Bilder aus Syrien: Wo würdest du die Grenze ziehen?

Human Rights Film Festival
20. Dezember 2015


Wir Schweizer sehen uns bevorzugt als Torwächter der Menschenrechte, weshalb wir ungern zugeben, dass sich manche unserer eigenen Grosskonzerne auf internationalem Geschäftsparkett ziemlich unzivilisiert aufführen. Gewiss ist jedoch unser aufrichtiges Interesse an dem Thema. Nachdem Simon bereits die Direktorin des Human Rights Film Festivals befragt hat, sehe ich mich mal vor Ort um. Im ersten Veranstaltungsjahr werden 14 Beiträge im Filmpodium und dem Riff Raff gezeigt, die delikate Themen wie Vertreibung,  Medienzensur, Kinderschicksalen, Scheidungsdramen oder dem Recht auf persönliche Entfaltung behandeln.

Wir möchten den Fokus jedoch auf die Podiumsdiskussion zum Thema »Das Recht am eigenen Bild.« lenken. Eigentlich ein irreführender Titel, da nicht urheberrechtliche Fragen besprochen werden. Vielmehr geht es darum, wie man in der Kriegsberichterstattung Menschen würdevoll fotografisch darstellt. Stichwort Strandbild. Zentral ist dabei die Arbeit des syrischen Kollektivs Abounaddara, Arabisch für »Mann mit Brille«. Eine Gruppe aus autodidaktischen Filmemachern und Volontären, die seit Jahren wöchentlich Clips mit alternativen Betrachtungsweisen des Bürgerkrieges ins Netz stellt und damit neue Wege geht.

[caption id="attachment_4900" align="aligncenter" width="640"]Engagierte Runde mit Zwischenrufen aus dem Publikum Engagierte Runde mit Zwischenrufen aus dem Publikum[/caption]

Ungewohnt heftige Debatte Nach der Vorführung einer zehnminütigen Auswahl dieser Videos übergibt Gesprächsleiter und Chef der Ringier Journalistenschule Hannes Britschgi das Wort an Abounaddara-Repräsentant Charif Kiwan. Früh lässt Kiwan erkennen, wie enttäuscht er von der Arbeit der westlichen Medien ist. Beispielsweise darüber, dass die französische Regierung den Nachrichtendienst Twitter angehalten habe, Leichenbilder zu unterdrücken. Dass man uns Europäer sehr einseitig informiere und Geschäfte mit Horrorbildern gemacht würden.

Roger De Weck, früher selbst Kriegsberichterstatter, wirft ein, dass oft die Authentizität fehle, da viele Reporter in Kriegszonen freiberuflich unterwegs seien und sich bloss um den Erlös ihrer Bilder kümmerten. Hier verweist Regisseur Christian Frei auf James Nachtwey, einen der meistgeachteten Kriegsfotografen, den er in seiner oscarnominierten Dokumentation »War Photographer« porträtierte. Nachtwey, der so gar nicht die Klischees seiner Zunft bestätigt, war damals kurz vor Drehbeginn unverschuldet der Sensationsgier beschuldigt worden.

Was können Bilder bewirken? Ferner ist Frei der Überzeugung, dass ein Bild sehr wohl die Welt verändern könne. Man solle nur an die verstörenden Bilder aus den deutschen Konzentrationslagern denken, an Rwanda oder das vietnamesische Napalm-Mädchen. Freis Einwände stossen bei Kiwan auf Protest. Der Vergleich hinke stark, da Fotos der KZ-Leichenberge der Öffentlichkeit erst präsentiert worden seien, nachdem das Gericht in Nürnberg sie geprüft und den Verrat an der Menschheit offiziell festgehalten habe. Wogegen die Presse heutzutage einfach Schockfotos veröffentliche und ein Urteil gleich hinterher reiche.

Frei wiederum entgegnet, dass es kein Gerichtsurteil brauche, um ein Kriegsverbrechen festzustellen. Nun schaltet sich Blick am Abend-Chefredaktor René Lüchinger dazu. Er spricht Aylans Bild an und erklärt, er habe erst nach langem Überlegen entschieden, das Foto zu bringen. Als erstes Medium der Schweiz. Stolz klingt durch. Rasch fügt er entschuldigend an, man hätte bewusst wenig Text angebracht und einen Rand um das Bild gezogen, damit es seine volle Wirkung entfalten könne (Es ist kein Geheimnis, dass sich sein Medium die Mehrzahl der Buchstaben stets für den Sportteil aufspart). Er beharrt darauf, dass die Veröffentlichung die Meinung in Europa gewendet und für einen Spendenfluss gesorgt habe.

Sollte Lüchinger damit wirklich Recht haben – was ich mich zu glauben weigere –  würde das unserer Kultur ein Armutszeugnis ausstellen. Wir wissen noch gut, wie uns CNN 1990 einen chirurgisch-keimfreien Golfkrieg weismachen wollte, in dem ausschliesslich Schurken zu Tode kamen. Wir wissen seit Jahren um tote Kinder im Syrienkrieg oder gekenterte Bootsüberfahrten im Mittelmeer. Harte Vorstellung, dass wir jedes Mal erst ein Bild nötig haben, um das Grauen zu anerkennen.

