Aussen schwarz, innen Schweizer: Gespräch mit Jeffrey Provencal, Star des Dokfilms «Bounty»

Der Film «Bounty» zeigt den Alltag fünf schwarzer Schweizer. Anlässlich der Deutschschweizer Premiere des Dokumentarfilms sprach tsüri.ch mit dem Zürcher Protagonisten, Jeffrey Provencal, über den Film, seine Art zu Gehen und Recycling in Ghana.
13. September 2017

Für den Dokumentarfilm «Bounty» begleitete der Genfer Regisseur Shyaka Kagame während vier Jahren das Leben drei schwarzer Männer und einer schwarzen Frau mit ihrer Tochter. Alle sind in der Schweiz geboren oder hier aufgewachsen. Der 34-Jährige mit ruandischen Wurzeln fand seine Generation von Afroschweizer*innen in den Schweizer Medien nie richtig repräsentiert: «Darin wird über die Schwarzen in der Schweiz oft nur im Zusammenhang mit Drogen oder Asyl gesprochen», sagt er. Mit «Bounty» wolle er nun diese – seine – Generation von Afroschweizer*innen ins Licht rücken, die sowohl ihre Schweizer Identität als auch ihr kulturelle Verschiedenheit lebt.

Nachdem «Bounty» in der Romandie im Juni 2017 in den Kinos lief, wird der Film nun auch in Zürich gezeigt. Einer der Protagonisten ist Jeffrey Provencal, der in Zürich aufwuchs und vor zwei Jahren nach Ghana, ins Heimatland seiner Eltern, zog.

Innen weiss, aussen schwarz – wie der Schokoriegel «Bounty». Trifft der Filmtitel auf dich zu, Jeffrey?
Ja sehr. Seit ich in Ghana lebe, ist es offensichtlich, dass ich in einer anderen Kultur aufgewachsen bin. Ich bin viel verbindlicher als die Einheimischen: Für sie ist es okay, wenn sie erst um vier Uhr kommen, obwohl man um zwei Uhr abgemacht hätte. Es bringt auch nichts, wenn ich mich in solchen Situationen aufrege, weil niemand versteht, warum ich wütend bin.

Du wurdest in der Schweiz geboren und warst das einzige schwarze Kind in Dielsdorf. Wann wurde dir das zum ersten Mal bewusst?
Von meinen Mitschüler*innen wurde ich als «Mohrechopf» und als «Bruno» bezeichnet. Äusserlichkeiten sind nun mal die einfachste Art, jemanden hochzunehmen, mich hat das nicht gross gestört. Es war so für mich, als würde man jemandem mit roten Haaren «Rüebli» sagen.

Aufgrund der Hautfarbe kann ich mich in der Schweiz nicht assimilieren, aber ich bin integriert.
Jeffrey Provencal

«Ich habe mich oft bemüht, mich nicht so zu verhalten, wie die Leuten denken, dass sich ein Schwarzer verhält» – sagst du im Film. Was meinst du damit?
Nehmen wir als fiktives Beispiel eine ältere Dame aus der Innerschweiz: Sie hätte vielleicht Angst und Respekt vor Fremdem. Wenn ich mit ihr dann Schweizerdeutsch rede, nähme ihr das vielleicht die Angst und sie würde denken: «Wenn er gleich redet wie ich, dann denkt er vielleicht auch ähnlich wie ich».

Ein weiteres Zitat aus dem Film ist: «Die Schweizer akzeptieren dich niemals als einer von ihnen, sie sehen dich als einen schwarzen Mann, der in der Schweiz lebt». Stimmt das?
Dieser Satz stammt von meinem Onkel aus Ghana, er ist oft in Europa unterwegs und wurde auch schon gefragt, ob er in Afrika im Baum lebe... In der älteren Generation steche ich halt immer noch hervor. Ich muss zugeben, es überrascht mich ja selbst, wenn ich einen Schwarzen anspreche und er mir akzentfrei auf «Züridütsch» antwortet. Das erwartet man nicht.
Aufgrund der Hautfarbe kann ich mich in der Schweiz nicht assimilieren, aber ich bin integriert.

Wenn ich mal Kinder habe, möchte ich ihnen nicht sagen müssen, dass ich das Leben vor dem Computer verbringe.
Jeffrey Provencal

Wann warst du das erste Mal in Ghana?
Meine Sommerferien musste ich immer in Ghana verbringen, was ich nicht so toll fand. Ich wuchs in Zürich in der Generation MTV auf, sah Hip-Hop Videos, alle waren Amerika Fans und ich musste ins «arme» Afrika reisen. Als ich mein eigenes Geld verdiente, besuchte ich in den Ferien nur noch meine Verwandten in Amerika.
Aber ich habe nunmal zwei gleichwertige Zuhause, der eine Ort ist aufgeräumter, der andere weniger. Als Kind habe ich nicht verstanden, warum das so ist und aus diesen Ungleichheiten entstand auch die Idee für meine Firma.

