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Der denkmalgeschützte Schriftzug hat sich seit 1934 nicht verändert. (Foto: Lara Blatter)

Ein avantgardistischer Bau aus den 30ern

Die Liegenschaft, in der sich das Café Boy befindet, war einst ein Wohnheim der «Proletarischen Jugend» von Zürich. Über die Bedeutung dieses Hauses, seine Vergangenheit und seine Geschichten.
28. Dezember 2020
Redaktorin

Das Café Boy, das sind zwei Häuser, vier Stockwerke, eine Dachterrasse, eine Loftwohnung, dreizehn 1-Zimmer-Appartements, zwölf Wohnungen und ein Restaurant.

Die Besitzerin der Liegenschaft ist die «bonlieuGenossenschaft». Deren Ursprünge führen nach Uster, wo 1917 der Sozialist Gustav Nüssli die «Genossenschaft Freie Jugend Uster» gründete und im Zuge dessen ein Wohnheim eröffnete. Nach seinem Tod zog es die Mitglieder der Genossenschaft 1923 nach Zürich, in der Hoffnung auf stärkeren Rückhalt in der Arbeiterbewegung und bessere Entfaltungsmöglichkeiten. Sie nannten sich fortan «Genossenschaft Proletarische Jugend» (GPJ).

Das Sihlfeld als Zuhause der Proletarischen Jugend

Vom Architekten Max Rotter bekam die GPJ 1928 zwei Häuser an der Sihlfeldstrasse geschenkt. Er selbst war in der kommunistischen und in der sozialdemokratischen Partei und wollte etwas «Bleibendes für die kämpfende Menschheit tun». Die beiden Häuser wurden 1932 abgerissen – ein Neubau war geplant. Die Bank weigerte sich aber, der GPJ einen Baukredit zu geben. Dies aufgrund der politischen Ausrichtung und Vergangenheit der Proletarischen Jugend.

Das «Wohnheim Sihlfeld» kann dem Architekturstil «Neues Bauen» zugeordnet werden. (Foto: Schweizerisches Sozialarchiv)

Um dennoch an einen Kredit zu kommen, gründeten sie die «Genossenschaft Wohnheim Sihlfeld» (GWS). Diese bestand zwar aus dem Vorstand der GPJ, war aber nicht direkt mit der Arbeiterbewegung verbunden. Die GWS bekam einen Kredit, worauf 1934 der heutige Neubau vom damals unbekannten Architekten Franz Stephan Hüttenmoser gebaut wurde. Als das Haus eröffnet wurde, gab es darin das Jugendwohnheim, Wohnungen, Werkstätten und ein Restaurant.

Warum ein Restaurant in den 1930er Jahre in Zürich den Namen «Boy» erhielt, ist nicht vollständig geklärt. Gründungsmitglied Max Winiger soll im selben Jahr Vater eines Jungen geworden sein. Darüber hat er sich angeblich so gefreut, dass er das Restaurant «Café Boy» taufte. Der Name «Boy» mag für ein links orientiertes Restaurant im Jahre 2020 nicht mehr ganz passend sein. Der denkmalgeschützte Schriftzug gehört aber längst zur Zürcher Geschichte.

Ein vernünftiger Alkoholkonsum lässt sich durchaus mit politischem Kampf vertragen
Vivien Jobé, Projektleiterin Café Boy

1974 war das Café Boy ein alkoholfreier Treffpunkt. (Foto: Schweizerisches Sozialarchiv)

Aufgrund ideeller Überzeugungen wurde das Café Boy bis 1983 als alkoholfreies Restaurant geführt. «Der trinkende Arbeiter kämpft nicht», so das Credo der Boy-Gründer. Da der Ausschank von Alkohol damals wie heute eine wichtige Einnahmequelle für die Gastronomie war und ist, liessen sich in den 80er-Jahren kaum noch Pächter*innen finden, die bereit waren, ein alkoholfreies Restaurant zu führen.

Ein alkoholfreies Boy? Unvorstellbar für Vivien Jobé, die heutige Projektleiterin des Café Boys. «Ein vernünftiger Alkoholkonsum lässt sich durchaus mit politischem Kampf vertragen», so Jobé schmunzelnd.

