Bizeps am Letten: Das Männerideal, das aus dem Schwulenporno kam

Wirst du von den Bizepsen am Letten auch nur vom Anschauen erschlagen? Die Muskelberge wachsen wieder wie ein um sich greifendes Unkraut. Woher kommt dieses Schönheitsideal eigentlich? Ein kleiner Exkurs über monströse Bizepse, James Dean, Tränen und schwule Pornostars. (Oder eine Erklärung, weshalb die drei Ebenen des Unteren Letten ein Indikator für mein Selbstwertgefühl sind.)
18. Juli 2017

Ok, ich oute mich jetzt. Jedes Jahr nehme ich es mir wieder vor: Im Winter so zu trainieren, dass ich an den Oberen Letten kann, ohne einen multiplen Ichzerfall zu erleben, wenn ich mein T-Shirt ausziehe. Und jedes Jahr ist es wieder dasselbe. Ich gehe den Oberen Letten entlang und suche vergebens ein Plätzchen neben jemandem, dessen Oberarme nicht gleich gross sind wie meine Oberschenkel. Aber was soll’s. Wie jedes Jahr ziehe ich mich an den Unteren Letten zurück, wo das Schönheitsregime etwas weniger militärisch eingehalten wird.

Hier kommt meine Strategie (kann ich Menschen empfehlen, die wie ich nicht mit einem Sixpack, das man durch einen Wollpulli durchsieht, zur Welt gekommen sind): Wenn ich einen schlechten bis okayen Tag habe und mein Selbstwert Richtung null tendiert, hänge ich oben beim Kiosk zwischen den Familien. Da kratzt es echt keine Sau, ob ich eine Wampe habe. Die pure Freiheit. Habe ich einen guten Tag und finde Momoll, so untertrainiert & bubihaft ist mein Body gar nicht, wage ich mich auf die Zwischenebene. Da liege ich dann aber schon immer so positioniert, dass allfällige Müskelchen nicht von Michelin-Ringen kaschiert werden. Angeschaut wird man ja schon. Und wenn ich aus irgendeinem Grund einen wahnsinnigen Ego-Boost erlitten habe und mich im Fuck-You-I’m-Sexy-As-Hell-Modus befinde, quetsche ich mich in die Sardinenbank auf dem Steg. Die ist zwar nicht so steroidüberladen wie der Obere Letten, aber da wuchern die Muskeln schon auch unkrautmässig.

Als ich vor ein paar Tagen in Kiosknähe lag und vom Geschrei eines kleinen Jungen vom Lesen abgehalten wurde, habe ich ihn innerlich angeschrien: «Du heulst, weil du kein Glace kriegst? Warte ein paar Jahre, dann verbietest du es dir selber!» Dabei kam mir der Gedanke, dass vielleicht ein ganz neues Schönheitsideal gilt, wenn er in meinem Alter sein wird. Ja, mir fiel erst da ein, dass in meiner Kindheit (Föteli und Zeugenaussagen meiner Eltern nach zu urteilen) vor allem die Männer nicht so krasse Bodys hatten. Erst kürzlich wurde eine Studie veröffentlicht, dass Jungs wegen ihres Körpers neuerdings gleich viel psychische Probleme haben wie Mädchen (aus der Gleichberechtigungsperspektive völlig legitim). Das war in meiner Jugend noch nicht so. Die meisten Jungs liefen rum wie Höhlenbewohner. Wenn sich jemand zwei Mal im Jahr eine neue Hose kaufte, kam das einem Outing gleich.

Die drei Grazien von Peter Paul Rubens: Kurvige Frauen mit Orangenhaut wurden früher häufiger als sexy wahrgenommen wurden.

So lag ich dann da und habe mich, anstatt den Bub zu schütteln, gefragt, woher dieses Schönheitsideal eigentlich kommt. Ist ja schon heftig, wie vor allem in Film und Werbung nur noch hypermannly, bärtige Muskelprotze zu sehen sind. Und woher kommen diese wuchernden Muskeln? Es ist ja eine völlig ästhetisierte Körperlichkeit. Niemand braucht seinen monströsen Bizeps, um den Mac hochzufahren. Die Muskelschwülste unter der Haut sind nur zum Angaffen da.

