejndorf. Der Bachsermärt verkauft diese Forellen ebenfalls und versucht so dem Betrieb zu helfen. Neue Wege, um ihre Menüs an die Kundschaft zu bringen hat auch die Plattform La Résistance gefunden, welche von Tsüri.ch mitgegründet wurde. Zürcher Restaurants trotzen dem Virus und haben auf Take-Away Betrieb umgestellt.

Den Stillstand bekommt auch die Langstrasse zu spüren. Geschlossene Restaurants, Bars und Clubs bedeuten auch weniger Kundenfrequenz für die kleinen Lebensmittelgeschäfte. Eine Verkäuferin in einem Kiosk auf Höhe des Helvetiaplatzes beklagt, dass ihre Ladenfläche zu klein sei: «Es dürfen nur zwei Kund*innen gleichzeitig im Laden sein, viele haben keine Geduld zu warten und gehen in die grösseren Geschäfte.» Ein anderer Laden spürt zwar, dass vermehrt Pasta, Konserven und Fertiggerichte gekauft werde, aber an Wochenenden laufe wenig und das sei verheerend, betont der Verkäufer. Einen Grossteil des Umsatzes wird normalerweise durch Verkauf von Alkohol- und Tabakwaren an Partygänger*innen gemacht. «Das macht uns Sorgen, aber den Laden zu schliessen ist kein Thema, wir sind ein Lebensmittelgeschäft und müssen geöffnet haben», sagt er. Es sei schwierig, kommentiert ein anderer Verkäufer am Limmatplatz die Lage. Mit Mundschutz und gesenktem Blick, mehr möchte er dazu nicht sagen.

Kundschaft rund um die Langstrasse fehlt

Keine Tomaten, Gurken oder Peperonis

Die angefragten Quartierläden, bei welchen es momentan wirklich besser läuft, sind alles Geschäfte, welche auf Nachhaltigkeit, Saisonalität und/oder Regionalität setzen. Und sich in einem höheren Preissegment bewegen. «Ich glaube diese Rückbesinnung auf kleine Läden, welche saisonale und regionale Produkte anbieten, fand auch schon vor Corona statt», so der Inhaber vom Zio Ludi. Zudem sei das Einkaufen im Quartier etwas Persönliches, man berate die Kundschaft und wisse, was sie mag. Auch der Bachsermärt sieht in seinen Geschäften mehr als nur die Grundversorgung decken müssen. «Wir sind ein sozialer Treffpunkt. Unsere Kundschaft ist sehr divers, vom Krawattenträger bis hin zum Bio-Freak, alle können bei uns einkaufen», sagt Carsten Hejndorf.

Im besten Fall zeigt die Krise den Konsument*innen auf, wie wichtig die sozialen Aspekte eines Quartierladens sind.
Fred Frohofer / Chornlade

Es ist eine schwierige Jahreszeit, die Sonne scheint zwar und der Frühling ist zu spüren, aber es gibt noch kein neues Gemüse. «Es ist ein eingeschränktes Sortiment: keine Tomaten, keine Peperoni oder Gurken – aber so sollte es doch sein, man verbindet sich wieder mehr mit dem Ursprünglichen und bekommt Saisonales und mehr Qualität», so Hejndorf.

Frisches, saisonales Gemüse, hausgemachte Pasta oder eben Artischocken – Quartierläden sind eine Bereicherung für den täglichen Einkauf und das Geschmackserlebnis. Online Handel, grosse Supermärkte und Corona machen vielleicht einigen kleinen Läden das Leben nicht einfach. Doch halten Quartierläden Stellung. Sie gehören zum Stadtbild und sorgen für ein lebendiges Quartier. Oder wie Fred Frohofer vom Chornlade sagt: «Im besten Fall zeigt die Krise den Konsument*innen auf, wie wichtig die sozialen Aspekte eines Quartierladens sind.»

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