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Wer sich mit medizinischem Cannabis behandelt, ist kriminell

«Medical Cannabis Verein Zürich»
23. Mai 2015
Chefredaktor


Zürich im Sommer: Von jeder Wiese, von jedem Kaffee, wehen die süsslichen Kiffer-Düfte durch die Luft. Für die meisten Menschen ist Cannabis eine Droge. Doch die Pflanze kann noch viel mehr, als Heisshungerattacken auslösen. Seit Jahrtausenden sind die Inhaltsstoffe wie THC anerkannte Heilmittel und versprechen bei erstaunlich vielen Krankheiten Linderung. Auch in der Schweiz waren medizinische Produkte aus Cannabis bis 1951 legal, seither wurden die Gesetze mehrmals verschärft.

Patienten = Kiffer? Eine Gruppe, die für die erneute Akzeptanz von Hanf als Heilpflanze kämpft, ist der «Medical Cannabis Verein Zürich». Er gibt sich zugeknüpft und will nicht in der Öffentlichkeit stehen. Nach den Facebook-Posts zu urteilen ist der Verein eine Art Selbsthilfegruppe für Patienten, die sich lieber mit Cannabinoiden, als mit chemischen Mitteln behandeln möchten.

Das Problem: Es ist verboten. Alle, die sich bei Krebs, Multipler Sklerose, Schmerzen, Migräne, Aids und vielen weiteren Krankheiten mit Cannabis behandeln, werden vom Gesetz mit Kiffern gleichgestellt. Wie Marco Cortesi, Sprecher der Stadtpolizei Zürich, auf Anfrage mitteilt, fallen alle Cannabiskonsumenten «unter die Strafbestimmungen des Betäubungsmittelgesetzes, wobei dies im Regelfall heute ja mit einer blossen Ordnungsbusse von 100 Franken geahndet wird.»

Weniger Pillen dank Cannabis Das ist zwar rechtlich korrekt, aber trotzdem unsinnig. Die Vorteile von medizinischem Cannabis liegen auf der Hand: Es ist natürlich, in Herstellung und Verkauf billiger als chemische Medizin, verursacht viel weniger Nebenwirkungen und ist, was die Wirksamkeit angeht, vielen herkömmlichen Medikamenten weit überlegen. Ein Beispiel: Eine Amerikanische Studie zeigt: In den 13 Bundesstaaten, in welchen Cannabis als Medizin verfügbar ist, sank der Verbrauch von herkömmlichen Schmerzmitteln um 25 Prozent.

1780 Ausnahmebewilligungen vom Bund Schweizer Patienten haben nur eine scheinbare Hintertür zur Verfügung, um an ihre bevorzugte Medizin zu kommen: Ärzte dürfen zwar Medikamente mit synthetischen Cannabinoiden verschreiben. Das Problem: Schwerkranke brauchen vom Bundesamt für Gesundheit (BAG) eine Sonderbewilligung, um entsprechende Medikamente beziehen zu können. Seit 2012 haben 1780 Patienten vom BAG eine solche Ausnahmebewilligung bekommen. «In diesem Jahre waren es bereits 580, die Tendenz ist also klar steigend», so Catherine Cossy, Sprecherin des BAG.

Neues Verfahren ab 2017 Die St.Galler Nationalrätin Margrit Kessler, die mit einem Vorstoss Bewegung in die Angelegenheit bringen möchte, bezeichnet die Ausnahmenbewilligung als «de facto wertlos». Das Verfahren sei viel zu kompliziert, viele Ärzte haben keine Lust, sich auf einen Papierkrieg mit dem BAG einzulassen. Das Bundesamt für Gesundheit ist zwar nicht der Meinung, dass die Verfahren zu mühsam seien, verspricht aber trotzdem Besserung: «Ab 2017 werden die Gesuche online gestellt und behandelt werden können, das wird eine Vereinfachung bringen.»

Das Problem mit den Medikamenten sei, dass diese – mit Sativex bei Multipler Sklerose als einzige Ausnahme – nicht von Swiss Medic zugelassen seien und darum eine Sonderbewilligung brauchen.

THC aus Zitronenschale Wer im Besitz einer solchen ist, hat Zugang zu künstlich hergestellten Cannabinoiden: Aus Zitronenschalen wird synthetisches THC hergestellt. Wie mehrere Insider behaupten, haben Novartis und Co. kein Interesse an natürlichem THC, weil dies nicht patentiert und darum damit kein Geld verdient werden kann. Sie setzen lieber auf komplizierte und teure Verfahren. Novartis wollte gegenüber Tsüri.ch leider kein Statement abgeben. Die synthetisch hergestellten Produkte sind nur begrenzt wirksam, viel zu teuer und werden nur von ungefähr der Hälfte der Krankenkassen übernommen. Ein Patient zahlt so monatlich bis zu 1000 Franken für ein schlecht wirkendes Mittel wie Dronabinol.

Natürliche Medikamente bis Ende Jahr? Das könnte sich aber bald ändern. Die Forschungs- und Entwicklungsanstalt AIFAME GmbH tüftelt zurzeit an neuen und natürlichen Produkten: «Bis wir ein fertiges Medikament auf den Markt bringen können, dauert es aber noch eine Weile», so Daniel Schibano von AIFAME. Geht alles nach Plan, könne das Labor ab August die Wirkstoffe und bis Ende Jahr die ersten Produkte entwickeln. Um die Medikamente auf den Markt bringen zu können, braucht Daniel Schibano die Zulassungen vom BAG und von Swiss Medic. Er gibt sich zuversichtlich: «Wir sind weltweit führend in der Technik. Wenn ich die Zulassung nicht kriege, dann kriegt sie niemand.» Auch die GLP-Politikerin Margrit Kessler ist zuversichtlich: «Ja, ich denke, dass in nächster Zeit Bewegung in die Sache kommt.»

Schwarzmarkt oder selber anbauen Bis es soweit ist, müssen sich viele Patienten weiterhin selber mit Cannabis behandeln und machen sich und ihre Helfer damit strafbar. Eine Option ist, Hanf selber anzupflanzen – verbotenerweise. «Wer es trotzdem macht, muss mit einer Anzeige rechnen», lässt das BAG ausrichten. Die zweite Option ist der Schwarzmarkt: Die Patienten haben dann aber keine Ahnung von der Konzentration der Wirkstoffe oder allfälligen Giftstoffe, die im Gras enthalten sind. Frau Kessler, was sagen Sie diesen Selbstversorgern? «Ich rate den Patienten zu schauen, dass sie die richtigen Substanzen bekommen. Ich finde es tragisch, dass sie auf den Schwarzmarkt müssen. Das sollte in der Zukunft nicht mehr so sein.»

Porträt eines Patienten: Lieber ein Gramm Hasch, als eine Handvoll Pillen

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