🎄27 Dezembo-Membo🎄

Joshua Amissah. Bild: Elio Donauer

Wie ein Zürcher mit alten Klischees von Schwarzer Männlichkeit aufräumt

Joshua Amissah bringt in seinem Bildband «Black Masculinities» die Vielfalt Schwarzer Männlichkeit zum Ausdruck. Besonders wichtig waren dem Zürcher Männlichkeitsbilder, die sich am Rande von Geschlechterrollen bewegen und das Brechen von Stereotypen. Wir haben mit ihm über weisse Filmwelten, Rapper, die für ihre Fluidität gefeiert werden und Kunstgeschichte, die neu geschrieben werden muss, gesprochen.
09. November 2021
Redaktionsleiterin

Noch immer wird Schwarze Männlichkeit in den Medien und in der Kunst als aggressiv, hypersexuell und gewalttätig dargestellt. Einer, der das ändern möchte, ist der 24-jährige Zürcher Joshua Amissah. Mit seinem Bildband «Black Masculinities» versucht er mit dem Medium der zeitgenössischen Fotografie das breite Spektrum und die Vielfalt Schwarzer Männlichkeiten aufzuzeigen. Dafür hat er auf mehr als 480 Seiten Werke von BPoC (Black (or) People of Colour)-Fotograf:innen kuratiert. Das Resultat ist eine neue, bislang noch nie dagewesene Sichtbarkeit von Schwarzer Männlichkeit.

Diesen Sommer stellte er den Bildband, der im Rahmen seiner Abschlussarbeit des Studiengangs Trends & Identity an der ZHdK entstanden ist, der Öffentlichkeit vor. Die Reaktionen fielen durchwegs positiv aus – «von meinem Umfeld aber auch von den involvierten Künstler:innen», so Joshua. Dass das Projekt am Ende mit dem Förderpreis der ZHdK prämiert wurde, sei eine schöne Anerkennung und ein Zeichen, dass das Buch auch ausserhalb seiner sozialen Sphäre ankomme und funktioniere.

Rahel Bains: Was ist der Unterschied von Schwarzer und weisser Maskulinität?

Joshua Amissah: Beides ist in sich sehr stereotypisiert und ist ganz eigenen Zuschreibungen unterlegen, doch gibt es unter dem Aspekt von Gender natürlich auch einige Überschneidungen. Schwarze Männlichkeit lässt sich in eine lange Geschichte von Rassismus, Unterdrückung und Sklaverei einbetten. Gerade in Bezug auf Letzteres wird oft von ihr erwartet, dass sie stark und potentiell gefährlich ist. So wird sie auch in Filmen oder in den Medien häufig gewalttätig und kriminell dargestellt. Aggressiv, hypersexuell, toxisch männlich. Man muss nur ein konventionelles Magazin durchblättern und darauf achten, wie und weshalb über als männlich gelesene BPoC’s berichtet wird – oft werden sie negativ assoziiert.

Bild: Namafu Amutse

Vor allem im Hip-Hop-Genre war Schwarze Männlichkeit lange mit toxischer Männlichkeit gleichgesetzt. Dies ändert sich aber immer mehr. Künstler wie Lil Nas X oder Frank Ocean machen vor, dass es auch anders geht und brechen mit Klischees.

Genau! Es ist spannend, dass Artisten wie zum Beispiel Lil Nas X so sehr für ihre Fluidität zelebriert werden und dafür, dass sie heteronormative Strukturen brechen und sich von einer vermeintlich weichen Seite zeigen. Das wird auch in meinem Buch visuell thematisiert. Diese aggressive und frauenfeindliche Art und Weise, wie sich Hip-Hop-Künstler im Gangster-Rap-Genre dargestellt haben, ist übrigens zurückzuführen auf eine historisch geprägte Zuschreibung der weissen Bevölkerung in den USA gegenüber BPoC’s. Im Entstehungsprozess des Buches habe ich unter anderem in archivierten Berichterstattungen über die afroamerikanische Gesellschaft in den USA gewühlt. Auf der Titelseite eines Lokalmagazins stand zum Beispiel: «Take care, the n**** gonna steal your wife, is gonna rob you, gonna kill you». Die Künstler sagten sich daraufhin: «Ihr sagt uns, dass wir so sind, dann sind wir das – aber dreimal so stark.»

