K.I.Z.-Frauenkonzert: «Die Männer werden ein einziges Mal benachteiligt. Come on!»

Auf der aktuellen K.I.Z. Tournee wird nur Frauen Einlass gewährt. Hat #metoo absurde Züge angenommen? Nein, aber an einem Rap-Konzert unter sich können Frauen sorgenfrei die Sau rauslassen. Ein Abend mit verdammt viel Spass und ganz nebenbei ein Zeichen dafür, dass sich der Feminismus verändert hat.
08. März 2018

Im Vorfeld sorgte die K.I.Z. «Nur für Frauen»-Tournee für hitzige Diskussionen, sowohl unter Männern als auch unter Frauen. Der Vorwurf der Kontraproduktivität durch das Schaffen von Schutzräumen stand im Raum. Die Rap-Crew gibt jedoch bereits seit 2011 immer am Frauentag ein Konzert, das nur von Frauen besucht werden darf. Dass ein solches Konzert im ausverkauften Zürcher Dynamo stattfindet, ist jedoch neu. Ist es anders, nur vor Frauen aufzutreten? Was bewegt Frauen dazu, an ein Konzert zu gehen, das explizit nur für sie bestimmt ist? Dass K.I.Z. ein Garant für gute Konzerte sind, liess Gutes verhoffen.

Bild: alle Bilder von der Autorin (tsüri.ch)

Bereits am Eingang stehen nur weibliche Securities. Die Vorband spielt bereits, doch vor der Garderobe bildet sich eine Schlange bis in den ersten Stock des Treppenhauses. Alle wollen ihre Jacken abgeben - zu Recht, wie sich später herausstellen wird. Im zweiten Stock stehen zwei Frauen mit Glitzer im Gesicht. Sie sind K.I.Z. Fans der ersten Stunde, waren schon an vielen Konzerten der Band. «Dass es dieses Mal nur für Frauen ist, ist geil!». Sie hätten zwar in ihren feministischen Gruppen auch kontroverse Ansichten gehabt darüber, ob es in Ordnung sei, Männer kategorisch von einem Anlass auszuschliessen. «Aber Frauen werden so oft benachteiligt. Die Männer werden nun ein einziges, f***ing Mal benachteiligt. Come on! Es wird ein richtig geiler Abend werden, Alter!» Drei andere Frauen der Gruppe stürzen sich lachend ins Bild.

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Oben angekommen ist der Saal bereits fast bis zur hintersten Ecke gefüllt. Einzig vor der Bar ist noch Platz. Sowohl vor als auch hinter dem Tresen stehen nur Frauen. Es herrscht kein Gedränge, niemand muss sich neben gross gewachsenen Männern bemerkbar machen. Eine Frau mit vier Plastikbechern, bis zuoberst gefüllt mir Bier, geht an mir vorbei. Wie an den meisten Konzerten wird auch hier in erster Linie Bier bestellt. Schliesslich kann heute ausnahmsweise auch das Männer-WC benutzt werden.

«...und vor allem gibt es keine zwei Meter grossen Frauen», bemerken zwei Besucherinnen. Einzig Frauen, die ihre Haare zurechtrücken, könnten zu einem Problem werden, meinen sie.

Der Kampf bis in die vorderste Reihe samt Kamera und Bier ist hart. Nicht dass rumgezickt würde, aber niemand gibt den Platz vor ihr gerne frei. Zuvorderst angelangt, möchten zwei Frauen fotografiert werden. Auch sie seien nicht nur gekommen, weil es ein Frauenkonzert ist. Sie sind eingefleischte K.I.Z. Fans. «Und mal wieder etwas mit den Weibern unternehmen ist doch geil.»

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Die ersten Synthesizerklänge und die Glockenschläge im Intro der K.I.Z.-Hymne «Wir» erklingen. Nico, Maxim und Tarek betreten die Bühne in Tütü, Nonnen-Kostüm und rotem Seidebademantel. Das Publikum schreit und kreischt. Ab der ersten Line wird unisono mitgerappt und gebounct. Beim Refrain singen alle Frauen: «Haben niemals uns’ren Arsch verkauft, haben Pyramiden auf dem Mars gebaut». Die Mehrheit scheint alle Songs auswendig zu kennen (Anm. der Red.: Video am Ende des Beitrages). Die meisten Besucherinnen sind zwischen 20 und 30 Jahre alt. Manche waren wohl schon vor zehn Jahren am ersten Schweizer K.I.Z. Konzert im Dynamo dabei, andere kennen die Band erst seit ihrem letzten Album. Die poppigeren Hits wie «Geld» werden zum Einwärmen gespielt.

