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Bild: Ramadan Morina via Unsplash

«Ich fahre betrunken gleich gut wie nüchtern»

Alkohol fliesst selten in so rauen Mengen wie während der Weihnachtszeit: Apéros und Nachtessen enden meist in einem Rausch. Viele kämen nie auf die Idee in diesem Zustand Auto zu fahren und schwingen sich stattdessen auf das Velo. Dabei ist dies genauso riskant und verboten.
17. Dezember 2019
Praktikantin Redaktion

Weihnachten steht vor der Tür, die letzten Geschenke werden besorgt, die Kräfte für Familientreffen gesammelt. Das bedeutet meist auch, dass ein regelrechter Apéro- und Festtagsessen-Marathon bevorsteht. Immer mit dabei, die Lust sich einen Schwips anzutrinken (anders sind diese Feste auch selten zu bewältigen). Was man nach einer Völlerei bestimmt nicht möchte, ist, sich auf Google Maps eine ÖV-Verbindung vorschlagen zu lassen und in der Kälte auf den Bus, die Tram oder den Zug zu hetzen. Viel angenehmer: Sich spontan in das Auto oder auf das Velo setzen – unabhängig vom Alkoholpegel. So richtig schlau ist aber beides nicht, wie Erfahrungen und Unfallstatistiken zeigen.

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Eigenverantwortung vs. Restriktionen

Der Non-Profit-Verein Am Steuer Nie (ASN) beschäftigt sich seit vielen Jahren mit der Prävention von Autounfällen, die unter anderem wegen Einfluss von Alkohol- respektive Drogen passieren. «Mehr als 80 Prozent der Schweizer Bevölkerung trinkt gelegentlich Alkohol», erklärt die Geschäftsführerin und Psychologin Chantal Bourloud im Interview mit Tsüri.ch. Dadurch, dass Alkohol legal, einfach erhältlich und günstig ist, sei es die Substanz, mit dem höchsten Unfallrisiko.

Dass man sich selbst in grosse Gefahr bringt, verdrängen viele.
Chantal Bourloud von ASN

Es ist allgemein bekannt, dass Alkohol die Sinne benebelt und die Risikobereitschaft steigert. Sprich, wir wissen (fast) alle, wie sich ein ordentlicher Suff anfühlt. Die Fahrtüchtigkeit wird jedoch bereits bei kleinen Mengen enorm eingeschränkt. Aus diesem Grund ist das Lenken eines motorisierten Fahrzeugs in der Schweiz mit über 0,5 Promille auch verboten. Gemäss Unfallstatistik der Stadt Zürich verunfallten im Jahr 2018 immer noch 174 Personen aufgrund von Alkoholeinfluss am Steuer.

Eine Zahl, die ASN durch gezielte präventive Massnahmen versucht, zu verringern: «Das Ziel unserer Arbeit ist, mit erlebnisorientierten Veranstaltungen zu verantwortungsbewusstem Fahren zu befähigen – ohne moralischen Zeigefinger, dafür mit positiven Erinnerungen», so Bourloud.

Sicher mit dem Velo?

Dieses verantwortungsbewusste Fahren bezieht sich selbstverständlich nicht nur auf das vierrädrige Motorfahrzeug. Die meisten Bewohner*innen der Stadt Zürich sind sowieso mit dem Velo und nicht mit dem Auto unterwegs: Der Drahtesel ist Sommer wie Winter das liebste Fortbewegungsmittel von Stadtzürcher*innen. Und die wenigsten lassen ihn nach dem Besuch im favorisierten Lokal an der Langstrasse dort stehen. «Das geht schon noch» oder «Ich fahre betrunken gleich gut wie nüchtern» sind Standardsprüche eines jeden Velofahrenden, der*die sich nach einer durchzechten Partynacht oder einem Abend in der Lieblingsbar auf sein*ihr Zweirad schwingt. Aussagen, die nicht selten mit einem Besuch im Spital enden.


