Von Alice Britschgi

Praktikantin Redaktion

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22. Mai 2022 um 05:00

Brunchgeschichten: Wie ich Freund:innen auf dem Friedhof fand

Gesetzeshüter, Grabdiebe, Gruselvorstellungen: Unsere Redaktionspraktikantin Alice hat auf Friedhöfen schon so manches erlebt. Hier erzählt sie, wie sich ihre Beziehung zur letzten Ruhestätte verändert hat und wie sie Freund:innen auf dem Friedhof Sihlfeld fand – tote.

Illustration: Zana Selimi

Tote Menschen liegen in Holzkisten unter der Erde und verschwinden so langsam vor sich hin. Als ich an der Kantonsschule Stadelhofen ins Gymi ging und jeden Tag den Privatfriedhof Hohe Promenade passierte, fand ich diese Vorstellung unglaublich gruselig. Auch, weil der besagte Friedhof eine Besonderheit aufweist. Er liegt erhaben über dem Strassenniveau, sodass die Särge – das liess mich damals nicht los – von der Strasse aus gesehen, nicht unter der Erde liegen, sondern in einer Art, wie soll man sagen, Hochbeet. Wenn man den Schanzengraben Richtung Stadelhofen entlang geht, befinden sich die Särge zuerst noch auf Fussniveau, irgendwann auf Kopfhöhe und dann wird der Graben schnell so tief, dass die Särge über den Köpfen der Fussgänger:innen «schweben». 

Besser peinlich als tot

An dieser Stelle muss ich kurz eine Geschichte erzählen, weil sie einfach so unglaublich lustig ist. Ich schwöre. Dass der Friedhof Hohe Promenade privat und zudem hoch gelegen ist, sollte mir und meinen Eltern rund zehn Jahre später zum Verhängnis werden. 

Auf einem Spaziergang kommen wir am Friedhof vorbei, wo das sonst verschlossene Tor offen steht: Zur grossen Freude meiner Mutter, die da schon immer mal reingügslen wollte. Meine Eltern und ich (mit Krücken) setzen also Fuss auf das exklusive Stück Erde. Als wir die Gräber einmal umrundet haben, hat sich die Exklusivitätsordnung allerdings neu strukturiert. Das Tor ist zu. Alles ausserhalb des Friedhofes ist nun unerreichbar für uns. 

«Mein Vater versucht Angehörige der Verstorbenen zu erreichen – die haben einen Schlüssel.»

Alice Britschgi

Nach einigen Kletterversuchen müssen wir einsehen, dass wir da alleine nicht lebend wieder rauskommen. Es dämmert. Wir lachen hysterisch, telefonieren verzweifelt. Mein Vater versucht Angehörige der Verstorbenen zu erreichen – die haben nämlich einen Schlüssel. Meine Mutter sucht im Internet nach der Verwaltung. Absolut nichts hilft. Schliesslich wählt meine Mutter die Nummer der Polizei: «Drei starke, junge Männer? Ist gut.» Meine Laune sinkt in Grabestiefe.

Mein Vater und ich finden die Vorstellung, dass uns Polizisten aus dem Friedhof lupfen, so schlimm, dass uns die Kletteraktion – Krücken voran – doch noch gelingt. Wenig später helfen belustigte – und ja, starke – Polizisten meiner Mutter über den spitzigen Zaun. Allerdings erst, nachdem sie versuchten, das Schloss am Tor mit einem Dietrich zu knacken – untermalt von ungefragten Tipps meines Vaters. Naja, wir sind dem Friedhof noch mal entkommen. Und wie sagt man so schön: besser peinlich als tot.

Von Krokussen und Lebensfreude

So viel zu meinen schlechten Erfahrungen mit Friedhöfen. Nun zu den guten. Seit ich in Wiedikon wohne, finde ich Friedhöfe nämlich plötzlich nicht mehr so unheimlich wie früher. Wieso? Keine Ahnung. Wie so vieles im Leben, hat sich das grundlos geändert. Nun gehört es zu meinen Lieblingsritualen frühmorgens – okay sagen wir spätmorgens – mit einem Cappuccino über den Friedhof Sihlfeld zu spazieren. Es gab Zeiten, da war ich regelrecht süchtig danach. 

«Zu Lebzeiten habe ich meine drei Freund:innen kaum oder gar nicht gekannt.»

Alice Britschgi

Warum? Es gibt da Sonne. Im Frühling zudem hunderte violette Krokusse und rosarot erblühte Bäume. Fast alle Menschen, die man kreuzt, sind in ernster Laune – das mag ich. Der Ort beruhigt mich irgendwie. Vielleicht, weil ich dann immer, egal wie es mir geht, froh bin, am Leben zu sein. Und der wichtigste Grund: Weil ich da jetzt Freund:innen habe – tote, um das gleich vorwegzunehmen

Freund:innen in derselben Grabreihe

Es hat sich so ergeben, dass ich auf meinen Spaziergängen als Erstes immer den verstorbenen Vater des Exfreundes meiner Schwester besuche. Ich kannte ihn zu Lebzeiten nicht gut, habe ihn nur einmal gesehen. Aber mittlerweile fühlt es sich so an, als hätte ich eine Bindung zu ihm. Ich bin weder gläubig noch spirituell – aber sozial und mag Freund:innen.

Wenn ich sein Kreuz in den Grabreihen suche, dann ist das so, wie wenn man auf einem belebten Platz Ausschau nach jemandem hält – der Platz ist halt einfach nicht ganz so belebt. Sobald ich seinen Namen auf dem Kreuz finde, gehe ich zum Grab hin, stelle vielleicht ein umgekipptes Figürchen auf, denke an das feine Abendessen, das ich mit ihm erlebt habe und gehe weiter.

