Auf der Suche nach dem Klang der Gegenwart

Das Musiknetzwerk «Norient» sucht weltweit nach neuer Musik, Klängen und Lärm. Einige Resultate dieser Suche sind diesen Samstag in der zweiten Ausgabe der Konzertreihe «Sonic Fiction» im Schauspielhaus zu sehen. Unser Redaktor Jonas Stähelin hat sich anlässlich dazu mit «Norient»-Gründer Thomas Burkhalter zum Gespräch getroffen.
05. Juni 2018

Thomas Burkhalter hört genau hin. Musik gibt ihm dadurch Einblicke in Prozesse, die unsere Gesellschaft aktuell bewegen. Für Burkhalter ist das aber nicht bloss ein Hobby, denn als Musikethnologe hat er sich diese Tätigkeit vor rund zwanzig Jahren zum Beruf gemacht. Dazu spürt er weltweit den Sound der Avantgarde auf. Die Resultate dieser Suche verarbeitet er in spannenden Filmen und Büchern. 2002 gründete er das Musiknetzwerk «Norient». Der dazugehörige Blog, der von verschiedenen Autor*innen aus der ganzen Welt bespielt wird, gibt regelmässig Einblicke in verborgene musikalische Universen jenseits des Mainstreams.

Thomas, du bist Musikethnologe. Was machst du genau?
Als Musikethnologe untersuche ich, was Musik in verschiedenen Gesellschaften eigentlich bedeutet; was sie für eine Funktion hat. Und das Feld hat sich natürlich geändert. Ursprünglich forschten Musikethnologen eher zu traditioneller Musik von Völkern irgendwo im Regenwald oder in der Wüste. Mittlerweile gibt es aber eine immer grösser werdende Richtung der Musikethnologie, die sich mit urbanen Phänomenen auseinandersetzt.
Du untersuchst Musik, um gesellschaftliche Prozesse sichtbar zu machen?
Ja, ich sehe Musik zu einem gewissen Grad als Seismographen unserer Zeit. Ich glaube, aus Musik kannst du herauslesen, was Menschen oder was Künstler denken. Du kannst herauslesen, was heute technisch möglich ist. Du kannst schauen, welche Klänge oder welche traditionelle Musik oder Instrumente sie verwenden. Du kannst bis zu einem gewissen Grad herauslesen, wie Musiker die Welt abzubilden versuchen.
Vor ein paar Wochen warst du in Ghana. Dort arbeitest du an einem Dokumentarfilmprojekt. Worum geht es da?
Ich arbeite seit rund drei bis vier Jahren an einem Dokumentarfilm. Im Zentrum stehen subkulturelle Musiker. Zuerst hat mich in Ghana die Frische ihrer Musik und ihrer Videoclips fasziniert. Es gab da ein Rap Duo namens «FOKN Bois». Die haben ein Hiphopmusical zu ihrem Alltag in Ghana gemacht. Ich fand das beeindruckend.

Die FOKN Bois aus Ghana.

Wieso hat dich das so fasziniert?
Das war für mich ein Bild von Afrika, das für viele hier verborgen war. Es war für mich auch ein neues Bild von der Welt. Afrika ist nicht einfach nur stereotypisch traditionell. Afrika ist am Wachsen. Das sieht man eben in der Kunst- und der Musikszene. Heutzutage spielen viele afrikanische Künstler an unseren Biennalen oder in den hipsten Clubs Europas und das verkörperten unter anderem die FOKN Bois für mich 2010. Deshalb habe ich in Ghana angefangen zu arbeiten.

Mittlerweile ist es ein grösseres Projekt geworden, das ich zusammen mit Peter Guyer, einem Berner Filmemacher von Recycled TV, realisiere. Wir machen eine Co-Regie. Einerseits ist es ein Portrait dieser Künstlerszene in Ghana, andererseits ist es aber auch der Versuch zu schauen, in welchem Zusammenhang diese Künstlerszene mit der Gesellschaft dort steht. Beziehungsweise inwiefern ist diese Szene bereits international und nicht nur lokal vernetzt? Wir haben dort Interviews gemacht mit Leuten auf der Strasse, mit Politikern, mit Kulturförderern dieser Subkulturszene, mit Priestern in Megachurches. Wir versuchen, ganz viele Perspektiven auf diese Underground-Kunst zu gewinnen. Es ist ein grosses und kompliziertes Konstrukt.

