Fotos: zVg

Zehn PET-Flaschen für eine Mahlzeit

Essen für Plastik – das ist das Credo von «Buy Food with Plastic». Die Zürcher Organisation setzt sich im Kampf gegen den enormen Abfall und die soziale Ungerechtigkeit in Entwicklungsländern ein. Aktuell hilft sie den Menschen während der Corona-Krise indem sie die lokale Bevölkerung aufklärt und ihnen weiterhin Mahlzeiten zur Verfügung stellt.
25. Mai 2020

Die Wissenschaft sagt: Im Jahr 2050 werden unsere Ozeane mehr Plastik, als Fische enthalten. Ein globales Problem wofür die Organisation «Buy Food with Plastic» eine globale Lösung bietet. Wer in Nicaragua zehn PET-Flaschen mitbringt, erhält dafür eine warme Mahlzeit. So soll nicht nur der sozialen Ungleichheit, sondern auch dem weltweiten Plastik-Problem entgegen gewirkt werden.

Die grösste Abfallmulde Lateinamerikas

Angefangen hat das ganze Projekt mit dem Zürcher Student Khalil Radi: Vor zwei Jahren besuchte er den Lehrgang International Management an der Zürcher Hochschule für angewandte Wissenschaften. Zu seiner Ausbildung gehört ein einjähriger Auslandsaufenthalt. Im Jahr 2018 entschied er sich für die Universidad EAFIT in Medellin, Kolumbien. Als leidenschaftlicher Surfer war es sein grösster Traum, die nur wenig entfernten nicaraguanischen Wellen zu reiten. Vor zwei Jahren herrschte in Nicaragua jedoch Ausnahmezustand: starke politische Unruhen, die daraus folgende Tourismuskrise, enorme Arbeitslosigkeit und wachsender Hunger. Das hielt Khalil jedoch nicht von seinen Plänen ab.

In Nicaragua wurde ihm schnell bewusst: «Die Menschen sind nicht nur arbeitslos und können sich keine Lebensmittel kaufen, überall liegt Plastik – Nicaragua weist die grösste Abfallmulde Lateinamerikas auf.» Als er mit mehreren Locals vor Ort sprach, die ihm versicherten, dass die hungernden Kinder momentan das grösste Problem seien, kam ihm die zündende Idee, Plastik als Währung zu etablieren und den Menschen dafür warme Mahlzeiten zu geben. «Den Leuten einfach Essen zu kaufen war keine Lösung, es sollte eine Bezahlung geben, die sich die Einheimischen leisten können», so Khalil.

Die Zukunft ist plastikfrei.

Der erste Event brachte 2’000 PET-Flaschen

Mit Hilfe eines nicaraguanischen Freundes trommelte er ein zwölfköpfiges Helferteam zusammen, sammelte Geld, stellte Einkaufslisten zusammen und suchte einen Veranstaltungsort. Er machte auf den Strassen des Küstenortes Popoyo Mund-zu-Mund-Propaganda und teilte die News auf den Social Media Kanälen. Der erste Event fand vor rund zwei Jahren statt – und findet seither bei der lokalen Bevölkerung grossen Anklang. An jenem ersten Event wurden rund 2’000 PET-Flaschen gesammelt – bis heute sind es über 30’000. Doch: Was passiert im Anschluss mit dem ganzen Abfall?

«Die PET-Flaschen werden zu Produkten verarbeitet und bilden sogar das Fundament für ein Zuhause. Gestopft mit Schlamm und anderem Plastikmüll werden die Flaschen als Ziegelsteine verwendet», erklärt Khalil. In Zusammenarbeit mit lokalen Projektmanager*innen errichtete das Team innerhalb weniger Monate ein Haus mit Küche, Bad und Terrasse. Das erste Plastik-Haus bietet ein Zuhause für die alleinstehende Marbillez und ihre vier Kinder – sie hatten ihren Unterschlupf nach einem Sturm verloren.

«Buy Food with Plastic» bis vor die Haustür

Während der Corona-Krise hatte die nicaraguanische Regierung anfänglich keine Massnahmen zur Eindämmung der Ausbreitung ergriffen. Im Gegenteil: Es gab keine Ausgangsbeschränkungen oder Verbote von Menschenansammlungen. In der Karwoche hatte die Regierung sogar eine Reihe von Veranstaltungen organisiert und warb um Tourist*innen.

Es ist so schön zu sehen, dass wir aus Zürich einen so grossen Impact in Nicaragua haben können und den Menschen dort wieder Hoffnung geben können.
Khalil Radi

Daraufhin organisierte das «Buy Food with Plastic» Team für die Menschen im Dorf ein Grundnahrungsmittel-Paket. Um dem Prinzip der Events treu zu bleiben, stellten die bedürftigen Familien PET-Flaschen vor ihre Haustüre, die das lokale Team vor Ort einsammelt. In dem Paket ist genug Nahrung, sowie ein Sensibilisierungsbrief, damit die Einheimischen über die wichtigsten Massnahmen gegen den Corona-Virus informiert werden. Ein solches Packet kostet die Organisation rund 15 Franken und reicht einer Familie ungefähr für eine Woche. «Es ist so schön zu sehen, dass wir aus Zürich einen so grossen Impact in Nicaragua haben können und den Menschen dort wieder Hoffnung geben können», so der 25-jährige Student. Der junge Zürcher weiss: Mit dieser Arbeit ist es noch längst nicht getan. Doch es ist ein Schritt in die richtige Richtung.

Khalil Radi klärt Kinder und Erwachsene über die gravierenden Auswirkungen von Umweltverschmutzung auf.

Khalil darf mittlerweile auf die Unterstützung von vier Geschäftsführerinnen und rund 100 Vereinsmitglieder zählen. Demnächst wird die junge Organisation ihre Idee auf Ghana ausweiten. Alle teilen dieselbe Vision: Das Projekt über die Landesgrenze Nicaraguas hinweg zu etablieren. Und somit das Bewusstsein schaffen, wie wertvoll Plastik für unsere Umwelt sein kann – und wie schädlich es ist, wenn wir nicht darauf achtgeben.

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