Die Stimmung ist gut, der Laden voll und vom Tanzen kommen langsam alle ins Schwitzen. Frauen beginnen ihre Pullover und T-Shirts auszuziehen. «Heute glotzt ja niemand», sagt eine Frau neben mir.

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Die Stimmung wird wilder, das Bouncen kippt bald in ein Springen und Pogo über. Becher fliegen, Schuhe gehen verloren und K.I.Z. sagen: «Manche haben das im Vorfeld falsch verstanden. Wir wollen keine Schutzräume für euch. Wir wollen, dass alle Räume vor euch geschützt werden müssen.» Zustimmendes Schreien und Johlen, beim nächsten Song dreht die Menge durch. «Boom Boom Boom Boom, ich bring euch alle um, bring euch alle um, bring euch alle um...». Ist es ok so etwas zu schreien? Es folgen Songs mit Titeln wie «Ich bin Adolf Hitler» oder «In seiner Mutter». K.I.Z. sind bekannt für ihre derbe Sprache und Satire, doch wer das Gesamtwerk der Band nicht kennt, den können solche Texte schockieren. K.I.Z. tragen Frauenkleider und machen mit kurzen Ansagen zwischen den Songs immer wieder klar, dass diese Texte ironisch gemeint sind. Die Frauen scheint es jedenfalls nicht zu stören. Die Begeisterung nimmt keinen Abbruch. Erst als Maxim bewusst provoziert und sagt, dass die Frauen erst mit dem Erfolg zu Fans werden, erntet er einen kollektiven Stinkefinger.

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Maxim lacht zufrieden und es folgen einige ganz alte Songs. Es geht mit der gleichen Energie weiter. Besonders beim Song «Ehrenlos» drehen alle Frauen durch. Ja, heute Abend sind hier in der Tat alle Frauen ehrenlos. Hier muss keine Frau fremd definierter Ehre, Stolz oder sonstigen abstrusen gesellschaftlichen Normen gerecht werden. Das Publikum ist ein Abbild des heutigen Feminismus’ junger Frauen in der Schweiz. Manche Frauen sind geschminkt, andere nicht, manche tragen kurze Haare, andere langes Haar bis zum Po. Von Hot Pants bis zu Antifa-Hoodies ist alles anzutreffen.

Aus den Boxen erklingt plötzlich Whitney Houstons «I will always love you». Ein bisschen Klischee muss doch sein. Alle stimmen spontan ein. Zwei Frauen im Publikum küssen sich, es interessiert rundherum niemanden.

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Nach etwas mehr als einer Stunde und einer Zugabe ist dann endgültig Schluss. Zwei Frauen riechen sich gegenseitig unter den Achseln, versichern sich per Kopfschütteln, dass geruchlich alles in Ordnung ist. Die Mehrheit stürmt zur Garderobe, um den letzten Zug nach Bern, Luzern oder in die Agglomeration zu erwischen. Die hartgesottenen Fans stehen am Merchandise-Stand an und kaufen dem Herrn in Frauenkleidung ein Tournee-Shirt oder ein Poster ab. Nach einer Weile kommt auch die Band aus dem Backstage, noch immer in Frauenkleidung. Brav machen sie mit allen Selfies. «Darf ich mal deine Brüste anfassen?», wird ein Bandmitglied von einem weiblichen Fan gefragt. «Geht’s eigentlich noch?», antwortet dieser mit ironisch-sarkastischer Empörtheit.

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Um halb zwölf schmeissen die weiblichen Securities freundlich, aber bestimmt die letzten Besucherinnen aus dem Dynamo. Vor dem Dynamo liegt ein verlorenes Tour-Shirt auf dem nassen Asphalt. «Wir waren zuvor noch nie an einem K.I.Z. Konzert, aber was diese Band heute Abend geboten hat, war erste Klasse», sagen Aliyah und ihre Kollegin. Sie seien nicht generell für geschlechtergetrennte Konzerte, aber das sei ein einmaliges Erlebnis gewesen.

Der Women’s March vergangenes Jahr war, was die Energie betrifft, nichts gegen diesen Abend. Der Feminismus und #metoo seien ein Hype gewesen, der schon wieder am Verebben ist, hiess es in manchen feministischen Kreisen. Die Frauen im Dynamo haben am Dienstagabend das pure Gegenteil bewiesen. Jede interviewte Frau hatte sich in irgendeiner Art und Weise mit feministischen Themen auseinandergesetzt. Was wir mitnehmen, sind Erinnerungen und das Wissen darum, dass wir gemeinsam stark sind. Frau sein ist verdammt geil.

(Oder in den Worten von K.I.Z.: «Nutten aller Länder, vereinigt euch!» :D)

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