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Bild: Artemisia Astolfi

Zwischen Bibel und Berufung – wenn Lehrpersonen gläubig sind

Der Lehrberuf ist unter Freikirchen-Angehörigen beliebt – das führt immer wieder zu Irritationen in der Bevölkerung. Ist dies wirklich so problematisch, wie angenommen?
23. Oktober 2019
Praktikantin Redaktion

«Gott schuf den Menschen als Mann und Frau, damit sie sich zu einem Paar vereinen und Partner füreinander sind», steht in der Bibel. Der Satz stammt aus der Schöpfungserzählung – und widerspricht gleich zwei Grundsätzen des Lehrplans 21, der in Schweizer Volksschulen als Leitfaden für Lehrer*innen gilt. Zum einen wird die Evolutionstheorie geleugnet, zum anderen die Möglichkeit einer gleichgeschlechtlichen Beziehung ausgeschlossen. Nichtsdestotrotz sind Lehrbeauftragte mit religiösem Hintergrund in Schweizer Schulzimmern vertreten. Eine Tatsache, die in der Vergangenheit immer wieder zu Irritationen geführt hat.

Der mediale Aufschrei

Etwas mehr als zehn Jahre ist es her, als die Pädagogischen Hochschulen der Schweiz ungewollt mediales Interesse auf sich zogen. Grund für die Aufruhr war ein Artikel aus der Zürcher Studierendenzeitung, der die Problematik von evangelischen Christen im Studi-Alltag der PH Zürich thematisierte. Gesellschaft und Medien stiegen mit ein und begannen zu graben – das Schweizer Fernsehen drehte eine Reportage, die NZZ titelte mit den Worten: «Freikirchen drängen in die Schulen», medienunabhängige Diskussionspodien wurden organisiert. Die Angst vor missionierenden Lehrer*innen an Volksschulen wuchs quasi aus dem Nichts in den Köpfen der Eltern heran.

Dass sich heute, zehn Jahre nach der schweizweiten Empörung, nicht viel am Zustand in den Vorlesungssälen geändert hat, ist schwer anzunehmen. Auch 2019 gibt es an der PH Zürich gemäss Aussagen von verschiedenen Studierenden zahlreiche angehende Lehrpersonen, die einer Freikirche angehören: «In Gesprächen in und zwischen den Vorlesungen wird das Thema oft erwähnt», sagt ein junger Mann, der im 3. Semester studiert. Eine andere Studentin erzählt, dass es allgemein bekannt sei, dass viele Mitstudierende der Freikirche ICF angehören.

Auch das Schweizer Fernsehen berichtete im Oktober 2009 über die Thematik.


Da die Hochschule jedoch von einer Erhebung der Daten absieht, sind genaue Zahlen nicht bekannt. Auf die Frage, ob sich die Direktion der PH Zürich des Umstands bewusst ist, antwortet die Prorektorin Silja Rüedi diplomatisch: «Die PH Zürich anerkennt und schätzt die Vielfalt ihrer Mitarbeitenden und Studierenden.» Die obligatorische Lehrveranstaltung Religion – Schule – Gesellschaft sei dazu da, dass Studierende lernen, einen professionellen Umgang mit eigenen Überzeugungen im Kontext Schule zu pflegen.

Das neutrale Lehren?

Ein professioneller Umgang wird auch von der Bildungsdirektion auf kantonaler Ebene verlangt. So schreibt das Volkschulamt in einer Mail an Tsüri.ch: «Die öffentlichen Schulen sind den Grundwerten des demokratischen Staatswesens verpflichtet und haben sich in konfessionellen und politischen Fragen neutral zu verhalten.» Und weiter: «Der Grundsatz der politischen und konfessionellen Neutralität verbietet es der Schule, sich mit bestimmten religiösen, weltanschaulichen und politischen Anschauungen zu identifizieren.» Neutralität bedeute allerdings nicht, dass religiöse Fragen vom Unterricht auszuklammern wären.

