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Zahraa Ghandour, die Amal darstellt, hatte zunächst Bedenken im Film mitzuspielen. Bild: zVg.

«Baghdad in my Shadow»: Zwischen Zwang und Freiheit

Am 28. November feierte der Film des Zürcher Regisseurs Samir «Baghdad in my shadow» Schweizer Premiere. Der Thriller bricht mit Tabus, auch im realen Leben.
30. November 2019
Redaktorin

Amal arbeitet im Café Abu Nawas, einem beliebten Treffpunkt für Exil-Irakis in London. Im Irak war Amal Architektin, in London serviert sie Çay und Kaffee. Um ihrem kriminellen und gewalttätigen Ex-Mann zu entkommen, floh sie nach England und schaffte sich eine neue Identität. Das Café und seine Stammgäste, die zugleich Amals Freund*innen sind, sind ihre Verbindung zu ihrer früheren Heimat. Da ist Taufiq, ein irakischer Dissident unter Saddam Hussein und Atheist, der gerne Dichter wäre. Er arbeitet stattdessen als Nachtwächter im British Museum und sieht sich mit den religiös-fanatisch anmutenden Anwandlungen seines Neffen Naseer konfrontiert. Und Muhanad, der schwul ist und nach London floh, weil Schwulen und Lesben im Irak noch immer die Todesstrafe droht.

Trotzdem sind die Protagonist*innen nicht komplett von ihren Zwängen befreit, auch nicht in London.

Tabus brechen

Dem schweizerisch-irakischen Regisseur Samir ist mit «Baghdad in my Shadow» ein vielschichtiger Thriller gelungen, der gleichzeitig mehrere Tabus der islamischen Gesellschaft angeht. Jede Figur trägt einen repräsentativen Konflikt in sich, die sie in der zweiten, in der britischen Heimat zu verhandeln hat. Wie Amal, die ihre Rolle als junge Frau in der westlichen Gesellschaft neu auszuloten versucht, einen Engländer datet und dabei feststellt, dass es sie trotzdem beschäftigt, was ihre irakischen Freund*innen deshalb von ihr denken. Oder Muhanad, der damit hadert, offen zu seiner Homosexualität zu stehen, ebenfalls aus Angst, man könne ihn verurteilen. Und Taufiqs Neffe Naseer, ein orientierungsloser Teenager, der fest davon überzeugt ist, den «richtigen» Islam leben zu wollen und sich so in die Fänge des radikal-islamistischen Scheich Yasin begibt, der seine Predigten in einer Hinterhofmoschee Londons abhält. Nassers Konflikt, der zunächst bloss unterschwellig zu brodeln scheint, ist es, der schliesslich die Kumulation und Kulmination der Konflikte aller Figuren auslöst.

Unnahbare Figuren

Erzählt werden diese einzelnen Schicksale, die doch ineinander verwoben sind, fragmentarisch und ständig wechselnd. Dieses Stilmittel erlaubt den Zuschauer*innen einen Einblick in die Vergangenheit dieser Protagonist*innen, die ihre Entscheidungen, Zweifel und Ängste im Jetzt erklären und nachvollziehen lassen. Was damit aber abnimmt, ist die Tiefe der Figuren, da dem Publikum keine Zeit bleibt, sich auf die Charaktere intensiver einzulassen. Es überrascht darum im ersten Moment auch, dass nur Amal als Hauptdarstellerin des Film auf allen Plakaten zu sehen ist, da sie doch im Vergleich zur Figur Taufiq etwas flach bleibt, da es eigentlich er ist, der den Knotenpunkt der Geschichte darstellt. Und trotzdem möchte man auch über Taufiq mehr erfahren, der in Ansätzen eine kluge, melancholische, zwiespältige und deshalb so interessante Person darstellt, an die man aber nicht so recht rankommt.

Meine Familie wird den Film sehen, meine Freunde, die Leute, mit denen ich arbeite. Ich habe Angst davor. Aber ich bin auch bereit, nicht mehr zu lügen.
Zahraa Ghandour (Amal)

Reale Ängste

Dass man Amal, also Schauspielerin Zahraa Ghandour, zum Gesicht des Films gemacht hat, kann aber auch als progressiver Schachzug gewertet werden. Einer jungen irakischen Frau wird so eine internationale Plattform geboten. Ghandour ist nicht bloss Schauspielerin, sondern auch feministische Aktivistin. Die Irakerin kämpfte trotzdem lange mit sich, bevor sie Regisseur Samir ihre definitive Zusage für die Rolle in seinem Film gab. Ähnlich wie ihre Figur Amal, fürchtete Ghandour das Urteil der irakischen Community und ihrer Familie. In einem Interview sagte sie: «Ich will das nicht verheimlichen, es war meine Entscheidung, mitzumachen. Meine Familie wird den Film sehen, meine Freunde, die Leute, mit denen ich arbeite. Ich habe Angst davor. Aber ich bin auch bereit, nicht mehr zu lügen. Und ich bin stolz auf den Film.»

Die Parallelen der weiblichen Hauptfigur zu dessen Darstellerin verdeutlichen nur, wie real die gesellschaftlichen Konflikte rund um Identität und Wertevorstellungen für Migrant*innen sind.

Kämpfen für den Support der Heimat

In einem Instagrampost erklärte Ghandour kürzlich, dass sie sich wünschen würde, den Film bald im Irak zeigen zu können. Das sei aber momentan noch schwierig, da der Film «sehr sensible politische und soziale Themen» aufgreife. Auch Samir erklärte, dass das nur ginge, wenn sie alle «heiklen» Szenen, wie die Sexszenen, rausschneiden würden. Ghandour schrieb abschliessend in ihrem Post: «It might take some time but we won't give up on our right to show the film in our country. Your support means the world to us.»

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