Die Zukunft ist anderswo. XL-Trailer zu Burkhalters aktuellem Filmprojekt über die Musikszene in Ghana.

Vor einigen Jahren hast du auch das Musiknetzwerk «Norient» gegründet. Was verbirgt sich hinter diesem Wortkonstrukt?
Ich habe «Norient» 2002 gegründet. Damals habe ich mit Michael Spahr den Dokumentarfilm «Buy More Incense» über indische und pakistanische Musiker gemacht, die in London Einwanderer zweiter Generation sind. Diese Musiker haben sich darüber beklagt, aber auch darüber lustig gemacht, dass sie als Inder wahrgenommen werden, die traditionell Sitar spielen. Dabei fühlten sich diese Musiker als ganz normale Bürger der Welt. Sie wollten auch modern sein und auch im «weissen» London Anerkennung haben und nicht nur in den indischen und pakistanischen Vierteln. Die haben sich zum Teil aufgeregt und sich über eben diese Stereotypisierungen mokiert. In meinem Studium der Ethnologie habe ich damals auch für das Buch «Orientalism» von Eduard Said interessiert. In diesem Buch geht es unter anderem darum, dass man Asien, Afrika oder fremde Länder immer nur als Differenz zum Westen wahrnimmt. Mir ging es stattdessen darum, genau hinzuschauen, was in diesen Ländern passiert. Sind sie wirklich bloss eine Differenz zu uns oder gibt es parallele Entwicklungen? Sind sie in gewissen Bereichen unserer Welt sogar voraus? «Norient» richtete sich gegen Orientalismus. Es war auch eine Attacke gegen den Begriff «Weltmusik». Es war der Ruf danach, Künstler aus diesen Ländern vorzustellen, die modern sind, die Teil der Welt sein wollen, die gehört werden wollen; die nicht einfach nur traditionell sind und für den Europäer eine Flucht vor dem Westen darstellen. Für den Europäer ist ja das Interesse an Asien oder Afrika oft eine Sehnsucht. Wir sind alle Zivilisationsmüde und darum interessieren wir uns dann für Sitar Musik oder das Djembetrommeln. Genau das wollte ich mit «Norient» umkehren: «No Orientalism». Das steckt in diesem Begriff drin. Aber es war ehrlich gesagt immer auch spielerisch. Es ist ein Wortspiel und nicht in-your-face-politics. Vielleicht eher versteckte Politik.

Gegen westliche Stereotypen. Burkhalters erstes Filmprojekt über Musiker indischer und pakistanischer Herkunft in London.

Eine Forderung also, die herkömmlichen Kategorien, mit denen wir Musik kartographieren, zu überdenken?
Es ging von Anfang an darum, möglichst genau hinzuhören, möglichst genau hinzuschauen. Zuerst hinzuhören auf die Musik. Was passiert da überhaupt? Aber dann auch hinzuschauen auf die Künstlerinnen und Künstler. Wer spricht hier oder wer musiziert hier? Für was steht dieser Künstler oder diese Künstlerin in seiner/ihrer eigenen Gesellschaft? Ein Rapper aus Afrika ist nicht immer nur eine Stimme der Unterdrückung. Das kann auch ein Rapper sein aus einem sehr reichen Haus, mit internationaler Erfahrung, der in London gelebt hat usw. «Norient» war der Versuch, viel zu recherchieren und keine Schwarz-Weiss-Bilder zu malen. Das ist eigentlich immer der Anspruch. Aber dieser Anspruch ist natürlich nicht einfach einzulösen, weil er zeitaufwendig ist und weil irgendwann auch dein eigener Blick beschränkt ist: Ich bin ein weisser Europäer, ein mittelalterlicher, weisser, europäischer Mann. Ich sehe und höre gewisse Dinge, und andere natürlich nicht. Darum sind wir jetzt auch dran, «Norient» komplett umzubauen. Wir versuchen immer stärker mit verschiedenen Autorinnen und Autoren zusammenzuarbeiten. Auch zwischen Wissenschaft, Journalismus, Bloggertum wollen wir möglichst viele Ebenen nebeneinander gelten lassen. Das ist für mich eigentlich das Ziel. Möglichst nahe aber immer verschiedene Perspektiven auf etwas zu kriegen. Diesen Anspruch erfüllen wir manchmal mehr und manchmal weniger.
Kultur ist zu einem gewissen Grade immer global. Das heisst, sie ist in Bewegung, international vernetzt und hybrid. Warum eignet sich gerade die Musik, um solche kulturellen Dynamiken darzustellen?
Die einfachste Antwort ist vielleicht, dass durch die Digitalisierung, durch mehr oder weniger Gratissoftware heute relativ viele Menschen relativ einfach ohne grosses Budget Musik machen können. Du brauchst auch nicht einmal an einer Hochschule gewesen zu sein, um irgendwie eine Chance zu haben. Wenn du dich geschickt vernetzt oder wenn du irgendein Wunderwerk in die Welt setzt, kannst du von Null auf Hundert theoretisch von jeder und jedem gehört werden. Ich glaube, dass Musik dadurch einen relativ eigenwilligen Ausdruck hat. Du hast Autodidakten, die mit Softwares tüfteln, an Instrumenten basteln und neue Klänge suchen. Das ist, glaube ich, ein sehr breiter und eigenständiger Ausdruck dieser Zeit, der sichtbar wird, wenn du diese Art von Musik recherchierst.

