Von Jessica Sigerist

Gründerin untamed.love

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28. Mai 2022 um 05:00

Baden mit Brüsten

Unsere Kolumnistin Jessica Sigerist versucht logisch herzuleiten, warum sich einige Menschen oben ohne zeigen dürfen und andere nicht. Sie scheitert kläglich. Dabei wollte sie doch eigentlich nur baden gehen.

Illustration: Artemisia Astolfi

Endlich kommt der Sommer wieder und ich freue mich schon darauf, einen Grossteil meiner Zeit in der Badi zu verbringen, denn ich bade sehr gerne. Was ich auch sehr gerne mag, sind Brüste. Also im Generellen aber auch ganz spezifisch meine Brüste. Und meine Brüste mögen die Kühle des Wassers und die Wärme des Sonnenlichts. Womit wir bereits bei der Herausforderung des Themas «Baden mit Brüsten» wären: An den meisten Orten sind ihnen diese Sinneswahrnehmungen vergönnt. Ich muss meine Brüste beim Baden bedecken und ich frage mich: Warum ist es Menschen gewisser Geschlechter erlaubt oben ohne zu baden und anderen nicht?

Was sind Brüste?

Dazu muss erst mal die Frage geklärt werden, was Brüste überhaupt genau sind. Gemäss Definition bestehen Brüste aus Fett- und Bindegewebe, Brustdrüsen und Nippeln. Und zwar bei Menschen allen Geschlechter. Jawohl, auch Menschen, die dem männlichen Geschlecht zugewiesen wurden, haben Brustdrüsen. In einigen Fällen erleben sie sogar einen Milcheinschuss und können ein Kind stillen. Gleichzeitig gibt es auch Brüste, die andersartig beschaffen sind und beispielsweise Silikon enthalten. Das scheint aber bei der Bedeckungsfrage nicht die ausschlaggebende Rolle zu spielen. Es ist jedenfalls nicht so, dass «weibliche» Brüste irgendeine exklusive Geheimzutat enthalten würden, die eine andere Behandlung rechtfertigen würde.

«Nippel von Menschen mit einem Penis hingegen haben keinerlei Sinn und Zweck, ausser so ein bisschen erogene Zone sein.»

Jessica Sigerist

Wenn es nicht um das Innendrin geht, geht es vielleicht eher um das Aussehen. Intressanterweise ist ja das, was an der Brust zwangsläufig bedeckt werden muss – egal ob in der Badi oder auf Instagram – gar nicht die Brust an sich, sondern der Nippel. Das ist deswegen bemerkenswert, weil es beim Aussehen der Nippel nun wirklich keine nennenswerte Unterschiede zwischen den Geschlechtern gibt. Nippel sind nicht der Grund dafür, dass eine Brust als «Brüste» gelesen wird oder nicht. Es ist vielmehr das Drumherum.

Es ist naheliegend zu argumentieren, dass es eben genau um dieses Drumherum geht: Sichtbar gewölbte Brüste müssen verhüllt werden, während eine flache Brust stolz geschwellt zur Schau gestellt werden darf. Diese Argumentation enthält immer noch keine Begründung, warum das so ist, aber sie erklärt immerhin, wie die Unterscheidung getroffen wird. Doch ein Blick auf die Badegäste rundherum genügt, um zu erkennen, dass sie der Realität nicht standhält: Ich sehe grosse und kleine, straffe und schlaffe Brüste an mir vorbeiziehen. Alle unbedeckt, da sie sich an männlichen Körpern befinden.
Währenddessen ernten als weiblich gelesene Personen strenge Blicke, auch wenn sie ihre noch so flachen Oberkörper präsentieren.

Sexualisierte Oberkörper

Die Ungleichbehandlung verschiedener Brüste hat also weder mit deren Beschaffenheit noch mit deren Ausprägung und schon gar nichts mit dem Aussehen der Nippel zu tun. Sie muss also etwas mit der Geschlechtsidentität der Person zu tun haben, an der sich die Nippel befinden. Brüste an einem Männerkörper: Bitteschön, geniesst die milde Brise. Brüste an einem Frauenkörper: Bedecket euch, ihr sündigen Sakrilege fleischlicher Lust!

Brüste von weiblich gelesenen Menschen werden also sexualisiert und solche von männlich gelesenen Menschen nicht. Was ich persönlich ja auch komplett unlogisch finde. Nippel von Menschen mit Uterus haben immerhin – zumindest in der Theorie – eine Funktion: Sie können ein Kind ernähren. Nippel von Menschen mit einem Penis hingegen haben keinerlei Sinn und Zweck, ausser so ein bisschen nett aussehen und so ein bisschen erogene Zone sein. Die fläzen da also träge dahin, in Wollust und Eitelkeit. Es würde so viel mehr Sinn machen sie zu sexualisieren als ihre hartarbeitenden, das Überleben der Spezies sichernden Pendants.

Wenn wir also Oberkörper von Frauen sexualisieren und Oberkörper von Männern nicht, ganz unabhängig davon ob und was für Brüste und Nippel an ihnen dran sind, dann stellt sich die Frage: Was machen wir mit Oberkörpern von nicht-binären Menschen? Was machen wir mit denen von intergeschlechtlichen Menschen und denen von Menschen, denen wir ihre Geschlechtsidentität nicht ansehen? Und was um Himmelwillen machen wir mit Menschen, die nur eine Brust haben? Sollen wir sie sexualisieren oder nicht? Müssen sie sich bedecken oder nicht? Das Thema ist wirklich unglaublich kompliziert. Dabei gäbe es eigentlich eine so einfache Lösung: Lassen wir doch einfach alle Menschen oben ohne baden gehen, wenn sie Bock drauf haben. 

(Foto: Elio Donauer)

Jessica Sigerist

Kolumnistin Jessica Sigerist ist Zürich geboren und aufgewachsen. Sie wusste schon früh, woher die Babys kommen. In ihrer Jugend sammelte sie schöne Notizbücher, alte Kinokarten und Zungenküsse. Sie studierte Ethnologie (halbmotiviert) und das Nachtleben Zürichs (intensiv). Nach vielen Jahren in der Sozialen Arbeit hatte sie die Nase voll, nicht vom Sozialen, aber von der Arbeit. Sie packte wenig Dinge und viel Liebe in einen alten Fiat Panda und reiste kreuz und quer durch die Welt. Sie ritt auf einem Yak über das Pamirgebirge, überquerte das kaspische Meer in einem Kargoschiff und blieb im Dschungel von Sierra Leone im Schlamm stecken.

Auf ihren Reisen von Zürich nach Vladivostock, von Tokio nach Isla de Mujeres, von Tanger nach Kapstadt lernte sie, dass alle Menschen eigentlich dasselbe wollen und dass die Welt den Mutigen
gehört. Wieder zurück beschloss sie, selbst mutig zu sein und gründete den ersten queer-feministischen Sexshop der Schweiz. Seither beglückt sie Menschen mit Sex Toys und macht lustige Internetvideos zu Analsex, Gleitmittel und Masturbation. Jessica liebt genderneutrale Sex Toys, Sonne auf nackter Haut und die Verbindung von Politik und Sexualität. Sie ist queer und glaubt, dass Liebe grösser wird, wenn man sie teilt. Mit ihrem Partner und ihrem Kind lebt sie in Zürich.