Von Isabel Brun

Redaktorin & Klima-Redaktorin

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8. Mai 2022 um 05:00

Brunchgeschichten: Wie das Geld meiner «Boomer»-Eltern mein Leben prägt

Unsere Redaktorin wuchs in der Mittelschicht auf und lebt heute mit einem Mindestlohn. Trotzdem sieht sie darin keinen Abstieg, denn sie weiss: Der Wohlstand ihrer Eltern stärkt ihr den Rücken. Ein Privileg, das vielen verwehrt bleibt.

Illustration: Zana Selimi

Manchmal, wenn ich mich schlecht fühle, gehe ich in mich und reflektiere mein Leben. Danach fühle ich mich zwar nicht besser, aber meistens kommt dann die Erkenntnis zurück, dass ich keinen ersichtlichen Grund habe, mich in Selbstmitleid zu suhlen. Denn: Ich bin weiss, habe den roten Pass in die Wiege gelegt bekommen und genoss eine akademische Ausbildung. Und: Ich werde vermutlich einmal erben. Sofort wird mein Selbstmitleid durch ein anderes Gefühl ersetzt: die Scham. Denn für mein Glück war ich nicht selbst verantwortlich.

Von der Mittelschicht in die Altersarmut?

Meine Eltern stammen aus einer Generation, in der «mit harter Arbeit» noch alles möglich war. Heute nennen wir sie liebevoll «Boomer»; die Menschen, die zwischen 1945 und 1964 geboren wurden, Handys und Computer erst in ihren 40ern entdeckt und die Wende noch live miterlebt haben. Und deren Schulweg sich über mehrere Kilometer erstreckt hatte, den sie, notabene, zu Fuss zurücklegen mussten. Wir kennen sie alle, die Geschichten. Anders als sein Schulweg, war der Berufsweg meines Vaters vom einfachen Angestellten hin zum selbstständigen Unternehmer weniger steinig und vom wirtschaftlichen Aufschwung geprägt. Kurz nach der Gründung seiner Firma kaufte er sich zusammen mit meiner Mutter ein Haus in der Agglo. Neubau, mit Garten; der Traum der damaligen Generation. Meine Eltern waren da etwa im gleichen Alter wie ich jetzt.

«Vielmehr schäme ich mich dafür, dass ich mehr Glück hatte als andere.»

Isabel Brun

Ich hingegen wohne mit Ende zwanzig in einer Wohngemeinschaft, lebe von einem Mindestlohn und habe keine 3. Säule. Eine Lebensrealität, die wohl bei einigen für einen erhöhten Puls sorgen würde. Scheinbar sieht sich auch meine Versicherung verpflichtet, mit mir – nicht ganz uneigennützig – über meine Finanzen zu sprechen. Letztens gab ich dem Druck nach und besuchte einen dieser unangenehm netten Berater. Dieser wies mich darauf hin, dass ich einem erhöhten Risiko ausgesetzt bin, später einmal in die Altersarmut zu rutschen. Das hat laut Studien zwar auch mit meinem biologischen Geschlecht, aber noch vielmehr mit meiner finanziellen Situation zu tun: Mit dem jetzigen Lohn von 4'200 Franken Brutto pro Monat würde ich ab 64 gerade einmal 2’500 Franken pro Monat als Rente vom Staat erhalten. 

Das Privileg vom Wohlstand (meiner Eltern)

Trotz diesen, gelinde gesagt, düsteren Aussichten blieb ich bisher entspannt, was meine Zukunft anbelangt. Und ja, vielleicht ist das naiv. Vielleicht aber auch nicht, denn ich weiss, würde es mal hart auf hart kommen, könnten mir meine Eltern finanziell unter die Arme greifen. Ein Privileg, das ich zu schätzen weiss, aber worüber ich lange nicht sprechen wollte. Nicht, weil ich mir zu schade wäre, in der Not Geld von meiner Familie anzunehmen oder ich mich dafür schämen würde, Geringverdienerin zu sein. Im Gegenteil: Ich mache keinen Hehl daraus, dass ich trotz Bachelorabschluss nicht viel mehr verdiene als damals nach meiner Berufslehre. Vielmehr schäme ich mich dafür, dass ich mehr Glück hatte als andere. Glück, dass meine Eltern es im goldenen Zeitalter des Wirtschaftsbooms geschafft haben, sich ein Haus zu kaufen, das heute fast doppelt so viel Wert hat wie noch vor 25 Jahren. Es ist absurd. 