Die 29-jährige Ronja* unterrichtet eine Klasse auf Primarstufe und hat sich «bewusst für ein Leben mit Jesus entschieden», wie sie selber sagt. Seit sie denken kann, ist die junge Lehrerin in einer Freikirche aktiv und hat vor kurzem gar einen Gebetstreff für Frauen ins Leben gerufen. Als religiös würde sich Ronja allerdings nicht bezeichnen: «Ich habe eine persönliche Beziehung zu Jesus, die völlig unabhängig von meiner Kirche ist.» Ihre jetzige Klasse wisse nichts von ihrem Glauben, würde aber ein Schulkind danach fragen, kommuniziere sie schon, dass sie an Jesus glaube. «Ich verstecke meine persönlichen Einstellungen nicht. Es ist aber wichtig, dass die Kinder verstehen, dass es sich dabei um meine eigene Meinung handelt – und es auch noch andere Meinungen gibt.»

Jeder Mensch hat ein Glaube in Form von Überzeugungen, die er anderen Menschen mitteilt – egal, ob Klimaaktivist*in, Freikirchen-Angehörige*r oder Flüchtlings-Helfer*in.
Ronja*, gläubige Lehrerin

Und bei einem kontroversen Thema wie Homosexualität? «Gott hat Mann und Frau füreinander geschaffen: nur da entsteht Leben», sagt Ronja. Sie ist sich aber bewusst, dass es Menschen gibt, die anders empfinden. Toleranz ist der jungen Frau wichtig: «Jeder Mensch hat ein Glaube in Form von Überzeugungen, die er anderen Menschen mitteilt – egal, ob Klimaaktivist*in, Freikirchen-Angehörige*r oder Flüchtlings-Helfer*in.» Die subjektive Einstellung drücke immer durch, ist Ronja überzeugt. Und trotzdem: «Ich hatte nie Probleme, dass mein Glaube den Lehrplan tangieren würde», sagt die Lehrerin.

Die relativierende Studie

Dass es durchaus möglich sei, als Lehrbeauftragte*n ihren*seinen religiösen Hintergrund nicht in den Schulunterricht miteinfliessen zu lassen, zu diesem Resultat kam auch eine Schweizer Nationalfonds Studie, die an der PH Bern durchgeführt wurde. Zwischen 2007 und 2009 befragte ein Soziolog*innen-Team über 500 Studierende zu ihrem Glauben – und ob dieser Einfluss auf die Art des zukünftigen Unterrichts hat.

Uns droht keine Gefahr durch PH Studierende, die einer Freikirche angehören.
Carsten Quesel, Bildungssoziologe

Die Forschungsarbeit, die unter der Leitung der Soziologin Caroline Bühler stand, brachte auch die in den Medien viel zitierte Aussage zu Tage, dass sich 15 Prozent der Studierenden der PH Bern «absolute Glaubensgewissheit» zuschreiben – also nicht an ihrer religiösen Überzeugung zweifeln würden. Doch abgesehen von der hohen Anzahl an gläubigen Studierenden im Verhältnis zu, konnten jegliche Thesen der Forscher*innen über eine Indoktrinierung von evangelikalen Christ*innen widerlegt werden.

Das andere Problem

Der Bildungssoziologe Carsten Quesel von der Fachhochschule Nordwestschweiz bezieht sich im Interview mit Tsüri.ch auf diese Studie und ist sich auch zehn Jahre danach noch sicher: «Uns droht keine Gefahr durch PH Studierende, die einer Freikirche angehören.» Den Schulkindern unterschiedliche Weltanschauungen nahezubringen, ohne ihnen die eigene aufzudrängen, sei eine klassische Anforderung an Lehrpersonen, so Quesel. Ausserdem sei weder die Hochschule noch später die Volksschule ein gutes Milieu für Fanatiker*innen: «Das Internet und soziale Nischen in trostlosen Quartieren bieten Fundamentalist*innenviel bessere Möglichkeiten, denn dort können sie sich abschotten.»

Wenn sich Minderheiten so fest die Ohren zuhalten, dass die Öffentlichkeit sie nicht mehr erreichen kann, sei dies Gift für ein demokratisches Land, sagt Quesel. Bezüglich der Schweizer Bildungspolitik ist gemäss dem Soziologen nicht die hohe Anzahl an Freikirchler*innen an PHs, sondern ein ganz anderes Phänomen besorgniserregend: Homeschooling. «Momentan haben wir mehr Probleme mit Eltern, die ihre Kinder in Filterblasen halten und ihnen so den Pluralismus verweigern.» Dies sei viel gefährlicher, als wenn gläubige Lehrpersonen an öffentlichen Schulen unterrichten würden.


*Name der Redaktion bekannt

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