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Collaboration Booster: Was ist das grosse Ganze?

Gute Zusammenarbeit, das kann doch nicht so schwer sein! Mit der richtigen Haltung und den passenden Werkzeugen stimmt das auch. Gib deiner Art, wie du gemeinsam mit anderen Grossartiges schaffst, einen Boost. Die Kolumne von Nadja Schnetzler Heute: Der Blick für das Ganze.
18. April 2020
Kolumnistin / Collaboration Booster

Lieber Dominik, ich habe mich sehr über deine Frage gefreut: «Was mich im Moment umtreibt, ist das Verhältnis «Blick für das Ganze» versus «Zuständigkeit für einen Bereich»: Wie schaffen wir es als Team, dass sich jede*r in ihren*seinen Bereich vertiefen kann, ohne dass dabei der Blick für das Ganze aus den Augen fällt?»

Diese Frage ist immer aktuell, doch jetzt, wo wir alle zu Hause in unseren Heimbüros sitzen, ist sie noch viel wichtiger geworden. Denn die Gefahr besteht schon im Büro-Alltag, dass wir uns alle nur auf unseren ganz kleinen Teil-Ausschnitt konzentrieren, anstatt uns zu überlegen, was wir mit unserer Arbeit zum Ganzen beitragen.

Dieses Verhalten kommt natürlich nicht von irgendwo, sondern wir wurden alle allzu lange genau darauf getrimmt, nur an unser Pflichtenheft zu denken und uns auf unseren unmittelbaren Zuständigkeitsbereich zu konzentrieren. Schliesslich hängt – immer noch – unsere Evaluation und damit auch oft unser Lohn davon ab, wie gut wir diese sehr eng gesteckten Ziele erreichen.

Sinnvoller wäre es, wenn wir uns oft, ja, eigentlich bei allem, was wir tun, überlegen, was wir damit zum «Grossen Ganzen» beitragen. Dafür müssten wir zuerst mal das «Grosse Ganze» kennen und auch noch die Erlaubnis haben, im Sinne des «Grossen Ganzen» Entscheidungen zu treffen. Beides fehlt in vielen Organisationen. Man kennt vielleicht die strategischen Ziele, doch ist das «Das Grosse Ganze?» Und die eigenen Ziele sind ja schon so granular von diesen strategischen Zielen abgeleitet worden, dass ich selber in meinem kleinen Eckchen der Organisation oft gar nicht mehr verstehe, inwiefern das, was ich tue, zu diesen Zielen effektiv beiträgt.

PURPOSE ist das WARUM hinter dem, was ich tue. Der Motor, der Antrieb, die Motivation, der Kompass.
Nadja Schnetzler

Nun denn, es gäbe eine Lösung, und die heisst «PURPOSE». Es gibt keine wirklich geeignete Deutsche Übersetzung. Die offizielle Übersetzung ist «Zweck», doch das klingt eher wie ein Parasit und nicht wie etwas, worüber ich gerne jeden Tag nachdenke. PURPOSE ist das WARUM hinter dem, was ich tue. Der Motor, der Antrieb, die Motivation, der Kompass.

Im Gegensatz zur «Mission», die ein Ziel in den Raum stellt, das man erreichen kann, oder der «Vision», die eine in der Ferne liegende Wolke schildert, die ich mir noch kaum als Realität ausmalen kann, gibt mir der Purpose eine Entscheidungsgrundlage im Alltag.

Ein Beispiel: Eine Private Montessori Schule in Sarajevo, mit welcher ich eng zusammenarbeite, würde diese drei Dinge so formulieren:

MISSION – Wir ermöglichen Kindern, zu ganzheitlich denkenden und handelnden Erwachsenen heranzuwachsen und sich zu entfalten.

VISION – In 10 Jahren möchten wir, dass die Lehrerinnen und Lehrer, die bei uns gearbeitet haben, in den Staatsschulen, die dort dringend nötige Veränderung im Bildungswesen anstossen.

PURPOSE – Wir verstehen Bildung als einen organischen Prozess, der das volle Potenzial von Menschen zum Vorschein bringt und die Macht hat, Individuen, Gemeinschaften und Systeme zu verändern.