Wie definierst du Black Masculinity für dich? Was kann sie alles sein – und wie hat sich deine Sichtweise darauf verändert?

Ich finde es eher problematisch, Adjektive zu finden, die Black Masculinity beschreiben. Der wichtigste Punkt ist es eigentlich auch, dass es nicht einfach eine Schwarze Männlichkeit im Singular ist, sondern sie immer nur im Plural beschrieben oder behandelt werden sollte. Sie beinhaltet ein riesiges Spektrum und die Fülle dessen war auch meine grösste Erkenntnis. Mir war es wichtig, künstlerische Positionen herauszufiltern und zu thematisieren, die alles zeigen. Bodybuilder, die das Bild des starken Schwarzen Mannes in sich reproduzieren, welche dann aber wieder von vielen queeren Perspektiven gebrochen werden. Männlichkeitsbilder, die sich am Rande von Geschlechterrollen bewegen, waren mir besonders wichtig.

Bild: Lakin Ogunbanwo

Mit dem Ziel zu zeigen, dass ihr alles sein könnt.

Das Buch hat mit seinen 484 Seiten eine grosse Fülle, deckt das ganze Spektrum aber nicht ab. Es ist ein Projekt, das sich weiterführen lässt. Man könnte gut noch zig weitere Bänder publizieren. Weil: Wir brauchen es. Wir müssen die Kunstgeschichte neu schreiben.

Ich bin als BPoC in einer Gemeinde von Winterthur aufgewachsen. In meiner gesamten schulischen Laufbahn war ich in all meinen Klassen fast ausnahmslos der Einzige mit einer anderen Hautfarbe. Auch ich bin mit Gangsta-Rap und Hip-Hop aufgewachsen und in einer Film- und Bücherwelt, die zumeist gänzlich weiss war. Starke Schwarze Protagonist:innen? Damals kaum existent und wenn doch, dann als Übeltäter, Zwielichtiger, meist in der unteren Einkommensschicht...

...und selten als Held.

In Filmen waren BPoC zwar oft beste Freund:innen der Hauptcharaktere, aber eben nur in der Nebenrolle. Sie verkörpern Menschen mit einem guten Herz, eine Art Support-System, die aber trotzdem meist noch irgendwo einen ganz eigenen Struggle haben. Weil die Eltern arbeitslos sind zum Beispiel, oder sonst noch halbkriminelle Geschäftchen laufen. Ein konstantes Narrativ, das seit Jahrzehnten reproduziert und erst seit relativ kurzer Zeit neu gedacht wird.

«Thank you for the work, brother» waren Worte, die oft fielen, sagt Josh. Bild: Elio Donauer

Das du mit deinem Buch ebenfalls zu ändern versuchst. Was gab den Anstoss dafür?

Sehr wichtig war die Fotografieausstellung Black Art Matters, die ich kuratiert habe. Das war ein Showcase in der Maag Halle im vergangenen Jahr, die als Reaktion auf die BLM-Proteste entstanden ist. Dazu wählte ich Arbeiten von 70 BPoC-Fotograf:innen aus der ganzen Welt aus. Im Zuge dieses Recherche-Prozesses kam ich mit vielen künstlerischen Positionen in Kontakt, die ich zuvor nicht gekannt hatte. Plötzlich war da dieses riesige Archiv. Und als im Rahmen meines Bachelor-Studiums Trends & Identity an der ZHdK die Frage der Diplomarbeit auftauchte, war das Thema für mich schnell klar.

Was war das Spannendste im Entstehungsprozess deines Werks?

Der persönliche Kontakt zu den Künstler:innen, mit denen ich mich per Facetime oder in Zoom-Meetings austauschen durfte. Das Schönste war eigentlich das gemeinsame Verständnis für die Thematik und das kollektive Gespür für falsche Repräsentationsmechanismen in der gegenwärtigen visuellen Kultur. «Thank you for the work, brother» waren Worte, die oft fielen. Das blieb mir im Kopf – thank you for the work. Diesen Satz habe ich viele Male gehört.

