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«Wir grenzen uns bewusst ab von jenen, die Kiffen nur zum Genuss legalisieren wollen»

Interview: Medical Cannabis Verein Zürich
27. Mai 2015
Chefredaktor


Patienten, die sich mit Cannabis behandeln wollen, haben ein schwieriges Leben: Die legalen Mittel sind viel zu teuer und zu schwach, die guten Medikamente müssen sie selber herstellten – und machen sich damit kriminell. Der Medical Cannabis Verein Zürich kämpft nun für eine Legalisierung des medizinischen Cannabis – mit zivilem Ungehorsam.

Der Medical Cannabis Verein Zürich will Marihuana als Medizin legalisieren. Warum nicht direkt als Genussmittel? Wir sind keine Gruppe von Kiffern, sondern in erster Linie eine medizinische Selbsthilfegruppe. Es gibt viele Krankheiten, die mit Cannabis gelindert oder sogar geheilt werden können. Wer das heute tun will, muss auf der Strasse Cannabis kaufen, kann so die Qualität nicht überprüfen und wird kriminalisiert. Das wollen wir ändern.

Erst kommt die Legalisierung des medizinischen Cannabis, dann für alle? Klar sind wir für eine generelle Entkriminalisierung der Kiffer. Viel wichtiger und dringender ist aber, dass Patienten mit dieser Heilpflanze behandelt werden können. Uns geht es um die Gesundheit.
Wer sich heute mit Cannabis behandelt, zieht immer drei bis vier Personen mit in die Kriminalität. Das muss aufhören.
Bei welchen Krankheitsbildern kann Cannabis die Beschwerden lindern? Krebs- und AIDS-Patienten verspüren dank Cannabis-Medikamenten wieder Appetit – so können sie an Gewicht zulegen. Cannabis kann auch gegen Schmerzen, Migräne, Übelkeit, Spastik, Asthma, Epilepsie, Depressionen und bei vielen weiteren Beschwerden eingesetzt werden. Gegen Krebs ist Cannabis ein anerkanntes Heilmittel.
Gibt es keine Nachteile beim Konsum von THC? Es ist nicht tödlich und es führt zu keiner Abhängigkeit – körperlich gibt es keine Nachteile. Zudem ist die Toleranz nach drei bis sieben Tagen wieder weg. Bei synthetischen Medikamenten ist das anders, die Dosierung muss ständig erhöht werden.

Woher kommen die Bedenken gegen eine Legalisierung? Unser heutiges Gesundheitssystem ist so ausgelegt, dass damit Geld verdient werden muss. Das heisst, Patienten müssen rentieren, weil die Ärzte, Spitäler und nicht zuletzt die mächtige Pharmabranche Gewinne erzielen müssen.
Es geht nicht um die Gesundheit der Menschen, sondern um einsetzbare Arbeitskräfte.
Ärzte können bereits heute Medikamente mit Cannabis verschreiben. Seit zwei Jahren ist das offiziell erlaubt. Allerdings sind diese Medikamente viel zu schwach, in der Produktion zu teuer und die Abgabe zu kompliziert.

Können Sie das ausführen? In Kalifornien kostet ein Gramm reines THC 50 Franken. Bei uns kostet die gleiche Menge 1000 Franken. Warum? Weil die Cannabispflanze nicht patentiert werden kann, stellt Novartis aus Zitronenschalen synthetisches THC her – das kostet unglaublich viel und die Krankenkassen bezahlen die Medikamente nicht immer. Verschreibt ein Arzt diese Medikamente, müssen er und der Patient eine absurde Bürokratie durchlaufen – es braucht eine Sonderbewilligung.

Wenn die legalen Medikamente nicht nützen, wie behandeln sich die Mitglieder der Patientenruppe? Alles, was wir brauchen, haben wir aus Israel und Kalifornien. Zudem arbeiten wir mit einer Gruppe junger Pharmazeuten, die medizinische Produkte aus Cannabis herstellen.
Die Leute vom BAG und viele Ärzte wissen, was wir tun, können es aber nicht öffentlich unterstützen und kontrollieren, weil sie sich dann auch strafbar machen  würden und uns verhaften müssten.
Arbeitet ihr mit dem Bund zusammen, um eine legale Lösung zu finden? Wir haben intensive informelle Kontakte mit dem Bundesamt für Gesundheit. Dass Cannabis eine Heilpflanze ist, ist eigentlich unbestritten, das wissen auch die in Bern.

Ist der Medical Cannabis Verein Zürich mit ähnlichen Bewegungen in anderen Städten vernetzt? Ja, selbstverständlich. Wir sind mit allen Städten auf allen Ebenen gut vernetzt. Alle diese Initiativen sind sehr wichtig. Wir grenzen uns aber bewusst ab von jenen, die Kiffen nur zum Genuss legalisieren wollen.

Sechs der zehn grössten Schweizer Städte arbeiten an einer Legalisierung von Cannabis. Wie realistisch sind diese Bemühungen?
Vor den Wahlen im Herbst wird nichts mehr passieren. Es herrscht der sogenannte Mikado-Effekt: Wer sich zuerst bewegt, ist raus.
Die Politiker haben Angst, sich an diesem Thema die Finger zu verbrennen. Darum braucht es uns: Wir müssen beginnen, Cannabis als Medizin einzusetzen, dann bewegt sich etwas.

Was, wenn sich nichts bewegt? Setzt ihr dann auf zivilen Ungehorsam wie das auch Genf angekündigt hat? Klar, wir sind jetzt schon eine Gruppe des zivilen Ungehorsams. Wir wollen, dass wir Medikamente aus Cannabis abgeben dürfen. Wir sehen uns aber nicht als eine kämpferische Widerstandgruppe – wir helfen kranken Menschen, ihre Beschwerden zu lindern und ihre Krankheiten zu heilen.

Wie könnte eine Lockerung des Verbots aussehen? Die Legalisierung wird niemals so weit gehen, dass Cannabis auf einem offenen Feld angebaut werden darf, wegen dem Jugendschutz. Aber auch medizinisch macht es keinen Sinn, die Pflanze draussen anzupflanzen. Die Qualität kann Indoor oder in einem Gewächshaus viel besser überprüft und gewährleistet werden. Jeder Patient sollte zudem seinen Bedarf durch Eigenanbau decken können, das entlastet die Krankenkassen.

Über ein Forum wird nach Patienten gesucht, um beim Menschenrechtsgerichtshof in Strassburg eine Sammelklage einzureichen. Wie schätzen Sie das Vorgehen ein? Auch diese Initiative können wir nur unterstützen. Es ist wichtig, dass das Thema von allen Seiten und mit verschiedensten Mitteln publik gemacht wird. So erhöht sich der Druck auf die Verantwortlichen in Bern.

Porträt eines Patienten: Lieber ein Gramm Hasch, als eine Handvoll Pillen

Wie die Lage bezüglich medizinischem Cannabis ist, liest du hier. Titelbild: Twitter/ExplosiveTweets

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