Deine betrunkenen Fahrskills in deinem Kopf:

Deine betrunkenen Fahrskills in der Realität:


2018 wurden in der Limmatstadt insgesamt 586 Velofahrende Opfer von Verkehrsunfällen. Rund 45 davon standen zum Zeitpunkt der Kontrollen unter Alkoholeinfluss, bestätigt die Stadtpolizei Zürich. Generell habe die Zahl von Unfällen mit Velofahrer*innen in den letzten sechs Jahren zugenommen, schreibt die Dienststelle für Verkehr auf Anfrage von Tsüri.ch. Seit Jahren versucht die Stadt, die Zahl der Velounfälle zu senken – mit mässigem Erfolg, wie die Statistik und aktuelle Meldungen offenbaren.

Teuer bezahlt

Mal ganz abgesehen von der Grundproblematik einer unzureichenden Velo-Infrastruktur in Zürich, sind Verkehrsunfälle mit alkoholisierten Teilnehmer*innen vermeidbar – egal, ob Auto oder Velo. Dieser Meinung ist auch Bourloud: «Nach wie vor denken viele, dass mit dem Velo eigentlich nicht viel passieren kann.» Tatsächlich sei die Fremdgefährdung als Velolenker*in natürlich sehr gering, so die Expertin. «Dass man sich selbst aber in grosse Gefahr bringt, verdrängen wiederum viele.» Auch die Tatsache, dass das Fahren eines Zweirads in alkoholisiertem Zustand ebenso verboten ist wie Trunkenheit am Steuer, würden erfahrungsgemäss viele nicht wissen, so Bourloud.

Dabei ist die Gesetzeslage sehr klar: «Die Strassenverkehrsgesetzgebung unterscheidet bei Alkohol- und Drogenkonsum nicht zwischen Zwei-, Vier- oder Mehrrädern», schreibt Thomas Rohrbach vom Bundesamt für Strassen ASTRA in einer E-Mail an Tsüri.ch. Wer betrunken Velo fährt, muss also bei einer Polizeikontrolle oder im Falle eines Unfalls mit einer Busse rechnen. Diese kann mehrere Hundert Franken betragen.

Mythen und Tatsachen

Die verbreitete Annahme, dass bei einem Promillewert von über 0,5 einem auch gleich der Führerausweis entzogen wird, stimmt hingegen nicht: Das Strassenverkehrsamt würde «jeden Fall einzeln beurteilen». Bei offensichtlichem Drogenkonsum oder über 2,5 Promille im Blut könne jedoch eine Fahreignungsprüfung angeordnet werden, schreibt das Amt weiter. Nur wenn es zu einer solchen Abklärung kommen würde und diese ergibt, dass die Person körperlich, geistig oder charakterlich nicht in der Lage sei, ein Motorfahrzeug auf öffentlichen Strassen zu lenken, müsse mit einem Entzug des Führerausweises gerechnet werden. Als mildere Massnahme könne ausserdem bei einem Wert von über 1,6 Promille eine Verwarnung oder ein so genanntes Fahrradfahrverbot verhängt werden.

Die Strassenverkehrsgesetzgebung unterscheidet bei Alkohol- und Drogenkonsum nicht zwischen Zwei-, Vier- oder Mehrrädern.
Thomas Rohrbach vom Bundesamt für Strassen ASTRA

Doch Verbote und Strafen hin oder her: Eigentlich wissen wir doch alle, dass das Velofahren in alkoholisiertem Zustand mit einem erheblichen Risiko verbunden ist. Jede*r von uns kennt wohl irgendjemand, der*die sich schon einmal bei einer feucht-fröhlichen Fahrt ins Partyvergnügen oder auf dem Weg nachhause verletzt hat.

Weshalb machen wir es denn trotzdem? «Leichtsinn, Bequemlichkeit, Uneinsichtigkeit, Selbstüberschätzung, gesteigerte Risikobereitschaft – und der Glaube, dass einem selbst sicher nichts Schlimmes passiert», fasst die Geschäftsführerin von ASN zusammen. Das sei psychologisch gesehen gar keine schlechte Grundeinstellung, weil Angst meistens eine schlechte Begleiterin ist. Trotzdem mahnt Bourloud: «Im Strassenverkehr ist Vorsicht und Vernunft die weit sicherere Strategie.»

Vielleicht gewinnt beim nächsten Weihnachts-Rausch also doch die Vernunft und man entscheidet sich für die Heimreise mit dem ÖV.


Im Nachtbus dann so:

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