Im Jahr 2020 wurden in der Schweiz 95 Milliarden Franken vererbt. Fünfmal mehr als noch vor 30 Jahren. Wir, die Kinder der Baby-Boomer, sind also die Generation der Erb:innen – zumindest hierzulande. Ohne, dass wir dafür einen Finger hätten krümmen müssen. Vielen wird dieses Privileg verwehrt: Sie können nicht auf das Geld ihrer Eltern zurückgreifen. Nicht gestern, nicht heute und auch nicht im Alter, wenn ihre Finanzen noch knapper werden. Wird diese Ungleichheit nicht angegangen, wird also auch weiterhin das Glück entscheiden, ob man entspannt durch die Welt gehen kann oder nicht.

Brunchgeschichten

Das Wochenende bietet meistens viel Gesprächsstoff für den Sonntagmorgen. Wir wollen dich an
unseren bescheidenen Erlebnissen teilhaben lassen. Simon, Elio, Ladina, Alice, Isa, Nico, Steffen, Seraina, Rahel, Jonas, Sofie, Emilio und Lara erzählen dir jeden Sonntag abwechselnd eine Geschichte aus deiner Lieblingsstadt, die sich bestens beim gemütlichen Brunch besprechen lässt – sollten euch dabei mal die Themen ausgehen.

1. Warum ich abhaue, ohne Tschüss zu sagen

2. Weshalb zu einer Stadt Lärm gehört

3. Warum Tattoos keinen Sinn machen müssen

4. Warum wir seltener in den Club gehen sollten

5. Warum ich meinen Geburtstag so mag

6. Weshalb wir alles andere als wild sind

7. Warum wir öfters Langweiler:innen sein sollten

8. Weshalb ich nicht in meiner Bubble bleiben will

9. Warum eigentlich Berlin?

10. Warum ich keine Flohmis mag

11. Weshalb wir über unsere Körper sprechen sollten

12. Warum ich wieder mehr Ankerbier statt Naturwein trinken will oder «Auch ich werde älter!»

13. Warum ich fast immer zu Fuss gehe

14. Warum ich mein Sternzeichen nicht kenne

15. Weshalb der Dezember ohne Weihnachten nur ein zweiter Januar wäre

16. Mit der Deutschen Bahn von Zürich nach Berlin – ein 12-stündiges Abenteuer

17. Wieso ich Brunch blöd finde

18. NZZ & FDP gegen den Rest

19. Fomo? Jomo!

20. Endlich eine Bachelorette

21. Warum ich mich am Hobby meiner Freund:innen störe

22. Der Konsumkritik zum Trotz oder weshalb ich Geschenke mag

23. Wieso Langlaufen mehr als nur ein Boomer-Sport ist

24. Der brennende Tannenbaum auf dem Bullingerplatz – und was ich (nicht) damit zu tun habe

25. Warum Sex für viele Zürcher:innen ein Tabuthema bleibt

26. Warum ich die «Generation Z» bewundere

27. Warum ich nicht (nur) im Jetzt leben will

28. Warum ich trotz Massnahmenlockerungen Spielverderber bin

29. Weshalb männliche E-Mountainbiker toxisch sind

30. Oh Hardbrücke, du schönste unter den hässlichsten Brücken!

31. Weshalb Aufbruch auch schmerzvoll sein kann

32. Zwei Coaches wollen Frauen helfen ihre «Problemzonen in den Griff zu kriegen» – weshalb das nicht ok ist

33. Wieso wir Exfreund:innen nicht aus unserem Leben streichen sollten

34. 5 Gründe, warum das Leben Ü30 besser ist

35. Warum die Bravo kein Bravo bekommt

36. Warum Serien und ich kein Match sind

37. Wie mir eine Party die Skiferien versaute

38. Ich weiss, was du letzten Sommer auf deinem Balkon gemacht hast