«Blick am Abend zu lesen ist für viele eine schier unlösbare Herausforderung.»

22. September 2016
Am Freitag findet in Zürich zum ersten Mal die Tagung für leichte Sprache statt. Was leichte Sprache bedeutet, wofür diese gut ist und wo wir sie einsetzen können, erfährst du im Interview mit der Organisatorin Eleonora Gubler.

Was ist die leichte Sprache? Menschen mit Lernschwierigkeiten und beispielsweise auch Migranten und Migrantinnen haben oft Mühe, komplexere Texte zu verstehen. Da setzt die einfache Sprache an. Es geht um Zugang zu wichtigen Informationen und ist somit letztlich ein Mittel zur Selbstbestimmung.

Wo zeigen sich sprachliche Barrieren im Alltag? Bei ganz vielen alltäglichen Dingen: Packungsbeilagen von Medikamenten, Zeitungen, Speisekarten, Abstimmungsunterlagen, Arbeitsverträgen oder auch Broschüren der SBB. Hauptsächlich geht es um die geschriebene Sprache – doch beispielsweise bei Events gehört die mündliche Sprache natürlich auch dazu.

Wie kann ich im Alltag die leichte Sprache nutzen und worauf ist zu achten? Einerseits gibt es klare Regeln, was zu beachten ist, andererseits kommt man mit gesundem Menschenverstand schon sehr weit: kurze Sätze, aktive Sprache, keine Fremdwörter, viele Beispiele. Dazu kommen Elemente der Gestaltung wie grosse Schrift und ein einfaches Layout. Blick am Abend zu lesen ist für viele eine schier unlösbare Herausforderung.

Sie schreiben, dass viele Menschen Probleme mit Verträgen und beispielsweise den Abstimmungsunterlagen haben. In solchen Fällen ist es nicht einfach, weil diese Papiere rechtlich wasserdicht sein müssen. Wir empfehlen da eine Art Beiblatt, auf dem der Inhalt der Dokumente in einfacher Sprache erklärt ist, damit die Personen wenigstens wissen, was sie eigentlich unterschreiben sollen und später auch nachlesen können. Dies ist zum Beispiel bei Arbeitsverträgen essentiell.




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In Deutschland und Österreich ist die leichte Sprache gesetzlich verankert. Wie sieht das aus? In unseren Nachbarländern können Firmen und Institutionen, welche ihre Informationen nicht barrierefrei anbieten, eingeklagt werden. Das geht in der Schweiz nicht, weil wir das Zusatzprotokoll des entsprechenden Uno-Vertrages nicht unterschrieben haben. Für mich hat das mit mangelnder Beachtung und fehlender Wertschätzung zu tun. Natürlich ist auch der damit verbundene Aufwand riesig und nicht präzise abschätzbar.

Und fordern Sie das auch für die Schweiz? Klar, es wäre die logische Konsequenz, wenn man das Recht auf Information ernstnimmt. Heute haben wir dieses Recht, können es aber nicht rechtlich nicht einfordern. Auch wenn die Uno-Konvention Druck macht, befürchte ich, dass dieser Zug für die Schweiz im Moment abgefahren ist.

[caption id="attachment_9155" align="alignleft" width="202"]Eleonora Gubler von einfachesprache.ch; Bild: zvg Eleonora Gubler von einfachesprache.ch; Bild: zvg[/caption]

Die Tagung am Freitag ist komplett barrierefrei gestaltet. Was bedeutet das? Soweit es geht, haben wir alle Barrieren am Veranstaltungsort im Volkshaus abgebaut. Für Hörbehinderte bieten wir Schriftübersetzung an, Blinde kriegen Audio-Unterstützung, wir haben ein Zeichenprotokoll für Menschen mit Lernschwächen und eine Ringleitung für Personen mit Hörgeräten. Dazu kommen viele kleine Details: Beispielsweise können Menschen im Rollstuhl mit einem Stehtischchen nicht viel anfangen. Das alles ist mit viel Aufwand verbunden.

Für wen ist die Tagung von Bedeutung? Wir wollen möglichst viele und verschiedene Menschen ansprechen und für das Thema sensibilisieren. Für viele ist das ein neues Thema, es gibt viele Ängste und Vorurteile. Die Tagung ist seit Wochen ausverkauft und wir freuen uns auf Personen mit Behinderung, auf Politiker, Leute aus der Wirtschaft und Interessierte und Involvierte.

Titelbild: Screenshot/Blickamabend.ch
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