Ausgerechnet beim Globus-Provisorium: Kreative fordern ein neues Jugendzentrum

Der Coop soll weg
29. Mai 2015
  • Der Coop soll von der Bahnhofsbrücke verschwinden. Dies fordert der «Verband Kreativwirtschaft Schweiz».
  • Der Vertrag zwischen der Stadt und dem Detailhändler läuft Ende Jahr aus, dürfte aber bis spätestens 2019 verlängert werden.
  • Was die Kreativen mit dem Globus-Provisorium anstellen wollen, liest du hier im Interview mit dem Präsidenten Andrew Katumba.
Herr Katumba, warum wollen Sie den Coop aus dem Globus-Provisorium beim HB vertreiben? Der Mietvertrag mit dem Coop läuft Ende 2015 aus. Der Gemeinderat hat letztes Jahr den Stadtrat beauftragt nun definitiv eine neue Nutzung für das Provisorium zu finden, das nun notabene seit über 50 Jahre besteht. Wir fordern einen partizipativen Planungprozess unter Einbezug einer breiten Bevölkerung.

Was planen Sie? Wir möchten in den Räumlichkeiten des Provisoriums eine Zukunftswerkstatt einrichten, mit Co-Working-Büros, Werkstätten und öffentlichen Ausstellungs- und Begegnungsorten. Wir möchten einen Denk-Frei-Raum. Ein Ort, wo junge Leute frei und ohne Scheuklappen über gesellschaftliche und technologische Entwicklungen nachdenken und diskutieren können. Zürich braucht ein nonkonformes Laboratorium der jungen Generation für die Zukunft.

Genau an diesem Ort haben die Globus-Krawalle begonnen und die Stadt auf den Kopf gestellt. Haben Sie bewusst einen geschichtsträchtigen Ort ausgesucht? In erster Linie haben wir uns nach künftigen Frei-Räumen im Stadtzentrum umgesehen. Erst bei unseren Recherche haben wir die historische Bedeutung dieses Standortes entdeckt, woraufhin wir uns entschlossen haben eine Informationswebseite aufzuschalten www.globus-provisorium.ch. Am selbigen Standort wurde bereit 1524 das Papier für die bekannte Zürcher Bibel geschöpft und ja es war auch der Ort der ersten gesellschaftspolitischen Unruhen im Jahre 1968.

papierwerd1

Wie soll der neue Kreativ-Tempel organisiert werden? Entscheidet der federführende Verband der Kreativwirtschaft? Wir sehen uns in erster Linie als Enabler und nicht als Betreiber. Unser Ansatz greift die ursprüngliche Idee von Otto Baumann und Paul Früh auf, die am selbigen Ort bereits 1968 ein autonomes Jugendzentrum forderten. Wir fordern nun quasi ein Jugendzentrum 2.0. Dieses soll sich ebenfalls autonom organisieren. Einzige Bedingung unsererseits wäre, dass die Projektateliers für maximal 12 Monate vermietet werden und darin eine ständige Umwälzung stattfindet. Auf dem Dach soll eine Urban-Gardening-Terrasse mit Restaurant betrieben werden und im Erdgeschoss sollen in der Ausstellungshalle innovative Alpha- und Beta-Produkte aus den oberen Stockwerken der Öffentlichkeit vorgestellt werden.

Ich höre die Gegner der Zukunftswerkstatt schon heute jammern, es sei zu teuer. Was entgegnen Sie? Die Befürworter der Freien-Limmat möchten das Provosorium am liebsten abreissen. Andere wiederum möchten am zentralen Standort glanzvolle Architektur zelebrieren. Beide Vorschläge kosten bedeutend mehr Geld. Wir verfolgen das Prinzip «content first». Zuerst der Inhalt, danach die äussere Form. Die bestehenden Räumlichkeiten können ohne grössere Anpassungen kostengünstig und gut umgenutzt werden. Der Coop kann seine Filiale wie an anderen Standorten auch in den Untergrund verlegen. Dafür hat es in den zwei leeren Parkgaragen genügend Platz.

Mit Ihren Plänen sollen die Kreativen in das Stadtzentrum zurückkommen. Was ist falsch an Altstetten und Schlieren? Wir stellen fest, dass es auch in Altstetten und Seebach kaum bezahlbare Ateliers und Büroräumlichkeiten gibt. Die Kreativen wurden bis an den Stadtrand weggentrifiziert. Klar gibt es in Hinterhöfen dort und da noch vereinzelte Büros, jedoch stehen die aktuellen Rahmenbedingungen im argen Widerspruch zu den städtischen Legislaturzielen, welche die Kreativwirtschaft als eine der bedeutendsten Cluster der Zukunft hervorhebt.

papierwerd2

Die Zürcher Kulturförderer und Stadtentwickler sprechen immer von einem Zürich mit mehreren Zentren und darum sei es egal, dass die Kreativen in der Innenstadt keinen Platz haben. Ich verstehe diese Argumentation nicht ganz. Sie schon? Wir stellen fest, dass viele junge Kreative aus Zürich statt nach Schlieren oder Dübendorf eher in andere kreative Metropolen wie Berlin, London, Budapest, San Francisco oder gar Hongkong abwandern. Dies wollen wir verhindern. Für das Gedeihen von kreativen Unternehmen braucht es Faktoren wie gute Verkehrsanbindung ins Zentrum, Dichte an kultureller und gastronomischer Versorgung und vor allem günstige Mieten. Die Innenstadt bietet viele dieser Voraussetzungen, nur mit den günstigen Mieten hapert es noch. Hier könnte die Stadt Hand bieten. Im Perimeter von Landesmuseum, Kunsthaus, Hochschule und Hauptbahnhof und Bahnhofstrasse. Die Bedingungen könnten nicht besser sein.

Wie wollen Sie die Stadt Zürich dazu bringen, Ihren Plänen zu folgen? Wir glauben mit der «Zukunftswerkstatt» eine gute Basis für eine künftige Nutzung gelegt zu haben. Die Stadtverwaltung könnte das Konzept auch als Zwischennutzung zulassen, bis die definitive Nutzung gefunden wurde. Quasi als Provisorium im Provisorium. Und im besten Fall bleibt dieses die nächsten 50 Jahre bestehen!

Und was unternehmen Sie, wenn das nicht klappt? Ich halte mich dabei gerne an das Zitat von Woody Allen: «Ich denke viel an die Zukunft, weil das der Ort ist, wo ich den Rest meines Lebens verbringen werde.»

Member reden mit: Bewerte hier diesen Beitrag mit 1 bis 5 Punkten und entscheide so über das Honorar für den / die Journalist*in mit.
Bewertung löschen

Kommentare

Willst du unabhängigen Journalismus?

Tsüri.ch steht für unabhängigen & engagierten Journalismus und setzt sich für eine offene, fröhliche, tolerante und ökologische Gesellschaft ein. Mit deiner Unterstützung können wir das auch in Zukunft tun.

Mit nur 5.-/Monat bin ich dabei
Einloggen und zurück zum Artikel
Gerade nicht