Ist es nicht interessant, dass der Purpose gar nicht von einer Schule spricht, obwohl die Organisation eine Schule ist? Ist es nicht interessant, wie der Purpose viel Raum für eigene Entscheidungen, Interpretation und Gestaltung lässt?

Wenn Menschen den Purpose dessen, was sie tun, kennen, können sie besser entscheiden, besser zusammenarbeiten, sich besser entfalten. Es entstehen neue Lösungen und Ideen, die vielleicht sonst nicht entstehen würden.

Nadja Schnetzler
Nadja Schnetzler (47) begleitet Teams auf dem Weg zu exzellenter Zusammenarbeit. Sie befasst sich seit über 30 Jahren intensiv mit den Themen Innovation, Kollaboration und Agilität und zählt Organisationen aller Branchen zu ihren Kunden. Nadja ist Mitgründerin der Ideenfabrik BrainStore und der Republik. Ihr neustes Projekt heisst «Generation Purpose» und befasst sich mit dem innersten Antrieb von Menschen und Organisationen.

Abgeleitet von einem Organisations-Purpose kann jedes Team und jede Person definieren, was sie zu diesem «Grossen Ganzen» schon beiträgt, was sie in Zukunft beitragen möchte und wie sie den eigenen Beitrag immer wieder reflektiert und neu designt. Auch Menschen, die nicht unmittelbar zu den Zielen oder zur Vision beitragen, also zum Beispiel Menschen in Support-Funktionen, können sich einfach mit dem Purpose verbinden und dazu einen Beitrag leisten.

Das gelingt natürlich wie bei allem nur so gut, wie sich die Menschen im Alltag auch mit diesem Purpose auseinander setzen. Teams und Organisationen, die sich von Purpose leiten lassen, machen es sich daher zur Praxis, ganz regelmässig, fast in Ritualform, über den Purpose zu sprechen, voneinander zu hören, was jeder und jede zum Purpose beiträgt, was man am Purpose vielleicht verändern müsste, damit er mit der Realität übereinstimmt und wo es Punkte im Purpose gibt, die gerade zu kurz kommen. Erst durch diesen regelmässigen Austausch und Auseinandersetzung entfaltet Purpose seine ganzes Potenzial.

Ich kenne Firmen, die soweit gehen, dass sie den Purpose als die zentrale Führungsinstanz der Organisation sehen. Der Purpose, keine Person, ist in diesen Organisationen «die Chefin» der ganzen Sache.

Aber nicht nur der Purpose von ganzen Organisationen oder Teams kann definiert werden. Du kannst dir auch überlegen, was dein ganz persönlicher Purpose ist, was der Purpose dieses Videomeetings ist, an dem du heute teil nehmen wirst, was der Antrieb für die Masterarbeit ist, die du gleich schreiben wirst, oder welchen Purpose ihr in eurer Familie oder WG für die nächsten paar Wochen festlegt. Denn den tieferen Grund der Dinge zu erforschen schafft Klarheit, gibt Fokus und zeigt uns versteckte Ebenen von dem auf, was wir tun, die uns sonst nicht zugänglich wären.


Wenn du Lust hast, mir zu schreiben, was dich beim Zusammenarbeiten mit anderen immer wieder beschäftigt, dann kannst du das hier tun. Wer weiss, vielleicht schafft es dein Anliegen ja in die nächste Kolumne, wie dieses Mal die Frage von Dominik!

Die Kolumnen auf Tsüri
Jeden Samstag erscheint mindestens eine neue Kolumne, manchmal sogar zwei. Damit wollen wir dir Einblicke in andere Leben geben, dich inspirieren, anregen und vielleicht auch mal aufregen. Unsere Kolumnist*innen diskutieren gerne mit dir in den Kommentaren. Seid lieb!

– Die Feminismus-Kolumne von Pascale Niederer & Laila Gutknecht Co-Gründerinnen von «das da unten».
– Die Collaboration-Booster-Kolumne von Nadja Schnetzler, Co-Gründerin von Generation Purpose.
– Die Papi-Kolumne von Antoine Schnegg, Co-Gründer seines Kindes.
– Die Sans-Papiers-Kolumne von Licett Valverde, frühere Sans-Papiers.
– Die Food-Kolumne von Cathrin Michael, Food-Bloggerin.
– Die Veganismus-Kolumne von Laura Lombardini, Geschäftsführerin der Veganen Gesellschaft Schweiz.

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