Bullshit-Job? 💩

Auf einen Chat mit Chat, dem beliebtesten Prof der UZH

Über 2000 Studierende der Universität Zürich haben im vergangenen Frühling ihren Lieblingsprofessor auserkoren. Gewinner des Lehrpreises 2019 ist Chatchavan Wacharamanotham. Tsüri-Redaktorin Isabel Brun stattete dem sympathischen Dozent einen Besuch ab.
28. September 2019
Praktikantin Redaktion

Der Luftbefeuchter stösst stumm, aber kontinuierlich Dampf in das kleine Büro im zweiten Stock des Instituts für Informatik an der Uni Zürich. Chatchavan Wacharamanotham, der sich mit seinem Spitzname als Chat vorstellt, bietet mir einen Platz auf dem kleinen Sofa und ein Glas Wasser an. Am Whiteboard kleben farbige Post-It’s mit Notizen. Eine Form von Gedächtniserweiterung, erklärt mir Chat: «Das Auffassungsvermögen des Gehirns ist begrenzt und um neue Konzepte effektiv zu erlernen, bedarf es der Fähigkeit, bereits Bekanntes mit neuem Wissen zu verknüpfen.» Der Mann, mit dem für uns kaum aussprechlichen Namen, ist Professor für Interaction-Design an der Universität Zürich und erhielt vergangenen April den Preis für «Best Teaching» – vergeben von seinen Studierenden.

Lücken erkennen und schliessen

Was für ihn denn eine gute Lehre ausmachen würde, frage ich Chat. Tatsächlich beantworte er die Frage jedes Mal etwas anders, da es für ihn nicht die eine Antwort gebe, sagt er. Aber: «Wichtig ist, dass man als Lehrer*in den Studierenden die Möglichkeit gibt, noch bestehende Wissenslücken selbst zu erkennen.» Würden diese Lücken nicht erkennt, können sie auch nicht geschlossen werden. Relevante Lektüren und Aktivitäten in der Vorlesung würden helfen, dass Studierende zu dieser Erkenntnis kommen.

Chats Fachgebiet behandelt die Schnittstelle zwischen Mensch und Maschine. Bild: Frank Brüderli via UZH News


Erfahrungen als wichtiges Gut

Neben den von ihm geleiteten Vorlesungen, zählt Chat auch auf die Eigeninitiative der Studierenden. Im Selbststudium sollen die angehenden IT-Spezialist*innen lernen, aus Fehlern zu lernen, um ihre eigenen Schlüsse zu ziehen. «’Lernen’ bedeutet für mich auch, Wissen durch Erfahrungen generieren zu können», erklärt der 35-Jährige. Gerade im Bereich der Human Computer Interaction, in welchem die Verbindung von Mensch und Maschine thematisiert wird, sei es wichtig, dass die angehenden Entwickler*innen eigene Erfahrungen mit den Anwendungen machen, die sie später implementieren.

"Lernen" bedeutet für mich, Wissen durch Erfahrungen zu generieren.
Chatchavan Wacharamanotham, Lehrpreisträger 2019

Wenn Chat spricht, schaut er oft in die Luft, überlegt, gestikuliert mit der einen Hand, hält mit der anderen das Wasserglas fest umschlossen. «Selbstreflexion ist aber ebenso wichtig», sagt der Dozent, als er meinem Blick für einen kurzen Moment standhält. Oft zwinge er seine Student*innen dazu, selber zu reflektieren, ob die Lücken durch die Inhalte der Vorlesung geschlossen werden konnten. Wenn nicht, gebe es in der nächsten Vorlesung die Möglichkeit einer Frage- und Diskussionsrunde.

Mit Motivation zum Ziel

Ein konkretes Ziel zu verfolgen, empfiehlt Chat auch jungen Abiturient*innen. Als Mentor habe er oftmals erlebt, dass sich Studierende während des Studiums wenig Gedanken darüber machen, in welchen Bereichen sie später arbeiten möchten. Deshalb rät er auch hier wieder zur Selbstreflexion: «Mache dir Gedanken, wo du in zehn Jahren sein willst und wähle dann die entsprechenden Kurse aus. Wenn du deine Ziele früh genug erkennst, kannst du deinen Weg mit guter Strategie planen.» Langfristige Ziele zu definieren, würde ausserdem helfen, die Lernmotivation nicht zu verlieren.

Immer, wenn ich mit Geld überrascht werde, spende ich 20 Prozent davon.
Chatchavan Wacharamanotham, Lehrpreisträger 2019

Motivation sei eine wichtige Komponente, wenn es um die Aneignung von Wissen gehe, sagt Chat. Im heutigen Zeitalter könne sich jede*r in der westlichen Welt problemlos Zugriff zu Fachartikeln beschaffen. Im Netz – vor allem als Student*in – gibt es zig-tausend fachspezifische Lektüren und Studien. Eine solche Menge an Material kann schnell überfordern. Als Professor versuche er deshalb, mit einer selektierten Lektüreempfehlung, die Studierenden in dieser administrativen Herausforderung zu unterstützen.

Grosses Wissen, grosses Herz

Der Entwickler ist seit über vier Jahren an der Universität Zürich tätig. Nichtsdestotrotz führen wir das Interview auf Englisch. Nicht unsympathisch: Den gewonnen Geldbetrag in der Höhe von 10'000 Franken verprasst der Dozent nicht einfach für eigene Zwecke. «Immer, wenn ich mit Geld ‘überrascht’ werde, spende ich 20 Prozent davon an eine Organisation, die ich von der Plattform givewell.org auswähle», so Chat.

Bescheiden gibt sich der Lehrpreis-Gewinner auch in Bezug auf seine pädagogischen Kompetenzen: «Ich fühle mich geehrt und freue mich darüber, dass meine Arbeit gute Resonanz erzeugt. Dennoch unterrichte ich ja noch nicht so lange, mein Erfahrungsschatz ist also noch immer ausbaufähig.» Auf meinen darauffolgenden Kommentar, dass er ja noch relativ jung sei, reagiert Chat sichtlich erfreut: Ein euphorisches «Thank you!» gefolgt von einem Lachen erfüllt den Raum – und ich gönne ihm den Preis von Herzen.

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