Von Seraina Manser

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24. Juli 2022 um 04:00

Brunchgeschichten: Nieder mit den Reviews!

Warum ist es soweit gekommen, dass wir ein Restaurant nicht mehr besuchen, nur weil eine unbekannte Person im Internet in ihrer Bewertung behauptet, die Spaghetti seien verkocht gewesen? Passend zur Sommerferienzeit sinniert Seraina Manser über die unangemessene Macht von Reviews.

«Wir konnten gut Wasser sparen, da selten etwas beim Duschen aus der Leitung kam. In der Nacht hört man nichts, ausser die Ratten auf dem Dach» – diese Bewertung, die sich in diesem Stil über mehrere Zeilen erstreckte, hat uns fast davon abgehalten, ein Ferienhaus zu buchen. Zum Glück haben wir die Bewertung von Regina K. ignoriert. Die Bleibe war ein Traum. Ratten haben wir keine gesehen.

Weshalb lassen wir uns bei der Auswahl von Restaurants, Unterkünften und Bars immer mehr von Sternen und Bewertungen leiten, die wildfremde Leute verfasst haben, die gerade einen schlechten Tag hatten? Warum schenke ich der Bewertung von Regina, die sich über eine kaputte Poolpumpe aufregt, so viel Beachtung? Wieso besuche ich das Restaurant, das in echt einen sehr sympathischen Eindruck macht, nicht, nur weil ein gewisser Peter M. behauptet, er habe damals vor fünf Jahren ungefragt eine Suppe serviert bekommen? 

Es ist das Jahr 2022 und jedes Etablissement, das etwas auf sich hält, ob Strandbar, Frittenbude oder Kosmetikstudio, hat einen Eintrag auf Google oder Tripadvisor. Und wer nicht mindestens 4.5 Sterne hat, muss befürchten, nicht mehr besucht oder gebucht zu werden. Ist jedoch ein Lokal mit fünf Sternen bewertet, ist es bestimmt Fake und die Bewertungen sind alle gekauft. Ich habe keine Lust mehr, meine Ferien von Bewertungen dirigieren zu lassen, ab sofort verbringe ich diese wieder so, wie damals, als ich im Ausland noch keine mobilen Daten hatte. 

Auf Google findest du Fotos vom Essen, vom Interieur und von der Speisekarte. Sitzt du dann am Tisch, kommt dir alles schon bekannt vor – du weisst schon, in welchem Teller die Spaghetti Vongole serviert werden und dass der Kellner gerne scherzt. So gibt es kaum mehr Überraschungen – ob positive oder negative. Das ist schade.

Hast du dich erstmal gegen die Konsultation von Bewertungen entschieden, bist du (wieder) spontaner unterwegs: Du schlenderst durch eine Gasse und entdeckst eine Perle, die noch gar nicht auf Google Maps ist. Oder aber das Essen schmeckt dir hervorragend, obwohl die Review von Jessica etwas anderes behauptet.

«Auch ich werde nicht gerne verarscht und ausgenommen»

Seraina Manser

Natürlich finde ich es schwierig, in einer fremden Stadt nicht eine Touristenfalle zu tappen oder zu viel Geld für eine munzige, versalzene Portion Orecchiette auszugeben. Auch ich werde nicht gerne verarscht und ausgenommen. Aber es gibt auch andere Möglichkeiten, gute Lokale zu finden. Die App «Osterie d’Italia» und das gleichnamige Buch, herausgegeben von Slow Food, versammelt beispielsweise die besten Gasthäuser in ganz Italien. Man kann von Instagram halten, was man will, aber ich habe da schon manch guten Tipp bekommen. Die Vermieter:innen sind zudem auch oft willig, ihre Geheimtipps preiszugeben – oder du vertraust ganz einfach auf deine Augen und Geschmacksorgane.  

In diesem Sinne: nieder mit den Reviews, ein Hoch auf die spontanen Ferien. 

Brunchgeschichten


Das Wochenende bietet meistens viel Gesprächsstoff für den Sonntagmorgen. Wir wollen dich an unseren bescheidenen Erlebnissen teilhaben lassen. Simon, Elio, Ladina, Alice, Isa, Nico, Steffen, Seraina, Rahel, Jonas, Sofie, Emilio und Lara erzählen dir jeden Sonntag abwechselnd eine Geschichte aus deiner Lieblingsstadt, die sich bestens beim gemütlichen Brunch besprechen lässt – sollten euch dabei mal die Themen ausgehen.

1. Warum ich abhaue, ohne Tschüss zu sagen

2. Weshalb zu einer Stadt Lärm gehört

3. Warum Tattoos keinen Sinn machen müssen

4. Warum wir seltener in den Club gehen sollten

5. Warum ich meinen Geburtstag so mag

6. Weshalb wir alles andere als wild sind

7. Warum wir öfters Langweiler:innen sein sollten

8. Weshalb ich nicht in meiner Bubble bleiben will

9. Warum eigentlich Berlin?

10. Warum ich keine Flohmis mag

11. Weshalb wir über unsere Körper sprechen sollten

12. Warum ich wieder mehr Ankerbier statt Naturwein trinken will oder «Auch ich werde älter!»

13. Warum ich fast immer zu Fuss gehe

14. Warum ich mein Sternzeichen nicht kenne

15. Weshalb der Dezember ohne Weihnachten nur ein zweiter Januar wäre

16. Mit der Deutschen Bahn von Zürich nach Berlin – ein 12-stündiges Abenteuer

17. Wieso ich Brunch blöd finde

18. NZZ & FDP gegen den Rest

19. Fomo? Jomo!

20. Endlich eine Bachelorette

21. Warum ich mich am Hobby meiner Freund:innen störe

22. Der Konsumkritik zum Trotz oder weshalb ich Geschenke mag

23. Wieso Langlaufen mehr als nur ein Boomer-Sport ist

24. Der brennende Tannenbaum auf dem Bullingerplatz – und was ich (nicht) damit zu tun habe

25. Warum Sex für viele Zürcher:innen ein Tabuthema bleibt

26. Warum ich die «Generation Z» bewundere

27. Warum ich nicht (nur) im Jetzt leben will

28. Warum ich trotz Massnahmenlockerungen Spielverderber bin

29. Weshalb männliche E-Mountainbiker toxisch sind

30. Oh Hardbrücke, du schönste unter den hässlichsten Brücken!

31. Weshalb Aufbruch auch schmerzvoll sein kann

32. Zwei Coaches wollen Frauen helfen ihre «Problemzonen in den Griff zu kriegen» – weshalb das nicht ok ist

33. Wieso wir Exfreund:innen nicht aus unserem Leben streichen sollten

34. 5 Gründe, warum das Leben Ü30 besser ist

35. Warum die Bravo kein Bravo bekommt

36. Warum Serien und ich kein Match sind

37. Wie mir eine Party die Skiferien versaute

38. Ich weiss, was du letzten Sommer auf deinem Balkon gemacht hast

39. Wie das Geld meiner «Boomer»-Eltern mein Leben prägt

40. «Will nicht mehr über die Gründe für eine Elternzeit sprechen»

41. Wie ich Freund:innen auf dem Friedhof fand

42. Ich finde Sprachnachrichten scheisse

43. Warum mich mein Job als Klimajournalistin oft deprimiert

44. Wie es ist, als Nichtwähler aus dem Gemeinderat zu berichten

45. Wieso ich manchmal nicht abstimme

46. Stell dir vor, es ist EM – und keine:r geht hin

47. Velounfälle lassen sich nicht mit Kampagnen verhindern – baut Velowege!