Um dies beantworten zu können, hilft eine kleine Zeitreise in die 90er. Mit David Beckham an vorderster Front stampft ein neues Männerbild aus dem Boden wie eine bisher unbekannte Pilzart. Der Metrosexuelle (metropolitan & sexual).

Der Grossstädter verwandelt sich von einer Kreatur, die am Morgen mit Mundgeruch aus dem Bett kriecht, in ein mühsam zu hegendes und pflegendes Gesamtkunstwerk (wie die Frauen es schon lange sind oder zu sein scheinen). Heterosexuelle «dürfen» sich nun um ihr Äusseres kümmern, ohne schwuchtelig zu wirken. Damit ist der Weg zum «Manscaping» der heutigen Zeit geebnet: Der Mann hat seinen Körper und seine Behaarung zu pflegen. Und zwar so als wäre er Landschaftsarchitekt und sein Körper der Garten von Versailles.

Ok. Der Mann von heute ist eine Kreatur, die nicht mehr einfach ist, sondern ständig werden (d.h. vor allem trainieren) muss. Soweit so gut. Aber ist es wirklich so extrem geworden in den letzten Jahren? Oh ja. Weit bis ins letzte Jahrhundert waren die Männerideale noch nicht so aufgepumpt. Die zunehmende Fetischisierung von Muskeln lässt sich wunderbar an der Filmgeschichte nachvollziehen. Da wären zum Beispiel die Tarzanfilme: Check mal Johnny Weissmüller aus. Der war fünffacher Olympiasieger im Schwimmen und hat dann mit 12 (!) Tarzanfilmen rumgeprollt.

Ok, er war breit gebaut, aber hey, da schwabbelte doch ziemlich was rum. Das sieht dann bei Tarzan 2017 doch einiges definierter aus.

Dasselbe gilt für andere Hollywood-Ikonen. DAS Ideal James Dean ist für heutige Massstäbe nämlich auch nicht wirklich durchtrainiert.

Bild: Flickr/Wicker Paradise

Wer ein bisschen philosophisch bewandert ist, für den sind das keine big news. Michel Foucault hat mit dem Begriff der Biopolitik Machtstrukturen beschrieben, die sich nach dem Hervorbringen von bestimmten Körpern, Körperbildern und Lebensformen richten – zum Beispiel der Muskelwahn und die damit verbundene Fitnesskultur. Die «Macht» liegt nicht mehr bei einem König, der befiehlt «Du hast fit zu sein!», sondern bei einer Struktur. Wie beispielsweise dem kapitalistischen System, das am Schönheitszwang anknüpft und viel «Wert» schöpft mit Beautyprodukten, der ganzen Fitnesskultur und dem Gesundheitswahn. Im Sinne von: Du sollst schön sein – und schau mal wie einfach das mit diesem Barttrimmer und diesem Proteinshake klappt!

Ok, der Mann hat früher nicht so auf sein Äusseres geachtet. Ok, er musste nicht so manisch an seinen Muskeln rumtrainieren. Aber weshalb hat sich diese Muskelseuche so ausgebreitet?

Natürlich sind gesamtgesellschaftliche Dynamiken komplex und haben nicht nur eine Erklärung. Auffällig ist aber schon, dass dieses Bodybuilder-Ideal in den letzten Jahren einen extremen Aufschwung erlebt hat. Und was hat sich in den letzten Jahren in der Männerwelt auch verändert? Genau, die Dekonstruktion des Geschlechts, das Rütteln am althergebrachten Bild hat zugenommen. Es wurde quasi entdeckt, dass Männer auch Menschen mit Gefühlen sind. Der Diskurs über das Mannsein hat sich verändert. Die Gender-Studies befassen sich auch mit dem Mann. Verletzlichkeit wird nicht mehr a priori als Schwäche abgetan. Eine Stecher-Karriere ist nicht mehr der einzig mögliche Lebensentwurf. Boys DO cry. Etc.

