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Mittels der ungewöhnlichen Erzählweise wird Anthonys Erkrankung sinnlich erlebbar. (Foto: Ascot Elite Entertainment Group. All Rights Reserved.)

Prime Time: Baum ohne Blätter

Anthony Hopkins ist in «The Father» eine Naturgewalt, der man sich nur schwer entziehen kann. Doch das wahre Herzstück des Films ist die ungewöhnliche Erzählweise.
25. Juni 2021

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Text: Sarah Stutte

Es gibt viele gute Filme über Alzheimer. Doch kein Film über diese schwere Topik ist beängstigender und unmittelbarer als Florian Zellers kammerspielartiger «The Father», weil er den Zuschauer von Beginn an mit sich in den Abgrund der totalen Orientierungslosigkeit zieht. Indem das Geschehen rein aus der verwirrten Perspektive der an Alzheimer erkrankten Hauptfigur – dem 80-jährigen Anthony – erlebt wird, ist in jeder Minute nachzuempfinden, wie sich dieser gefangen in sich selbst fühlen muss.

Wir sehen und sehen nicht, was er sieht und was er nicht sieht. Wir nehmen an, dass bestimmte Dialogpassagen in der Realität stattfinden – nur um dann zu erfahren, dass sie es nicht tun. Wir erleben mit Anthony die scheinbar schrittweise Verschlechterung seines Zustands, die desorientierenden Zeitsprünge und Zeitschleifen. Menschen verwandeln sich in andere Menschen. Situationen entziehen sich. Die Einrichtung der Wohnung scheint sich plötzlich zu verändern. Eine Szene, die scheinbar sequenziell auf die vorhergehende folgte, entpuppt sich als vorausgegangen oder als Anthonys Wahnvorstellung oder seine Erinnerung an etwas anderes. Und immer wieder tauchen neue, ihm unbekannte Personen auf.

Anthony Hopkins spielt den immerzu zwischen Charme und Wutausbruch Schwankenden, der über seine eigenen Erinnerungen stolpert, unglaublich gut. Nicht nur, weil der französische Dramatiker und Schriftsteller Zeller, der den Stoff nach seinem eigenen preisgekrönten Theaterstück verfilmte, Hopkins den Part auf den Leib schrieb und dieser dafür in diesem Jahr mit dem Oscar als bester Hauptdarsteller ausgezeichnet wurde. Auch, weil er den Mut hatte, sich in seinem hohen Alter in eine solche Rolle zu begeben, die ihm nicht nur körperlich, sondern auch seelisch viel abverlangte und seine Performance sehr authentisch wirken lässt. «Es fühlt sich so an, als würde ich alle meine Blätter verlieren», sagt er in einer Szene und wirkt dabei so hilflos, dass einem das Herz schwer wird.

Seine Angst über die Veränderungen, die er nicht versteht und nicht einzuordnen weiss, ist genauso gross wie das Verantwortungsbewusstsein seiner Tochter, die ihn zu Hause pflegt. Diese wird nicht minder herausragend gespielt von Olivia Coleman, die für ihre Leistung ebenfalls für einen Oscar nominiert wurde. Sie erträgt ruhig jedes Wechselbad der Gefühle ihres Vaters und ist innerlich selbst zwischen Geduld und Verzweiflung zerrissen. «The Father» führt uns nicht nur die Tragik des Vergessens vor Augen, sondern geht auch durch eine intensive Vater-Tochter-Beziehung den schweren Weg des Loslassens. Ein erschütternder Film über Trauer und Vergänglichkeit, der uns erfahren lässt, wie es ist, an der eigenen Wahrnehmung zu zweifeln.

Kleiner Fun Fact am Rande: Anthony Hopkins verschlief seinen Oscargewinn und erfuhr erst per Telefon, dass er als ältester Darsteller überhaupt zum zweiten Mal den Goldjungen gewonnen hatte.

Regie: Florian Zeller, mit: Anthony Hopkins, Olivia Coleman.

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