Von Simon Jacoby

Chefredaktor & Verleger

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29. Mai 2022 um 05:30

Brunchgeschichten: Ich finde Sprachnachrichten scheisse

Umständlich, mühsam und auch etwas respektlos – so steht Simon zu Sprachnachrichten in den Messenger-Apps. Warum er sie meistens nicht mal abhört, liest du in dieser Brunchgeschichte.

Illustration: Zana Selimi

Das Leben wird ab 30 erst richtig toll, habe ich in meiner letzten Brunchkolumne geschrieben. Ein zusätzlicher Grund, warum es mir ennet des runden Geburtstags so gut gefällt, ist, dass ich nicht mehr alle neueren Trends mitmachen muss. Ich weiss, was sich bewährt hat und Neues kommt mir nur aufs Tapet, wenn es mir eine Verbesserung oder wenigstens gute Unterhaltung verspricht. 

Sprachnachrichten machen keines von beidem. Ich verstehe einfach nicht, warum sich Leute auf ihrer Messenger-App nach Wahl kurze Sprachschnipsel hin und her schicken. Es gibt nur Nachteile: Das Handy wechselt selbständig zwischen laut und leise, stoppt die Wiedergabe irgendwo und beendet sie zu einem willkürlichen Zeitpunkt. Im Tram, im Kino oder auch am Arbeitsplatz kann ich die Sprachnachrichten nur mit einigem Aufwand abhören: Kopfhörer rein oder den Raum verlassen. 

Mit etwas Übung liessen sich die obigen Probleme vermutlich lösen. Es wird aber schlimmer: Bei den guten alten Textnachrichten sehe ich auf den ersten Blick, um was es geht. Ich bin ein Fan von Übersicht. Bei Sprachnachrichten hingegen habe ich keinen Plan, ob es dringend, ein Witz für zwischendurch, privat oder geschäftlich ist. 

Und: Sprachnachrichten sind nicht suchbar. Wichtige (oder auch besonders lustige) Textnachrichten kann ich jederzeit via Suchfeld in der jeweiligen App wiederfinden. Sprachnachrichten sind zu einem späteren Zeitpunkt nicht mehr auffindbar. Verloren in der Wüste von digitalem Schrott.

Ich verstehe es einfach nicht. Fast immer beginnts mit dem Satz: «He hoi, ich bin grad unterwegs, darum ist es einfacher eine Sprachnachricht zu schicken…» Hier ist nicht mal das Problem, dass die Leute mittels Sprachnachricht nie auf den Punkt kommen, sondern, dass es nur für sie selber einfacher ist. Für sie ist es einfacher, ohne zu überlegen einfach drauflos zu labern. Für mich ist es überhaupt nicht einfacher! Nachher bin nämlich ich das Opfer und muss das ausufernde Gequatsche abhören. Hat es wichtige Infos drin, muss es womöglich sogar mehrmals in voller Länge hören.

Wer mir etwas mitteilen will, soll sich bitte auf wenige Buchstaben beschränken. Wenn ich Podcasts hören will, such ich mir diese lieber selber aus. 

Auf meinem Handy gibts diverse ungehörte Sprachnachrichten. Ich lasse sie schlicht links liegen. Ich weiss, diese Verweigerungshaltung ist auch nicht fair; die Leute wissen ja nicht, dass ich ihnen einfach nicht zuhöre. Ich bin ja weissgott kein Fan der grössten Zeitung der Schweiz. Aber deren Chefredaktor hat bereits seit 2017 folgenden Satz als Whatsapp-Status: «Ich höre keine Sprachnachrichten ab.» Ich bin ein grosser Fan. 


Brunchgeschichten

Das Wochenende bietet meistens viel Gesprächsstoff für den Sonntagmorgen. Wir wollen dich an unseren bescheidenen Erlebnissen teilhaben lassen. Simon, Elio, Ladina, Alice, Isa, Nico, Steffen, Seraina, Rahel, Jonas, Sofie, Emilio und Lara erzählen dir jeden Sonntag abwechselnd eine Geschichte aus deiner Lieblingsstadt, die sich bestens beim gemütlichen Brunch besprechen lässt – sollten euch dabei mal die Themen ausgehen.

1. Warum ich abhaue, ohne Tschüss zu sagen

2. Weshalb zu einer Stadt Lärm gehört

3. Warum Tattoos keinen Sinn machen müssen

4. Warum wir seltener in den Club gehen sollten

5. Warum ich meinen Geburtstag so mag

6. Weshalb wir alles andere als wild sind

7. Warum wir öfters Langweiler:innen sein sollten

8. Weshalb ich nicht in meiner Bubble bleiben will

9. Warum eigentlich Berlin?

10. Warum ich keine Flohmis mag

11. Weshalb wir über unsere Körper sprechen sollten

12. Warum ich wieder mehr Ankerbier statt Naturwein trinken will oder «Auch ich werde älter!»

13. Warum ich fast immer zu Fuss gehe

14. Warum ich mein Sternzeichen nicht kenne

15. Weshalb der Dezember ohne Weihnachten nur ein zweiter Januar wäre

16. Mit der Deutschen Bahn von Zürich nach Berlin – ein 12-stündiges Abenteuer

17. Wieso ich Brunch blöd finde

18. NZZ & FDP gegen den Rest

19. Fomo? Jomo!

20. Endlich eine Bachelorette

21. Warum ich mich am Hobby meiner Freund:innen störe

22. Der Konsumkritik zum Trotz oder weshalb ich Geschenke mag

23. Wieso Langlaufen mehr als nur ein Boomer-Sport ist

24. Der brennende Tannenbaum auf dem Bullingerplatz – und was ich (nicht) damit zu tun habe

25. Warum Sex für viele Zürcher:innen ein Tabuthema bleibt

26. Warum ich die «Generation Z» bewundere

27. Warum ich nicht (nur) im Jetzt leben will

28. Warum ich trotz Massnahmenlockerungen Spielverderber bin

29. Weshalb männliche E-Mountainbiker toxisch sind

30. Oh Hardbrücke, du schönste unter den hässlichsten Brücken!

31. Weshalb Aufbruch auch schmerzvoll sein kann

32. Zwei Coaches wollen Frauen helfen ihre «Problemzonen in den Griff zu kriegen» – weshalb das nicht ok ist

33. Wieso wir Exfreund:innen nicht aus unserem Leben streichen sollten

34. 5 Gründe, warum das Leben Ü30 besser ist

35. Warum die Bravo kein Bravo bekommt

36. Warum Serien und ich kein Match sind

37. Wie mir eine Party die Skiferien versaute

38. Ich weiss, was du letzten Sommer auf deinem Balkon gemacht hast

39. Wie das Geld meiner «Boomer»-Eltern mein Leben prägt

40. «Will nicht mehr über die Gründe für eine Elternzeit sprechen»

41. Wie ich Freund:innen auf dem Friedhof fand