Ich bin überzeugt, dass die Verunsicherung, was ein Mann zu sein hat und sein kann, viel mit uns macht. Wir leben in einer patriarchalen Gesellschaft. Der Mann hat durchschnittlich mehr Lohn als die Frau. Gleichzeitig gibt es keinen Vaterschaftsurlaub in der Schweiz – die Ungleichheit ist höchst asymmetrisch.

Aber alles ist im Umbruch, und das macht Angst. «Ich soll Gefühle zeigen können, aber mich nicht von ihnen übermannen lassen? Help!» Die Sehnsucht nach einem Männerbild, das Stärke und Sicherheit vermittelt, ist bis zu einem gewissen Grad verständlich. Unbewusst greifen Männernach einer Protomaskulinität, einer Männlichkeit, die einem als ursprünglich, natürlich, archaisch erscheint. Vielleicht muss der Körper da kompensieren, was unsere Köpfe ins Wanken bringen. So a la: «Ok, ich zeige meine Gefühle, aber schau mal meinen Bizeps an, Baby.»

Soweit zum Weshalb. Aber woher kommt dieses protomaskuline Bild? Ein Freund nannte das Männerideal pornosexuell. Und zwar ist seine These – Achtung, halt dich fest, wenn du noch auf deinen haarigen Beinen stehst – dass dieses Ideal aus dem Schwulenporno kommt. Tatsächlich treten da übertrainierte Männer früh im letzten Jahrhundert auf. Klassisch sind der Twink (der schlanke, unbehaarte Bubi) und der Bear (der muskulöse, behaarte Rammler).

Sei dem, wie es sei, ich finde pornosexuell ziemlich passend. Denn wenn du vergleichst, wie gewisse Dudes am Letten ihre Heterosexualität zur Schau stellen – fehlt nicht mehr vielzur Hypermaskulinität von Tom of Finlands Schwulenfantasien.

Heterosexualität wird zu weiten Teilen durch die Abgrenzung von Homosexualität konstruiert. Das sieht man auch an der Karriere des Wortes schwul. Alles, was Männer scheisse finden, ist mittlerweile schwul (nicht homosexuell). Durch die Verwendung des Wortes (so ein schwules Chäppli!) wird zementiert, dass man sich von etwas distanziert und versichert sich so seiner Männlichkeit. Schaue ich mir aber eines der Männerideale in Schwulenpornos an – ähm... Ist das jetzt hypergay oder hyperhetero?

Und wie wird Mann in zehn Jahren aussehen? Obwohl die krankhafte Muskelsucht zunimmt, geben sich nicht alle dem Muskelwahn hin. Zwar lässt sich kein Kausalzusammenhang zwischen Bildung und Körperideal feststellen, eine gewisse Korrelation zwischen gewissen Wertebildern und Körperbildern lässt sich aber nicht leugnen. Überspitzt formuliert: An der Grösse deines Bizeps‘ kann ich deinen IQ ablesen. Und ja, mir ist bewusst, dass es problematisch ist, sowas als Student zu schreiben. Es lassen sich aber schon zwei Ausprägungen feststellen: Männer, die manisch Proteinshakes, Poulet und Reis fressen – und solche, die sich der gemächlichen Dekonstruktion des Geschlechterbildes hingeben.

Schönheitsvorstellungen kommen und gehen. Meine Prognose ist nicht, dass in Zukunft alle ein Super-Extended-Gym-Abo haben oder – das andere Extrem – mit gazellenfeinen Handgelenken den neusten Wurf von Judith Butler durchblättern. Vielmehr glaube ich, dass sich beide Tendenzen halten und verstärken. Die Muskeln werden weiterhin wuchern. Und die Männer, die offen sind für ein weniger statisches Geschlechterideal, werden sich noch mehr öffnen. Die Manniküre, das Blüemlihemd und RuPaul’s Drag Race sind erst der Anfang!

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