Es ist zudem interessant, dass die Thematik eine transnationale, ja gar transkontinentale Wichtigkeit hat. Sei es in Nigeria, Ghana, Paris, Elfenbeinküste – überall hörte ich: «Ich habe mich auch nicht wiedergefunden in der Art und Weise, wie BPoCs bislang dargestellt worden sind.» Dies war vor allem auch von Künstler:innen, die auf dem afrikanischen Kontinent wohnen, zu hören. Die postkoloniale Geschichte hat für sie ein grosses Gewicht und gibt oftmals noch ein ganz eigenes Bild davon, was Schwarze Männlichkeit bedeutet. Nebst dem war der Austausch mit vielen befreundeten Kreativschaffenden während der Entstehung auch sehr spannend. So habe ich zum Beispiel von Elliot Frydenberg, der mir gegen Ende auch als Mentor zur Seite stand, grafiktechnisch viel gelernt.

War die Auseinandersetzung mit dieser schweren Thematik manchmal auch energieraubend?

Ich würde nicht sagen energieraubend, aber intensiv und persönlich. Dieser Austausch über Familiengeschichten, Mobbing und Gewalterfahrungen hat mir mehr gegeben als umgekehrt und mich rückblickend zu 100 Prozent wohlfühlen lassen in meinem Körper und mit meiner Hautfarbe. Das war besonders beim Erwachsenwerden ein langer Prozess.

Hättest du dir als Teenager so ein Buch gewünscht?

Ich glaube, ich hätte so ein Buch gebraucht. Alle brauchen so ein Buch, und zwar ganz unabhängig von Hautfarbe oder Herkunft. Es sind Bilderwelten, die im normalen Kanon von Fotografie, Bilder und visueller Kultur nicht gezeigt werden. Als ich mir neulich vorgestellt habe, was der kleine Josh denken würde, sähe er mich 20 Jahre später dieses Projekt aufgleisen, hatte ich eine euphorische Heulattacke. I made it, we made it.

Bild: Kemka Ajoku

Es scheint, als würden Menschen in deinem Alter sprich Mitte 20 ein ganz anderes Verständnis in Bezug auf Gender, die Rollenverteilung von Mann und Frau und die Frage «Was ist Männlichkeit, was Weiblichkeit» haben als die Generation davor. Es wird anders mit Rassismus umgegangen, man versucht, das eigene Verhalten selber zu reflektieren. Hast du das Gefühl, da bewegt sich wirklich was? Und wie unterscheiden sich das die Städte Zürich und Berlin, in denen du abwechselnd lebst?

Nach den BLM-Protesten fragte ich mich: Inwiefern ist es eine Schein-Solidarität, eine Schein-Wokeness. Ich habe das Gefühl, dass das Bewusstsein gegenüber Minderheiten und BPoC’s sich gerade erweitert, dass wir in einem Prozess sind, in dem wir toleranter werden, offener. Ich habe aber auch das Gefühl, dass Berlin ein Stück diverser und durchmischter ist in Bezug auf Kulturen, Lebensformen, Hautfarben und Sexualitäten als Zürich und deswegen auch toleranter und offener.

In einem Jury-Statement seitens der ZHdK heisst es, dass du nie wertend oder moralisierend vorgegangen bist. War das eine bewusste Entscheidung?

Das ist einfach so passiert, weil das ohnehin meine Grundhaltung ist. Ich habe das Gefühl, dass wir als Gesellschaft nicht weiterkommen, wenn wir mit dem Finger aufeinander zeigen und uns anfeinden.

Welches Foto aus deinem Werk magst du am meisten?

Ich habe kein Lieblingsbild. Das Buch lebt von der grossen Anzahl an Impressionen, es geht mir um das Spektrum, und das lässt sich nicht durch ein Bild zeigen, sondern entsteht erst durch die Fülle aller Arbeiten, Lebensformen, Geschlechteridentitäten und intersektionellen Minderheits-Überschneidungen, die in diesem Buch zu sehen sind. Das ist auch der Grund, weshalb ich mich dazu entschlossen habe, kein Bild auf das Cover zu nehmen. Stattdessen habe ich einen schwarzen Einband mit weissem Buchrücken gewählt. Der schwarze Einband überkommt langsam den weissen Hintergrund. Metaphorisch gesehen will das heissen: Die Industrie ist voller «BPoC Talents», die langsam aber sicher den weiss dominierten Kunstmarkt bereichern und aufmischen. If you want it or not: Get ready or leave!

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