Bild: Elio Donauer

Bitte alle aufsteigen! Warum wir mehr Velofahren sollten

Zu wenig Rowdytum, soziale Inklusion und stilistische Höhenflüge: Warum man mehr Velofahren sollte. Eine Art Satire.
04. Oktober 2020
Chefredaktor

Auf dem Land leben Velofahrer*innen gefährlicher als in der Stadt. Denkt man. Doch mehrfach ist es in den vergangenen Monaten zu heftigen Unfällen in der Stadt Zürich gekommen: Lastwagen erfassten die Velofahrenden, welche schwer verletzt oder tot auf der Strasse liegen geblieben sind. In der Stadt verhält es sich nämlich so. Die Velofahrer*innen müssen sich in Acht nehmen. Nicht alle anderen. In der Stadt gleichen die Velofahrer*innen Mauerblümchen. Sie sind die Bettler*innen der Strasse. Sobald sie auf ihrem Altmetallgerät sitzen und überhört werden, sind sie quasi zum Abschuss freigegeben. Was ihnen Sicherheit gäbe, ist nicht erlaubt. Sie wissen schon: Bei gefährlichem Verkehr aufs Trottoir ausweichen, durchgehende Velowege auch über grosse Kreuzungen, dort parkieren, wo es hell und übersichtilch ist, und so weiter.

Manche Autofahrer*innen und Lastwagen parkieren sogar auf den wenigen Velowegen. Und wehe, ein Parkplatz wird für einen Veloweg aufgehoben. Die Abgasromantiker*innen wittern sofort den Untergang der alten Welt. Und trotzdem werden die Velofahrenden immer mehr. Eine Studie der ETH und der Uni Basel hat ergeben, dass während der Corona-Krise öfter Velo gefahren wird und deutlich längere Distanzen zurück gelegt werden. Vor diesem Hintergrund ist der Vorschlag einer 50-Kilometer kurzen Spur – exklusiv für Velos – durch die Stadt Zürich, der gerade vom Stimmvolk gutgeheissen worden ist, ein viel zu kleiner Schritt in die richtige Richtung.

Denn da ist ja auch noch die Velo-Diversity. Da gibt es Stadtvelos, Rennvelos, Mountainbikes, Cargobikes, eBikes, Liegevelos, Trottinette, Tandems. Und auch auf den Sättlen: Die unterschiedlichsten Menschen.

Dass diese Vielfalt in der Stadt keinen Platz hat, kann man an der Schiffstation Bürkliplatz, dem Hotspot der nichtmotorisierten Bevölkerung in der Zürcher Innenstadt, beobachten. Eine kleine Übersicht: Hier tummeln sich Fussgänger*innen, Velofahrende, Kinderwagen, Flaneur*innen, Jogger*innen, Trottifahrende und Raddampfpassagiere. Regelmässig kommt es zu verbalen Ausfälligkeiten. Ein reduzierter Autogebrauch wäre sinnvoll. Vielleicht sogar mehrere Velospuren für verschiedene Geschwindigkeiten. Hoffentlich wird das bald vom städtischen Velomob gefordert. Platz für Autos gäbe es dann weniger, für den ÖV und Notfälle aller Art selbstverständlich schon.

Hat man kein Auto, wird man stets verwundert gefragt, weshalb. Praktischer gehe es doch nicht. Nun, es ist auch eine Frage des Stils. Zuerst: Die meisten Autos sind kein schöner Anblick. Es ist nicht besonders lustig, stundenlang im Stau zu stehen, Parkplätze zu suchen und ständig zu spät zu kommen. Das hat sogar der konservative damalige Bürgermeister Londons, Boris Johnson, begriffen, der zwischen 2008 und 2016 by bicycle zur Arbeit fuhr. Tut dies die souveräne Stadtpräsidentin von Zürich, Corine Mauch (SP), wirkt es mutig und sinnvoll. Im Sinne von: «Auch als Stadtpräsidentin liebe ich eine gute Portion Gefahr.»

Das Velo ist naturgegeben etwas Soziales. Sogar ein NZZ-Journalist, der gegen Velos polemisiert, gibt zu, dass er romantische Erinnerungen an nächtliche Fahrten auf dem Gepäckträger seiner Freundin hat (schön, wenn das auch erlaubt wäre). Das Velofahren fördert den sozialen Zusammenhalt. Verabredet man sich und kommt mit dem Velo, hat man schon gewonnen. Denn: Steht ein Lokalwechsel an, rasen alle wie der Veloblitz dorthin. Der ohne Velo? Bleibt einsam und verlassen zurück. Vermutlich sind die anderen schneller am Ziel, wenn sie unterwegs nicht verunfallt sind. Sonst befestigen sie ihre zweirädrigen Lieblinge jeweils dort, wo es noch Platz hat, was meist sehr elegant wirkt. Daneben stehen gigantische Offroader, welche vorne und hinten über die Parkplätze lampen und aus denen eine Person aussteigt.

Was sie gmeinsam haben: Beides ist coronakonform.

Die gute Nachricht zum Schluss: Parkplätze und NZZ-Abonnent*innen werden im Gleichschritt weniger. Den anständigen, inkludierenden und stilvollen Velofahrenden gehört die Zukunft!


Simon Jacoby fährt eigentlich immer Velo: dann, wenn er hofft, dass er gesehen wird. Zum Beispiel am Feierabend an grossen Kreuzungen.


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