In derselben Reihe liegt eine Frau mit italienischem Namen. Am aufgestellten Kreuz hängt ein Foto. Auf einer meiner Spaziergänge sprach mich ein älterer Mann an, der ihr Grab pflegte – ich nehme an ihr Witwer. Die Grabkerzen würden immer geklaut, sagte er. Die Blumen auch. Crazy, dachte ich, und schmiedete mit meiner Mitbewohnerin einen Plan: An Weihnachten stellten wir gemeinsam mit einem Brieflein ganz viele Kerzen auf das Grab. Sie standen lange dort. Seit da gehe ich immer auch bei diesem Grab vorbei. Und auf eine komische Art, macht mich das froh. Ich finde es lustig und schön, dass jemand Fremdes – ich – das Grab dieser Frau besucht.

Friends for ever

Meine dritte Freundin liegt zerbröselt in einem Steinkästchen: ein Urnengrab. Mit ihr verbindet mich unser beider zweiter Name: Vera. Das ist aber nur der halbe Grund, wieso ich auf sie aufmerksam wurde. Die zweite Hälfte des Grundes ist ihr erster Name: Prima. Prima Vera. Was für ein Name! Jedes Mal, wenn ich den Namen lese, erfreue ich mich an ihm. Gut, dass er auf diesem Steinkästchen festgehalten ist.

Zu Lebzeiten habe ich meine drei Freund:innen auf dem Friedhof Sihlfeld kaum oder gar nicht gekannt. Deshalb schwingt für mich auch nicht viel Traurigkeit mit, wenn ich ihre Gräber besuche. Eher Freude sogar. Vielleicht, weil ich es schön finde, dass sie auch nach ihrem Tod noch eine Bedeutung für jemanden erlangen konnten. Vielleicht, weil ich denke, dass es die Angehörigen freuen würde, wenn sie wüssten, dass sie nicht die einzigen sind, die umgekippte Figuren auf diesen Gräbern aufstellen. Vielleicht, weil diese Besuche das Leben ein wenig unvergänglicher erscheinen lassen. Und vielleicht auch einfach, weil sich der Tag mit einem feinen Cappuccino und einer festgelegten Route so schön hinauszögern lässt. In diesem Sinne: Auf mehr Friedhofsfreund:innen!

Brunchgeschichten

Das Wochenende bietet meistens viel Gesprächsstoff für den Sonntagmorgen. Wir wollen dich an unseren bescheidenen Erlebnissen teilhaben lassen. Simon, Elio, Ladina, Alice, Isa, Nico, Steffen, Seraina, Rahel, Jonas, Sofie, Emilio und Lara erzählen dir jeden Sonntag abwechselnd eine Geschichte aus deiner Lieblingsstadt, die sich bestens beim gemütlichen Brunch besprechen lässt – sollten euch dabei mal die Themen ausgehen.

1. Warum ich abhaue, ohne Tschüss zu sagen

2. Weshalb zu einer Stadt Lärm gehört

3. Warum Tattoos keinen Sinn machen müssen

4. Warum wir seltener in den Club gehen sollten

5. Warum ich meinen Geburtstag so mag

6. Weshalb wir alles andere als wild sind

7. Warum wir öfters Langweiler:innen sein sollten

8. Weshalb ich nicht in meiner Bubble bleiben will

9. Warum eigentlich Berlin?

10. Warum ich keine Flohmis mag

11. Weshalb wir über unsere Körper sprechen sollten

12. Warum ich wieder mehr Ankerbier statt Naturwein trinken will oder «Auch ich werde älter!»

13. Warum ich fast immer zu Fuss gehe

14. Warum ich mein Sternzeichen nicht kenne

15. Weshalb der Dezember ohne Weihnachten nur ein zweiter Januar wäre

16. Mit der Deutschen Bahn von Zürich nach Berlin – ein 12-stündiges Abenteuer

17. Wieso ich Brunch blöd finde

18. NZZ & FDP gegen den Rest

19. Fomo? Jomo!

20. Endlich eine Bachelorette

21. Warum ich mich am Hobby meiner Freund:innen störe

22. Der Konsumkritik zum Trotz oder weshalb ich Geschenke mag

23. Wieso Langlaufen mehr als nur ein Boomer-Sport ist

24. Der brennende Tannenbaum auf dem Bullingerplatz – und was ich (nicht) damit zu tun habe

25. Warum Sex für viele Zürcher:innen ein Tabuthema bleibt

26. Warum ich die «Generation Z» bewundere

27. Warum ich nicht (nur) im Jetzt leben will

28. Warum ich trotz Massnahmenlockerungen Spielverderber bin

29. Weshalb männliche E-Mountainbiker toxisch sind

30. Oh Hardbrücke, du schönste unter den hässlichsten Brücken!

31. Weshalb Aufbruch auch schmerzvoll sein kann

32. Zwei Coaches wollen Frauen helfen ihre «Problemzonen in den Griff zu kriegen» – weshalb das nicht ok ist

33. Wieso wir Exfreund:innen nicht aus unserem Leben streichen sollten

34. 5 Gründe, warum das Leben Ü30 besser ist

35. Warum die Bravo kein Bravo bekommt

36. Warum Serien und ich kein Match sind

37. Wie mir eine Party die Skiferien versaute

38. Ich weiss, was du letzten Sommer auf deinem Balkon gemacht hast

39. Wie das Geld meiner «Boomer»-Eltern mein Leben prägt

40. «Will nicht mehr über die Gründe für eine Elternzeit sprechen»