Vor zwei Jahren bist du nach Ghana gezogen, um dort «rePATRN», deine Firma, zu gründen. Wie kam das?
Ich machte eine Lehre auf der Bank, arbeitete als Vermögensverwalter und zuletzt als Investment Banker – damals stellte ich fest, dass ich nicht für diese Welt gemacht bin. Wenn ich mal Kinder habe, möchte ich ihnen nicht sagen müssen, dass ich das Leben vor dem Computer verbringe. Dazu kam, dass mich ein Kollege, der Maschinenbau studierte, immer foppte: «Du machst nichts, nur aus ein bisschen Geld noch mehr Geld». Zudem baut der Vater eines Kollegen Strassen in Nepal und hat so einen direkten Einfluss: Ich wollte auch eine positive Wirkung auf die Leute haben und beschloss, mein eigenes Business in Ghana aufzuziehen.

Was macht «rePATRN»?
Ich recycle Pet – das Thema Recycling liegt einem als Schweizer ja nahe. Für den ganzen Prozess des Pet Recyclings bräuchte ich Infrastruktur im Wert von 10 Millionen Dollar... Ich habe eine Maschine für 2000 Dollar gekauft und kann damit einen Schritt des Prozesses in Ghana machen: Die PET zerhäckseln. Die PET-Flakes verkaufe ich nach Deutschland, wo sie gewaschen, dekontaminiert, eingeschmolzen und zu Granulat verarbeitet werden. Diese bildet die Basis für alle möglichen Anwendungen von PET: neue Flaschen, Turnschuhe oder Rucksäcke.

Warum schickst du sie bis nach Deutschland?
Wir haben dort einen Kunden gefunden, der uns einen guten Preis für die Flakes bezahlt und uns gleichzeitig in unserem Unterfangen unterstützt, Recycling in West Afrika zu etablieren. Die Flakes die wir dorthin schicken, werden auch in der Region wieder eingesetzt, was unnötige Reisewege eliminiert.

Wie kommst du zu den PET-Flaschen?
In den Entwicklungsländern wie Ghana entstehen aus der finanziellen Not oftmals informelle Sektoren: Die Leute sammeln die PET-Petflaschen und liefern sie bei mir im Hof ab. Dafür zahle ich ihnen einen fairen Lohn.

Lass uns über den Film sprechen. Wie hat dich der Regisseur Shyaka Kagame «gefunden»?
Über eine gemeinsame Kollegin. Ich hatte damals eine aufmerksamkeitsgeile Phase: Ich wollte unbedingt im TV kommen. Beim ersten Treffen mit dem Regisseur sprach ich gleich das Thema Rassismus an, aber er meinte, darum ging es in seinem Film gar nicht.

Sondern?
Es geht mehr darum die Vielfältigkeit von «Bountys» zu vermitteln. Die Auswahl an Leuten ist gut gelungen: Der Film zeigt einen Adoptierten, einen, der sich noch nicht zu recht findet, ein junges Mädchen, das gar nicht versteht, dass die Hautfarbe ein Thema sein könnte und mich, der da geboren wurde und nach Afrika zieht.

Shyaka hat dich während vier Jahren mit der Kamera begleitet...
...und mich ziemlich gut eingefangen, aber es gibt Dinge, die ich heute so nicht mehr sagen würde.

Die wären?
Ich habe gesagt, ich könnte nie mit einer schwarzen Frau zusammen sein, weil ich schwarze Frauen immer mit meiner Mutter assoziierte. Seit ich in Ghana lebe, hat sich diese Einstellung geändert.

Es sei ein «Dokfilm über die Doppelidentität schwarzer Schweizer». Hast du eine Doppelidentität?
In Ghana bin ich klar der Ausländer und werde auch so behandelt. Da muss ich schauen, dass sie mich nicht übers Ohr hauen. In der Schweiz hingegen ist mir alles sehr vertraut.

Woran erkennt man an dir den Ausländer, wenn du in Ghana bist?
Sicher an der Sprache: Ich kann zwar den Klang ihres Englisch imitieren, aber ihre Satzstrukturen orientieren sich an den lokalen Dialekten.
Aber vor allem verrate mein Gang, das ich nicht von dort sei. Man läuft anders. Ich habe mir ihre Gehart angeeignet und als ich in Zürich war, hat mich ein Kollege gefragt, ob ich Schmerzen an den Füssen hätte, ich ginge so komisch...

«Bounty» läuft ab dem 14. September 2017 im Kosmos.

Jeffreys Firma in Ghana: www.repatrn.com

Die Antworten von Regisseur Shyaka Kagame wurden vom Französischen ins Deutsche übersetzt.

Member entscheiden mit:
Deine Bewertung -> Stutz für den/die Journalist*in
Bewertung löschen

Kommentare

Unabhängigen Journalismus kann man nicht kaufen, aber unterstützen.

Es ist Zeit für etwas Neues. Es ist Zeit für den nächsten Schritt: Hier und jetzt läuft unser Crowdfunding. Zusammen sichern wir das Bestehen von Tsüri und bauen den Lokaljournalismus der Zukunft.

Los gehts.
Gerade nicht
Einloggen und zurück zum Artikel