Ein avantgardistischer Bau

Das 82-jährige Haus ist 1934 seiner Zeit voraus gewesen: Optisch durch den Architekturstil des «Neuen Bauens» und konzeptionell durch die gemeinschaftlichen Räume. Was damals als revolutionär galt, gilt heute als zeitgemässes Wohnen: Klare Linien und grosse Flächen für die Allgemeinheit.

Aus den beiden Genossenschaften GPJ und GWS entstand 2005 die heutige «bonlieuGenossenschaft für Wohnen und Kultur». Der Name soll Programm sein; ein guter Ort, der Wohnen und Kultur vereint. Gregor Katz ist deren Vorstandspräsident und selbst Architekt. Stolz vergleicht er das Haus mit heutigen Neubauten: «Das Raumprogramm der Kalkbreite oder des Zollhauses (Anm. d. Red.: Zwei Bauten der Genossenschaft Kalkbreite in Zürich) entspricht dem ursprünglichen Modell unserer Liegenschaft. Was also heute wieder gebaut wird, hatten wir 1934 schon.»

Nur ginge man heute davon aus, dass man 40 Quadratmeter individuellen Raum brauche. Aufgrund dieser veränderten Nachfrage nach mehr individueller Wohnfläche, wurde das Haus 2003 im Innern umgebaut und renoviert. Die ehemaligen Zimmer des Wohnheims waren zu klein. So wurde aus drei Zimmern, je ein geräumiges 1-Zimmer-Appartement.

Treffpunkt der Linken

In den einstigen Zimmern des Wohnheims lebten die beiden Kommunistinnen Rosa Grimm und Mentona Moser während des Zweiten Weltkriegs und kurz danach. Historiker Luca Stoppa hält aber fest: «Das Boy war im 2. Weltkrieg keine wichtige Drehscheibe des antifaschistischen Widerstandes, aus dem Boy heraus sind aber Unterstützungsaktionen entstanden.»

Das Boy sei allerdings immer ein wichtiger Treffpunkt und Ort der Zürcher Linken gewesen. «Leute, die dort verkehrt haben, tauschten sich über das politische Treiben aus. In den Sitzungsräumen haben sich verschiedene Organisationen aus dem linken Spektrum getroffen – und das über mehrere Generationen. Dabei handelte es sich beispielsweise um Gruppen aus der Arbeiterbewegung der 1930er- und 1940er-Jahre oder dann später ab 1968 um Mitglieder der sogenannten «Neuen Linken», so Stoppa.

In den 30-er Jahren diente das Restaurant noch als Gemeinschaftsküche für das Wohnheim. (Foto: Archiv Raymond Naef, Zürich)

Das Boy soll auch heute noch ein Ort sein, wo Menschen zusammenkommen können, um sich politisch auszutauschen oder einen «Was es grad hät»-Teller zu essen, der aus den Resten des Vortages kreiert wird. Den politisch roten Faden greife die «Wirtschaft zum guten Menschen» wieder auf, sagt Viven Jobé. Sei es mit saisonalem Essen, einem monatlichen Themenstammtisch oder den Sitzungszimmern, die wie früher schon nach Vertreter*innen der Arbeiterbewegung benannt sind: Karl Marx, Michail Bakunin und Rosa Luxemburg.

Die architektonischen und geschichtlichen Hintergründe für diesen Beitrag basieren auf dem Buch «Proletarische Jugend Zürich», das Luca Stoppa und Muriel Pérez 2018 zum hundertjährigen Jubiläum der Genossenschaft geschrieben haben.

Das Café Boy und sein politisch roter Faden
Das Haus, in dem sich das Café Boy befindet, ist gesellschaftlich, politisch sowie architektonisch spannend. Eine ehemalige Mitarbeiterin des Boys, Genossenschafter*innen, ein Historiker und ein Architekt erzählen in drei Teilen die Geschichte des Boys.

Ein avantgardistischer Bau aus den 30ern
Gertraud Määttänen: «Das Café Boy ist nicht mehr dieser politische Ort»
Ein Haus für eine bessere Zukunft

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