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Collaboration Booster: «Berücksichtigt Dinge unter der Wasserlinie»

Gute Zusammenarbeit, das kann doch nicht so schwer sein! Mit der richtigen Haltung und den passenden Werkzeugen stimmt das auch. Gib deiner Art, wie du gemeinsam mit anderen Grossartiges schaffst, einen Boost. Die Kolumne von Nadja Schnetzler Heute: Den ganzen Eisberg wahrnehmen lernen.
15. Juni 2020
Kolumnistin / Collaboration Booster

In diversen Videokonferenzen der letzen 12 Wochen konnte ich immer wieder Menschen beobachten, die versuchten, möglichst unsichtbar zu machen, dass da im Hintergrund noch Kinder – manchmal sehr kleine Kinder – anwesend waren. Selten Männer – die gab es aber durchaus auch – und sehr häufig Frauen, die das möglichst unauffällige Nebenherbetreuuen ihrer Kinder perfektioniert hatten.

Da ich selber weiss, wie es sich anfühlt, Kleinkinder in Meetings mitzubringen, konnte ich den Stress dieser Eltern körperlich fühlen, und ihr Stress wurde jeweils auch ein wenig zu meinem Stress. Mir war bewusst, was es kostet, den Anschein zu wahren, dass man sich voll und ganz auf die Sitzung oder Arbeit konzentriert, während tatsächlich gleichzeitig noch ein ganz anderer Film abläuft, der Aufmerksamkeit braucht.

Im Homeoffice-Alltag wurde diese zusätzliche Ebene nun unausweichlich für fast alle sichtbar, während wir sie im Büroalltag möglichst unsichtbar halten. Aber auch im Büro-Alltag ist Elternsein eine zusätzliche Denk- und Handlungsebene, die uns zusätzlich beansprucht und beschäftigt und die man nicht einfach am Eingang des Arbeitsplatzes abgeben und komplett vergessen kann.

Elternsein ist nur eine von vielen Schichten im Eisberg dessen, was wir von anderen Menschen in unseren Teams oberflächlich wahr nehmen. Der Eisberg zeigt uns nur die oberste Schicht. So wissen wir zum Beispiel, dass jemand Kinder hat, doch wie sich das im Alltag als zusätzlicher Stress auswirkt, das nehmen wir nur dann, wenn wir uns damit selber befassen, mehr verstehen wollen oder selber ebenfalls Eltern sind.

Illustration: Nadja Schnetzler

Es gibt sehr viele Dinge, die unsere Fähigkeit, uns möglichst gut bei der Arbeit einzubringen, beeinflussen. Die uns ablenken, uns behindern, uns auf Nebenschauplätze verweisen, anstatt uns gemeinsam an Lösungen und Inhalten arbeiten zu lassen.

Und bei vielen dieser Dinge sehen wir jeweils nur die oberste Schicht, wie beim Elternsein. Frau sein ist im Arbeitsleben immer noch mit zusätzlichem Stress und zusätzlichen Hindernissen verbunden. Eine andere Hautfarbe zu haben als die Mehrheit des Teams ist garantiert mit Stress und Mikro-Aggressionen verbunden, genau so wie es im Arbeitstalltag mit Stress verbunden sein kann, eine sexuelle Orientierung zu haben, die nicht der «Norm» entspricht. Eine Mutter zu betreuuen, die sich gerade von Covid 19 erholt, ist mit Stress verbunden, mit einer psychischen Krankheit zur Arbeit zu kommen ebenfalls. Nicht zu vergessen: Es gibt Menschen, die mehrere dieser Stressfaktoren mit zur Arbeit bringen, und wiederum anderen, die ganz und gar davon frei sind.

Nadja Schnetzler
Nadja Schnetzler (47) begleitet Teams auf dem Weg zu exzellenter Zusammenarbeit. Sie befasst sich seit über 30 Jahren intensiv mit den Themen Innovation, Kollaboration und Agilität und zählt Organisationen aller Branchen zu ihren Kunden. Nadja ist Mitgründerin der Ideenfabrik BrainStore und der Republik. Ihr neustes Projekt heisst «Generation Purpose» und befasst sich mit dem innersten Antrieb von Menschen und Organisationen.

Doch jene, die der Norm entsprechen und diesen zusätzlichen Stress der anderen nicht kennen, sehen oft nur die Spitze des Eisbergs. Sie nehmen vielleicht wahr, dass jemand dünnhäutig oder ständig müde ist. Sie sehen vielleicht, dass jemand ärgerlich auf eine Bemerkung reagiert, von der man selber überzeugt ist, dass sie komplett harmlos ist. Diese Menschen können sich vielfach gar nicht vorstellen, welche Hürden jemand anderes bereits vor dem Arbeitstag und nach dem Arbeitstag überwinden muss.

Gut zusammenarbeiten können wir dann, wenn alle Personen im Team ihr Bestes einbringen können, ihr Können entfalten und stressfrei mitwirken können, und wenn der einzigartige Beitrag jedes Teammitglieds zum Ganzen zum Tragen kommt. Das klingt logisch, aber oft macht uns unser Blick auf die Spitze des Eisbergs dabei einen Strich durch die Rechnung, und die Zusammenarbeit leidet darunter, dass wir nur das Symptom sehen, aber die Ursache für das Symptom nicht verstehen oder ihr nicht auf den Grund gehen wollen.

Wenn wir anfangen, die Dinge, die unter der Wasserlinie liegen, mit einzubeziehen, zu berücksichtigen und zu verstehen, können wir die Situation für alle so gestalten, dass alle sich noch besser einbringen können. Verständnis für die jeweilige Person, deren Situation und den damit verbundenen zusätzlichen Stress ist das eine. Wir können schon viel tun, wenn wir uns im Team besser kennen und besser auf die verschiedenen Bedürfnisse aller eingehen.

Doch wenn es um strukturelle und systemische Probleme von Rassismus, Sexismus, Homophobie oder der Vereinbarkeit von Beruf und Familie geht, sollten alle Teams, die Wert auf hervorragende Zusammenarbeit legen, sich für die Behebung dieser strukturellen und systemischen Mängeln einsetzen. Möglichkeiten dafür gibt es gerade viele, ob beim Protest auf der Strasse, beim Verändern von Arbeitsbedingungen und Strukturen in der eigenen Organisation oder auch an der Wahlurne. Am besten an allen drei Orten.


Wenn du Lust hast, mir zu schreiben, was dich beim Zusammenarbeiten mit anderen immer wieder beschäftigt, dann kannst du das hier tun. Wer weiss, vielleicht schafft es dein Anliegen ja in die nächste Kolumne!

Die Kolumnen auf Tsüri
Jeden Samstag erscheint mindestens eine neue Kolumne, manchmal sogar zwei. Damit wollen wir dir Einblicke in andere Leben geben, dich inspirieren, anregen und vielleicht auch mal aufregen. Unsere Kolumnist*innen diskutieren gerne mit dir in den Kommentaren. Seid lieb!

– Die Feminismus-Kolumne von Pascale Niederer & Laila Gutknecht Co-Gründerinnen von «das da unten».
– Die Collaboration-Booster-Kolumne von Nadja Schnetzler, Co-Gründerin von Generation Purpose.
– Die Papi-Kolumne von Antoine Schnegg, Co-Gründer seines Kindes.
– Die Sans-Papiers-Kolumne von Licett Valverde, frühere Sans-Papiers.
– Die Food-Kolumne von Cathrin Michael, Food-Bloggerin.
– Die Veganismus-Kolumne von Laura Lombardini, Geschäftsführerin der Veganen Gesellschaft Schweiz.

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