Blind sein in Zürich – Jede Baustelle ein Hindernis

Wie ist es, als blinder junger Mann in Zürich zu wohnen? Der 26-jährige Mohammed Sheriff hat es uns erzählt. Ein Gespräch über Baustellen, ein Ballspiel mit Glocken und sein Leben mit Behinderung. Was ihn an der Stadt nervt und was ihm hilft, zurechtzukommen.
09. Juni 2018

Mohammed Sheriff (26) ist Informatiker, hört gerne Rap und würde gerne Auto fahren. Doch das ist eines der wenigen Dinge, die er als Blinder nicht tun kann. Wir haben Mohammed im «Kafi Lang» im Kreis 5 getroffen. Im Gespräch mit Tsüri.ch hat er uns erklärt, weshalb ihn Baustellen frustrieren und warum er Zürich trotzdem mag.

Mohammed, wie bist du von Altstetten hierher ins «Kafi Lang» gekommen?

Ich bin ins 4er-Tram gestiegen und dachte, das klappt wie geschmiert. Doch der Plan ging nicht auf. Ich musste wegen einer Baustelle umsteigen. Der Tramchauffeur sagte zu mir: «Geh dort zum Restaurant, dort fährt der Ersatzbus.» Das half mir natürlich nichts, da ich ja nicht weiss, wo das Restaurant ist, auf das er zeigte. Ich habe dann jemanden gefragt, der mich schliesslich an den Platz geführt hat.

Du hast gemeint, man dürfe dich alles fragen. Deshalb meine Frage: Wie suchst du dir morgens deine Kleider aus?

Das ist nichts Spezielles dabei. Ich weiss mehr oder weniger, wo die Sachen in meinem Schrank sind, und nehme einfach ein Poloshirt und eine Hose. Manche haben ein Gerät, dass die Kleider etikettiert und so die Farben der Kleider vorlesen kann, doch das habe ich noch nicht.

«Ihr Handy ist abgestellt»: Manchmal kommt es vor, dass Passanten sich wundern, wenn Mohammed an einem Smartphone mit schwarzem Bildschirm rumhantiert. Doch für ihn zählt nur, was er hört.

Seit wann bist du blind?

Ich bin erblindet, als ich zwei Jahre alt war. Ich habe also nie richtig gesehen, kann mich an keine Farbe erinnern und kann weder Schatten noch Licht erkennen.

Trotzdem hast du sofort gemerkt, dass hier im Kafi im Moment wenige Leute sind...

...ja, ich kann ziemlich gut hören. Ich höre das Echo. Manchmal halte ich kurz vor einer Säule an, einfach weil ich sie im Echo höre. Andere können das aber viel besser als ich.

Wieso bist du erblindet als Kind?

Als Baby hatte ich ein Glaukom (Grüner Star, Anm. d. Red.) und einen zu hohen Augendruck. Die Operation wurde eher spät gemacht und schlug fehl, danach war ich blind.

Wie war es für dich, als blinder Schüler zu lernen?

Mit drei zog ich aus dem Jemen nach Deutschland. Dort lernte ich die Blindenschrift kennen. 2002 kam ich dann in die Schweiz und ging in Altstetten in die Blindenschule. Dort erhielt ich meinen ersten Laptop. Dieser eröffnete mir eine ganz neue Welt. Ich konnte auf einmal Flüge buchen, Zeitung hören und vieles mehr.

Bestimmt waren auch Beziehungen bald ein Thema, wie kamst du zu deiner ersten Freundin?

Ich traf die Person mehrmals und merkte dann, ob es etwas ist oder nicht. Natürlich hatte ich eine Vorstellung davon, was ich will. Beispielsweise mag ich es nicht, wenn die Haare sehr kurz sind. Aber im Allgemeinen lege ich nicht allzu grossen Wert auf Äusserlichkeiten.

Nach der Schule hast du eine Ausbildung zum Informatiker gemacht. Gab es auch Momente, in denen du wütend warst, dass du nicht siehst?

Der Punkt ist, dass ich mein Leben lang nie gesehen habe. So konnte ich mir nicht vorstellen, was ich zu vermissen hätte. Ich wusste immer, ich bin anders, aber es störte mich nicht. Ich bekam deswegen auch keine Depression, wie es anderen passieren kann, die erst später im fortgeschrittenen Alter erblinden.

Gibt es trotzdem etwas, was du gerne machen würdest, aber nicht kannst?

Ich würde gerne Auto fahren. Das wäre schön. Es gibt auch andere Sachen, die ich nicht tun kann, beispielsweise Badminton spielen. Dafür spiele ich Torball. Das ist eine Sportart, die man mit einem Ball spielt, den man dank Glocken hören kann.

Erklärvideo zu Torball (Quelle: sportfanatberlin / Youtube)

Manche Leute helfen sehr gerne. Da kann man vielleicht auch manchmal über das Ziel hinausschiessen. Welche Art von Hilfe ist nützlich, welche eher unnütz für dich?

Manche Leute erklären mir ständig, was sie sehen. «Da ist ein Haus auf der Seite, jetzt gehen wir rechts runter, jetzt halten wir an», sagen sie. Das ist nicht wichtig für mich. Ich brauche niemanden, der mir die Umwelt erklärt. Ich lege die Hand auf die Schulter des anderen und er führt mich. Ich merke dann automatisch, ob wir stehen oder gehen. Wieder andere beginnen extra Laut zu reden, wenn sie mir etwas erklären. Ich sage dann jeweils: «Kannst du das nochmals sagen, mein Hörgerät piepste gerade.»

Was würdest du wählen: Zürich Stadt oder Land?

Abgesehen von den Baustellen ist Zürich eine coole Stadt. Die Baustellen machen es für Blinde schwierig. Der Blinde kennt einfach den Weg nach Schema A. Wenn dieser nicht mehr begehbar ist, verliert er die Orientierung. Dazu kommt der Krach auf der Baustelle, da ist man doppelt verloren. Denn so sieht und hört man nichts mehr. Aber ich bin in Zürich aufgewachsen, ich kenne die Stadt mehr oder weniger blind auswendig. Für mich war es daher nie wirklich ein Thema, auf dem Land zu wohnen.

Alle Bilder von Lydia Lippuner


Infobox

Der Schweizer Zentralverein für das Blindenwesen (SZB) geht von rund 325’000 Personen in der Schweiz aus, die sehbehindert sind. Davon sind 10’000 blind. Das heisst, sie können gar nichts sehen. 2011 erhielten 4’644 Menschen Invalidenrente aufgrund von Krankheiten oder Missbildungen, wie der SZB sagt. Die alljährliche Befragung des Bundesamt für Statistik zeigte, dass laut eigenen Angaben ein Prozent der Männer und 1.5 Prozent der Frauen selbst mit Hilfsmitteln wie Brille oder Linsen Schwierigkeiten beim Lesen haben. Ab dem Seniorenalter erhöht sich diese Anzahl um ein Vielfaches.


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