Was können Medien bewirken? Filmemacherin Aida Schläpfer Al Hassani beteuert, dass sie immer erst die Erlaubnis der Fotografierten einhole und dass diese im Fall der Zusage oft wissentlich ein grosses Risiko eingingen. Fotobeweise seien aber unbedingt notwendig. Gäbe es Bilder vom Armenien-Massaker, könnte dieses nicht länger geleugnet werden. Ähnliches gelte für den Abu-Ghuraib-Folterskandal.

Gegen Ende der Diskussion zeigt De Weck auf die Fotogalerie, die hoch oben den Saal umrahmt. Dort prangt ein Bild mit leichtbekleideten, dunkelhäutigen Kindern. Köpfe drehen sich, nun wird es still. Die Presse versage oft dabei, die Täter abzubilden. Opfer darzustellen sei schon immer ein Leichtes gewesen. Die Medien seien damit überfordert, eine Lösung herbeizuführen, und dies gelte auch für die Politik und Gesellschaften als Ganzes. Sharifs Wirken habe eine Spur zu dieser Erkenntnis gelegt. Ein Kompliment, für das sich Kiwan herzlich bedankt. Leidenschaftlich wiederholt er, dass die Medien tatsächlich einen Wandel bewirken könnten. Sein Kollektiv arbeite mit einfachsten Mitteln, im Angesicht einer niederschmetternden Realität. Dennoch würden sie ihre Arbeit fortführen. Kaum auszudenken, sagt er, was ein hochgerüstetes Verlagshaus ausrichten könnte.

[caption id="attachment_4901" align="aligncenter" width="640"]Hannes Britschgi mit Prof. Christian Iseli, Leiter der Dokumentationsabteilung der ZHdK Hannes Britschgi mit Prof. Christian Iseli, Leiter der Dokumentationsabteilung der ZHdK[/caption]

Es mag so sein, wie Frei anmerkt, dass der Syrer die westliche Presse verbissen über den gleichen Kamm schert, doch dies sei ihm aufgrund seiner Erfahrungen im Mediengeschäft und seinem Alltagsumfeld verziehen. Wir müssen neue Wege finden, um über andere Gesellschaften zu berichten. Früher entsandten wir Reporter, aber das traut sich heute kaum mehr jemand, wie Lüchinger eingesteht.

So nimmt man oft ein Bild aus der Bevölkerung und stiefelt etwas zusammen. Viele Medien wollen entgegen ihren Behauptungen nur selten zum Nachdenken anregen. Sie wollen, dass sich der Leser ärgert, weil sich Ärger – das geben Redaktionen sogar offen zu – besser verkauft. Und wer wütend ist, kann nicht nachdenken.

Die Herausforderung wird sein, vermehrt mit Reportern und Journalisten aus der Region zu kooperieren. Dass aber auch dort arge Verzerrungen lauern, wird der nachfolgende Film – nach einem süssen Apéro – bitter aufzeigen.

Sagt wer die Wahrheit? Die Dokumentation »Red Lines« hat ihren Titel von Obamas oft zitierter Grenze, deren Überschreitung durch das Assad-Regime (namentlich der Einsatz von chemischen Waffen) ein US-Eintritt in den Syrienkrieg zur Folge haben würde. Laut dem Film waren Aktivisten in Syrien der Überzeugung, dass diese Bedingung längst erfüllt und eine ausländische Intervention nur noch eine Frage der Zeit war. Verwackelte Kameras begleiten Razan, eine im Exil lebende Aktivistin, und Mouaz, ein in Washington agierender Lobbyist, bei ihrem Streben nach finanzieller Unterstützung für die explizite Einrichtung von zivilen Gerichten sowie einer zivilen Polizei.

Der Film entlässt mich mit Zweifeln an der Glaubwürdigkeit der beiden Protagonisten. Razan steht in direkter Verbindung zur Freien Syrischen Armee FSA, einer bewaffneten Oppositionsgruppe, die sich dem Sturz Assads verschrieben und keinerlei Pläne für die Zeit danach hat. Mit gleicher Blaupause marschierten die USA im Irak ein und hinterliessen beim Abzug nur Trümmer. Beim wackeligen Skype-Interview nach der Vorführung wird Razad gefragt, für wen sie diese Schlacht eigentlich schlage. Sie wiederholt ihr gruseliges Motto. Syrien sei für alle Syrer.




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Auch bei Mouaz schimmern extreme Absichten durch. Als er bei einem britischen Regierungsvertreter in London für Mittelbeschaffung vorspricht, erklärt er, sich notfalls sogar mit dem Teufel zu verbünden. Darauf fragt der Vertreter, was denn nun mit den Raketenwerfern sei, die er letzten Monat noch hätte haben wollen. Mouaz antwortet ungerührt, dass sie diese noch immer begehrten, es jedoch nicht mehr offen sagen dürften.

Bei dieser Dokumentation aber gleich von reiner Propaganda zu sprechen wäre unfair. Dann nämlich müssten sich viele westliche Medien denselben Vorwurf gefallen lassen.

Zurück bleibt der Eindruck eines idealistischen und experimentierfreudigen Festivals, das einen Stammplatz in dieser Cineasten-City durchaus verdient hätte. Weil es tatsächlich viele Stadtzürcher gibt, die ungeachtet ihrer Kaufkraft und fernab hohler Mantras mithelfen möchten, dass es Menschen in den Krisengebieten dieser Welt besser geht. Weil umsichtige Berichterstattung mitentscheidet, ob Zuwendungen ihr angedachtes Ziel erreichen. Und weil die Fragen hierzu auch nächstes Jahr noch die gleichen sein werden.

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