Von Coraline Celiker

Praktikantin Redaktion

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7. August 2022 um 07:53

Interrail im Sommer: Wieso nachhaltiges Reisen schrecklich sein kann

Nachhaltig reisen kann anstrengend und zermürbend sein. Das wurde unserer Redaktionspraktikantin Coraline auf ihrer Interrail-Reise diesen Sommer einmal mehr bewusst. Deshalb fragt sie sich, ob sich eine Reise auf Schienen im Hochsommer überhaupt lohnt.

Illustration: Zana Selimi

Sommerzeit heisst Ferienzeit. Zumindest für alle die, die es sich leisten können und wollen. Trotz knappem Budget liess auch ich es mir nicht nehmen, dieses Jahr Ferien in «Anderswo» zu machen. Dass dabei das Thema Nachhaltigkeit aufpoppt, ist bei mir und vielen meiner Mitmenschen eine fast stumme Vereinbarung und redet mir auch bei der Ferienplanung stets ins Gewissen. 

Es schien wie ein Wink des Schicksals, dass Interrail dieses Jahr 50 wurde und eine Rabattaktion startete. Nach stundenlangem Ausharren vor unseren Bildschirmen, und trotz abgestürzten Servern, hatten mein Freund und ich es geschafft und glaubten, unsere Tickets redlich verdient zu haben. Wer aber schon eine Reise mit Interrail gemacht hat, weiss, dass sich diese meist nicht so einfach gestaltet, wie Interrail das gerne anpreist. Stichwort: Reservierung! Also versuchte ich schnellstmöglich herauszufinden, wo die Chancen auf Spontanaktionen höher stehen. Das Internet spuckt Dänemark und Norwegen als mögliche Optionen aus. Und so rechne ich mir nägelkauend die Reisezeit aus: knapp 30 Stunden! «Wer den Weg nicht zum Ziel erklärt, der weiss nicht wie man lebt», würde ein:e Yogi jetzt wohl sagen. Spontane Reise quer durch Europa im Hochsommer; mit Endziel «Natur von Norwegen»; verübt durch zwei Chaot:innen? Let the game begin!

Erwartungen sind der Feind jeder Reise


Am SBB-Schalter dann der erste Rückschlag: Der erhoffte Nachtzug – ausgebucht. Wer glaubt, ein paar Tage vor Abfahrt an einem Sonntagabend im Juli einen Nachtzug buchen zu können, läuft bereits vor Antritt der Reise Gefahr «Game Over» zu gehen. Denn zwar wurde das Nachtzug-Angebot nach stufenweisem Abbau wieder aufgestockt, doch mehr als ein Nachtzug pro Destination ist bei dem infrastrukturellen Setting meist nicht zu erwarten. Erwartungen zurückschrauben, so heisst auch das Credo dieser Reise.

Erwarte für Züge (ausserhalb der Schweiz) nicht:

  1. dass dein Zug pünktlich abfährt oder ankommt.
  2. du folglich deinen Anschluss erwischt.
  3. du trotz keiner Erwähnung auf der Interrail App, deine Plätze in der Hauptreisezeit nicht fix zu buchen hast (Ergebnis: genervtes Zugpersonal).
  4. du dementsprechend ohne eine Reservierung Sitzplätze hast.

Züge von innen und aussen, Schienen, Bahnhöfe: Das hat Coraline auf dieser Reise zur Genüge gesehen.

«...ein Aufstöhnen bei drei Minuten Verspätung dürfen wir uns getrost einmal verkneifen.»

Coraline Celiker

Ein Hoch auf Beinfreiheit und Rittergeschichten

Mein Fazit nach dieser Reise: Nachhaltig reisen braucht Zeit, aber auch Nerven, besonders wenn das eigene Organisationsgeschick eher dürftig ausfällt. Dabei sei gesagt, dass Zeit eine Ressource ist, die sich nicht jede:r leisten kann und nachhaltiges Reisen damit ein Privileg ist. Genauso sind unsere Schweizer Bundesbahnen ein Privileg und ein Aufstöhnen bei drei Minuten Verspätung dürfen wir uns getrost einmal verkneifen.

Zumal die Alternativen der Mobilität insbesondere dieses Jahr nicht gerade berauschend sind. Am Flughafen in Warteschlangen zu stehen, die manchmal mehrere hundert Meter lang sind oder das Gepäckstück zu verlieren, weil das Bodenpersonal völlig überlastet ist. Beides ist derzeit keine Seltenheit.  Und auch der Road Trip lässt sich angesichts der hohen Spritpreisen eher schlecht als recht «geniessen». Nein, danke!

Darum und trotz allem sind die Erfahrungen, die ich beim Bahnreisen bisher machen durfte, nicht zu unterschätzen: Entspannt lesen – wer kann das schon im fahrenden Auto, ohne das einem dabei übel wird –, Gilmore Girls bingen, genügend Beinfreiheit auskosten – schon einmal Easyjet geflogen? – oder einfach melancholisch mit Indie Pop im Ohr vorbeiziehende Landschaften bestaunen. Nicht zuletzt haben auch die unperfekten, manchmal stressigen Erlebnisse ihren Wert – sie machen eine super Story beim Kaffeeklatsch oder in einer Brunchkolumne. Rittergeschichten quasi.