Von Simon Jacoby

Chefredaktor & Verleger

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12. September 2021 um 05:00

Brunchgeschichten: Göttliche Unordnung oder warum ich keine «Flohmis» mag

Der Besuch auf einem Flohmarkt oder in einem Brockenhaus gehört in Zürich zum guten Ton. Dabei macht das überhaupt keinen Spass. Zum heutigen Brunch erzähle ich, warum.

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Illustration: Zana Selimi

Jeden Samstag auf dem Kanzleiareal. Frisch geföhnte Zürcher:innen machen sich auf in eine andere Art des Ausgehens. Sie verabreden sich für «auf den Flohmi», scheinen das Schlendern über den Kiesplatz zu geniessen, es ist ein samstägliches Happening, welches die unangenehme Zeit zwischen Kaffee und Apero überbrücken soll.

Ich geniesse das überhaupt nicht.

Mir wird leicht schwindelig, wenn ich den Flohmi nur schon von weitem sehe und ich bin froh, ist das Areal mit einem Zaun abgetrennt. Sonst wäre bald die ganze Stadt ein Flohmi. Und was bewahrt uns dann noch von der Anarchie?! Die Stände und mit Sachen belegten Tüchern würden sich ausbreiten, durch die ganze Stadt, überall würden die Occassion-Güter die Strassen belegen.

Es ist ja eh alles retro, inzwischen sind ja sogar die 90er-Jahre wieder zurück.

Simon Jacoby

Das Konzept der Flohmärkte und der Brockenhäuser finde ich super, das sei hier festgehalten. Gebrauchte Waren werden nicht entsorgt, sondern zu (meist) erschwinglichen Preisen an neue Besitzer:innen weitergegeben. Das macht mega Sinn und schont Ressourcen. Dagegen habe ich nichts einzuwenden.

Auf ein Kompliment für ein neues Kleidungsstück antworten ökologisch sensibilisierte Zürcher:innen nicht selten mit: «Ja gell, das habe ich vom Flohmi.» Gebrauchte Sachen sind zu einem Statussymbol geworden. Es ist ja eh alles retro, inzwischen sind ja sogar die 90er-Jahre wieder zurück.

Auch ich habe gerne alte Sachen und versuche, retro auszusehen (das mit dem 90er-Mittelscheitel klappt bei mir aber wegen den Locken nicht). Aber ich komme auf Flohmis und in Brockis einfach nicht zurecht. Es ist ein grosses Durcheinander! Überall sind Sachen, scheinbar ohne Konzept. Hier ein Schuh, da ein Velo, dort ein Fernglas. Und immer dazwischen: Unmengen Kabel für alte Elektrogeräte. Woher kommen alle diese Kabel? Und wer soll sie alle kaufen?

Das überfordert mich. Ich mag aufgeräumte und gut sortierte Einkaufserlebnisse. Ich mag es, wenn ich einen Überblick über die Waren habe und wenn ich weiss, wo ich was finden kann. Die Kleidungsstücke nach Grösse zusortieren kann ja nicht so schwierig sein. Oder die Bücher wenigstens den Farben nach aufreihen. Oder die Velos nach Funktionstüchtigkeit drapieren. Wenn aber alles einfach irgendwo ist, dann suche ich das Weite und kürze die Zeit zwischen Kaffee und Apero einfach ab. Phu.