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Aline Wüst im Kosmos (Bllder: Céline Geneviève Sallustio)

Buchlesung Aline Wüst: «Über das Thema Sexarbeit könnten wir bis morgen um fünf Uhr diskutieren»

Für ihr neues Buch hat Journalistin Aline Wüst mit und bei Sexarbeiterinnen in der Schweiz recherchiert. Céline Geneviève Sallustio hat die Buchlesung im Kosmos besucht.
26. August 2020

Gewidmet ist das Buch an «Anna und Sara und all die anderen starken, liebevollen und klugen Frauen». Anna und Sara, das sind Sexarbeiterinnen in der Schweiz. Aline Wüst hat die beiden – und über 90 andere Sexarbeiterinnen - zwei Jahre lang bei ihrer Arbeit im Rotlichtmilieu begleitet. Ihnen zugehört, was sie zu erzählen haben. Daraus ist das Buch «Piff, Paff, Puff» entstanden. Vergangenen Freitagabend fand Wüsts Buchlesung im Kosmos statt. Die Plätze waren bis auf die hinterste Reihe besetzt. Zu Beginn hielt die Journalistin fest: «Ich sitze zwar allein hier oben auf dem Podium und erzähle allein die Geschichte von Sexarbeiterinnen in der Schweiz. Aber es ist die Geschichte vieler.»

«Muss mir niemand erzählen, dass es denen Spass macht»

Und so beginnt die 34-Jährige zu lesen: «Elena trägt einen Umschnall-Dildo. Er ist schwarz, sie tätowiert. Breitbeinig steht die Ungarin vor einem Spiegel in Annas Bordell. Der Dildo baumelt zwischen den Beinen der 29-Jährigen. «Ich mag das!», sagt sie. Reckt das Kinn, während sie sich von allen Seiten im Spiegel betrachtet. «Besser zu ficken, als gefickt zu werden, nicht?» Und so liest Wüst weiter aus ihrem Buch. Erzählt die Geschichte von Jessica und Elena. Und die von Noah, einem Mittzwanziger Freier, der gelegentlich für Sex bezahlt: «Ich sehe es so: Bisschen rumficken ist einfach verdientes Geld. – Obwohl, wenn ich sehe, was da manchmal für Männer im Puff sind, das würde mich dann schon auch anscheissen. Einigen wir uns darauf: Die Prostituierten machen es wegen des Geldes. Geld regiert die Welt. Das ist traurig. Wir alle wissen, dass es nicht glücklich macht. Aber ohne Geld geht es nicht. Punkt. Muss mir niemand erzählen, dass es denen Spass macht. Deshalb brauchen sie schauspielerisches Talent. Ob sie mir nun aber etwas vorspielt oder nicht, scheiss drauf, ich bin danach zufrieden.»

Zum Schluss der Lesung ertönen die Stimmen von drei Sexarbeiterinnen. Mit ihrem gebrochenen Deutsch erzählen sie ihre eigene Geschichte. Wüst erzählt, dass sie Nächte lang für die Textpassagen aus dem Buch geübt hätten. Um ihre eigene Geschichte heute Abend zu erzählen.

An der Podiumsdiskussion kommen auch Sexarbeiterinnen zu Wort.

Die Lover-Boy-Masche

Dass die Sexarbeiterinnen Rumäninnen sind, sei laut Wüst kein Zufall. In Rumänien ist das Lover-Boy-Phänomen weit verbreitet. Die sogenannten Lover-Boys geben sich als verliebten Freund aus. Sagen ihrer Freundin, dass sie sie lieben. Nach einem Jahr etwa, so erzählt Wüst, würden die Freunde ihrer Freundin sagen, sie hätten Geldprobleme. Die Lösung: Ihre Freundin soll sich prostituieren lassen. Der Haken: Die Lover-Boys haben mehrere Freundinnen, wickeln die meist bildungsfernen und naiven Frauen um den Finger und sacken den grössten Teil des Geldes ein. Aber wie Jessica, eine der Prostituierten im Buch sagt: «Es ist ein Zwang, ohne ein Zwang zu sein.» Am Ende würden die Frauen freiwillig Sex für Geld anbieten. Vermutlich um die vermeintlichen Lieben und Zuneigung Willen, meinte auch Professor Jan Gysi. Er ist Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie und arbeitet seit Jahren mit Opfern von sexualisierter Gewalt. Allerdings nur mit Schweizerinnen. «In der Schweiz gibt es keine Institutionen, die Frauen in einer solchen Situation, wie derjenigen vieler Rumäninnen, helfen würden.» Ausserdem hätten auch viele Frauen Angst vor der Demütigung und Kränkung, wenn sie sich die tatsächlichen Umstände eingestehen würden.

«Die Frauen haben eine Geschichte zu erzählen»

Das Thema fand beim Publikum Anklang. «Wie man sehen konnte, blieben am Ende der Diskussion viele Fragen offen. Über das Thema Sexarbeit könnten wir bis morgen um fünf Uhr diskutieren», sagte der 25-jährige Jan Gross. Dennoch sei der anschliessenden Diskussion ein guter Querschnitt über das Thema gelungen. Und was meint der Publikumsgast dazu, dass es Kritiker*innen gibt, die der Journalistin vorwerfen, sie hätte nur eine Seite dies Gewerbes beleuchtet und die Sexarbeiterinnen ausschliesslich als Opfer dargestellt? «Ich denke der Anteil der Frauen, die von dieser Arbeit psychischen und physischen Schaden nimmt ist grösser als derjenige, der es nicht tut. Und ausserdem haben doch genau diese Frauen eine Geschichte zu erzählen – und darum geht es in diesem Buch.»

*Alle Namen der Prostituierten wurden geändert.

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