Tsüri-Chopf Bence Komlosi: «Ich will inklusive Städte und Gesellschaften bauen!»

Er kam in die Schweiz, um die Demokratie zu lernen. Unterdessen hat Tsüri-Chopf Bence Komlosi die NGO «Architecture for Refugees» gegründet, mit welcher er Räume und Städte schaffen will, in denen sich auch Geflüchtete Zuhause fühlen.
11. Januar 2018

Wer bist du und was hat dich zu der Person gemacht, die du heute bist?

Ich bin ein Ungar in der Schweiz und lebe in Zürich. Ich bin Architekt und «Doctor of Liberal Arts»-Kandidat. Demokratie, Nachhaltigkeit, Egalität, Diversität, Forschung, Architektur und Bildung sind die Hauptthemen, für die ich mich aktiv engagiere. Ich komme aus einer kommunistischen Kleinstadt. Demokratie ist etwas ganz Neues für mich und für meine Familie. Eigentlich bin ich deswegen in die Schweiz gekommen: um Demokratie zu lernen.

Du bist Mitgründer von «Architecture for Refugees Schweiz». Warum hast du diese Organisation ins Leben gerufen?

Im Jahr 2015 haben wir die «Architecture for Refugees» gegründet, um auf einem internationalen Niveau arbeiten zu können. Im November 2016 kam dann der Schweizer Ableger dazu, weil wir unsere Kenntnisse auch national nutzen wollten. Unser Ziel ist es, die architektonischen Aspekte der Flüchtlingskrise zu verstehen und mit unseren Werkzeugen die Flüchtlinge zu unterstützen. Wir möchten Räume und Städte schaffen, in denen sich Flüchtlinge wohl fühlen und ein normales Leben führen können.

Nach einem Jahr kennen wir die Probleme und wissen, wie soziale, räumliche und kulturelle Segregation funktioniert.

Brauchen Flüchtlinge andere Häuser?

Nein, überhaupt nicht. Wie Kilian Kleinschmidt (ehemaliger Mitarbeiter des Flüchtlingskommissariats der Vereinten Nationen) sagt: «Flüchtlinge sind keine andere Rasse». Sie haben die gleichen Bedürfnisse wie wir. Sie fühlen sich wohl, wenn sie nicht mehr als «sie und wir» bezeichnet werden, sondern einfach Nachbarn oder Kollegen sind. Unsere Erfahrung zeigt, dass dies in der Schweiz noch nicht der Fall ist. In anderen Ländern ebenso wenig, aber das ist ein anderes Thema. Wenn wir eine Gesellschaft aufbauen wollen, wo sich Geflüchtete, Arme, Senioren und Behinderte gleichsam wohlfühlen, brauchen wir neue Räume und Strategien.

Was sind die Herausforderungen und Ziele dieses Projekts?

Nach einem Jahr kennen wir die Probleme und wissen, wie soziale, räumliche und kulturelle Segregation funktioniert. Wir wollen neue Lösungen entwickeln. Wir entwerfen private, gemeinschaftliche und öffentliche Räume, wo interkulturelles Leben stattfinden kann. Darin enthalten sind auch Räume, die eine Plattform bieten für interkulturelle Programme und Austausch.

Profit generiert so viel Ungleichgewicht.

Hast du neben diesen ambitionierten Projekten überhaupt noch Freizeit?

Solch inklusive Gesellschaften und Städte zu entwickeln und zu bauen, reicht mir als Ziel. Mit meiner Partnerin und meinen Kollegen arbeiten wir fast 24/7, um dieses Ziel zu erreichen. Wir nutzen unsere Konferenz- und Feldforschung-Reisen als Urlaub oder wir grillieren auf der Fritschiwiese mit Menschen aus anderen Kulturen. Es gibt leider immer weniger öffentliche Subventionen, um diese Arbeit weiterzuführen. Das kapitalistische System anerkennt die Wichtigkeit von solchen Projekten noch nicht.

Wenn du einen Tag lang als König in Zürich regieren könntest, was würdest du als erstes ändern?

Ich würde sofort eine direkte Demokratie aufbauen. Ich würde Einzelpersonen in unserer Gesellschaft in die Projekte involvieren und die «Bottom-up»-Initiativen unterstützen. Und mit Sicherheit auch alle Nonprofit-Organisationen fördern. Profit generiert so viel Ungleichgewicht. Unsere Gesellschaft sollte nicht nach Geld als streben. Werte wie soziale und kulturelle Vielfältigkeit, Egalität und ökologische Nachhaltigkeit sind viel wichtiger.

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