Bullshit-Job? 💩

Die Böötli-Invasion in Dietikon – Eine Reportage

Wer im Sommer öfters in der Limmat planscht, hat sie wahrscheinlich auch schon gesehen: Die Böötler*innen. Egal, ob gelbes Gummiboot, oldschoole Luftmatratze oder fancy Schwimmtier: An heissen Tagen wimmelt es von schwimmenden Objekten in und auf der Limmat. Doch wo treibt es die Meute eigentlich hin? Redaktorin Isabel Brun zu Besuch in der Zürcher Agglo.
16. August 2019
Praktikantin Redaktion

Umständlich hieven zwei Frauen ein gelbes Gummiboot aus dem Wasser und quetschen sich damit an der Menschenmenge vorbei. Einige Meter weiter macht sich eine Gruppe junger Menschen daran, ihren aufblasbaren Einhörnern und Quietscheenten das Leben aus den Gliedern zu nehmen. Andere haben diesen Teil schon hinter sich, räkeln sich in der Sonne und schlürfen Dosenbier. Im Hintergrund dröhnt der Bass einer portablen Musikbox, der Geruch von Sonnencrème und Schweiss hängt in der Luft. Es ist ein heisser Sonntagnachmittag in Dietikon und wie so oft im Sommer wird die Nötzliwiese zum Schmelztiegel unterschiedlichster Limmat-Böötler*innen.

Böötli-Boom hält an

Das «Böötlen» hat sich in der Schweiz mittlerweile zum nationalen Volkssport gemausert. Egal ob auf der Aare, dem Rhein oder der Limmat: In den Sommermonaten tummeln sich immer mehr Wasserfahrzeug-Fahrer*innen auf Schweizer Flüssen. Völlig zurecht ist ein regelrechter Böötli-Boom entstanden, denn was gibt es Schöneres, als sich mit Freund*innen treiben zu lassen. Zürcher*innen bietet die Limmat zwischen Wipkinger-Park und Kraftwerk Dietikon die perfekte «Tour de Böötli». Doch des einen Freud ist des anderen Leid. Seit dem Hype um den idealen Tagesausflug auf dem Wasser, hatte die Stadt Dietikon in der Vergangenheit mit einigen Problemen zu kämpfen.

Auskatern leicht gemacht: An Sonntagen zieht es viele junge Menschen auf die Limmat.

Im letzten Jahr habe es von den Anwohner*innen aus dem benachbarten Altberg-Quartier Beschwerden wegen Falschparker*innen und Littering gegeben, erklärt Carmen Simon von der Regionale 2025. Der Verein Regionale Projektschau Limmattal, kurz Regionale 2025 wird von den Kantonen Aargau und Zürich sowie von 16 Limmattaler Städten und Gemeinden getragen. Die Regionale 2025 fördert, begleitet und koordiniert Projekte, die die Limmattaler Herausforderungen angehen und das Tal für die Zukunft rüsten.

Unter anderem ist auch die Thematik rund um ein sicheres und rücksichtsvolles Limmat-Böötlen ein Anliegen der Regionale 2025: Der Verein verteilt regelmässig ein eigens gestalteter Guide am Höngger Wehr – so auch an diesem Sonntag. Der Böötli-Guide warnt nicht nur vor Gefahren, die auf der Route Richtung Dietikon anzutreffen sind, sondern informiert auch über die Ein- und Ausstiegsstellen am Fluss.

Neue Liegewiese soll Abhilfe schaffen

Ein spezielles Interesse liege im Bekanntmachen der neu gestalteten Allmend Glanzenberg, so Carmen Simon. Die grosszügige Liegewiese, circa 500 Meter vor der letztmöglichen Ausstiegsstelle Nötzliwiese, wurde Ende Juni 2019 eröffnet und bietet Dietiker*innen sowie Böötler*innen aus der Region die nötige Infrastruktur zum Verweilen. Ausserdem gibt es dort, im Gegenteil zur Nötzliwiese, öffentliche Parkmöglichkeiten. Die Neugestaltung soll Hobbykapitän*innen dazu veranlassen, schon bei der Glanzenberger Allmend anzulegen – und dadurch die Nötzliwiese und das angrenzende Quartier entlasten.

Einige machen das bereits. Wie zum Beispiel ein Paar, welches an diesem Sonntag im August das erste Mal auf der Limmat unterwegs war. Erst gerade aus dem Fluss gestiegen, tropft ihnen das Wasser von den Körpern. «Wir haben uns im Vorfeld darüber informiert, wo sich die beste Ausstiegstelle befindet und gemäss Internet ist das hier die idealste Variante», sagen sie.

Zwei Personen, die mit ihrer Bagage am Bahnhof Glanzenberg auf die S-Bahn nach Schlieren warten, finden es auf der Allmend gemütlicher als auf der Nötzliwiese: «Dort hat es immer mega viele Leute.» Ausserdem habe es hier neue Grillstellen und Toiletten, was ebenfalls für die Allmend und gegen die Nötzliwiese spreche. Als der Zug einfährt, katten die beiden ihre Ikea-Tasche samt Paddel und verschwinden im Waggon.

Ein Problem, das keines ist?

Carmen Simon erwähnt nebst den Erneuerungen auf der Allmend auch das Baustellen-Depot der Limmattalbahn, welche demnächst in Betrieb genommen wird. Seit letzter Woche nimmt das Depot einen grossen Teil der Wiese neben dem Altberg-Quartier in Beschlag, was zu noch knapperen Platzverhältnissen auf der Nötzliwiese führt. Die Platznot führt gemäss Simon's Aussagen auch zu einem erhöhten Risiko: «Die Ausstiegsstelle am Fluss ist schmal und da es die letzte vor dem Dietiker Wehr ist, müssen die Böötler*innen spätestens dort raus.»

Die Böötler*innen-Flut könnte ausserdem die Anwohner*innen in Zukunft vermehrt verärgern, wenn sie weiterhin auf «ihrer» Quartierwiese stranden. Momentan ist die Stimmung bei den Betroffenen noch neutral bis positiv: «Ich finde es nicht so schlimm, dass es hier im Sommer so viele Menschen hat, das geht ja vorüber», relativiert ein älterer Mann, der es sich auf einer Bank an der Limmat gemütlich gemacht hat. Eine Mutter, die mit ihren Kindern nahe der Nötzliwiese picknickt, ist ähnlicher Meinung: «Wir schauen gerne den Böötler*innen beim Treibenlassen zu.»

Die Allmend ist nun eigentlich viel attraktiver als die Nötzliwiese.
Carmen Simon

Nicht alle Dietiker*innen, die nahe der Nötzliwiese wohnen, stören sich also über die Zürcher Freizeitkapitän*innen. Carmen Simon hofft, dass die Allmend Glanzenberg mit der Zeit beliebter wird und bleibt zuversichtlich: «Die Allmend ist nun eigentlich viel attraktiver als die Nötzliwiese. Ich denke, es braucht einfach noch einen Moment, bis die Leute realisieren, dass es eine würdige Alternative gibt.» Und es so einen klassischen Nutzungskonflikt im öffentlichen Raum weniger gibt.

Alle Bilder: Isabel Brun

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