Dieses Wochenende im Schauspielhaus: Die hypnotisierenden Klänge Aisha Devis. Hier mit dem ersten Track ihres neuen Albums «DNA Feelings».

Entgegen vielen apokalyptischen Szenarien, die eine universale Gleichmacherei prophezeien, hat also die Digitalisierung, vor allem im Bereich der Musik, einen Haufen neuer Handelsmöglichkeiten eröffnet, besonders auch für Menschen aus dem globalen Süden.
Heutzutage ist zwar alles verfügbar, aber keiner hat mehr Zeit, wirklich zu recherchieren an all diesen Rändern. Du hast auch keine Leitmedien mehr, die dich wirklich darüber informieren, was in der Avantgarde oder, wenn man lieber ein anderes Wort verwenden will, was in den zeitgenössischen Ausdrucksformen wirklich vor sich geht. Darum hat man manchmal das Gefühl, wir kriegen nur noch einen Einheitsbrei serviert.
Es wird heute aber mehr Musik produziert als jemals zuvor. Es gab noch nie so viele Mikronischen. Es kann nicht sein, dass da überall nur Schrott produziert wird, der gleich klingt. Man kann vielleicht darüber fachsimpeln, dass diese ganzen Softwares zu einem gewissen Grad die Musik mitsteuern, mit ihren Voreinstellungen und der Art, wie sie gebaut sind, und der Art, wie man dann Klänge zusammenstellt. Aber viele Menschen haben viele Ideen und es gibt immer Talente, die einen eigenen Weg finden werden. Natürlich gibt es in der Masse Sachen, die gleich klingen. Aber es kann nicht sein, dass da nichts Neues entsteht heutzutage. Davon bin ich überzeugt.
Ich glaube, zu Zeiten Beethovens oder Mozarts haben vielleicht auch viele Zeitgenossen kopiert oder ähnlich komponiert. Und im Nachhinein stehen dann diese grossen Leitfiguren da. Über die wird geschrieben. Es wird gesagt, «das war eine grossartige Zeit, schau dir diesen und diesen Künstler an.» Heute haben wir ein riesiges Sammelsurium von Musik vor uns. Das meiste hören wir nicht, weil die ganzen traditionellen Medien kaum darüber berichten. Heute wird aber genauso wie damals kreiert, es gibt eine Eigenständigkeit und vor allem geht der Horizont über Europa und die USA hinaus.

Ebenfalls dieses Wochenende im Schauspielhaus anzutreffen: Der Kanadier Tim Hecker. Mit seinem 2011 erschienen Album «The Ravedeath, 1972» setzte er neue Massstäbe im Bereich elektronischer Musik.

Ihr habt jetzt unter dem Titel «Sonic Fiction» eine Konzertreihe im Schauspielhaus ins Leben gerufen. Am 9. Juni teilen sich Aisha Devi und Tim Hecker die Bühne. Was sind das genau für Geschichten, die durch Lärm, Klang und Musik erzählt werden?
Ich glaube, das sind Geschichten, die du als Hörer ganz unterschiedlich wahrnehmen, hören, begreifen und definieren kannst. Ich glaube, du kannst einfach „reinhören“. Du kannst hören, was für Klänge da geschaffen werden. Bei Aisha Devi oder Tim Hecker kommen beispielsweise Klänge aus Asien oder aus Südamerika vor. Diese Klänge kennt man teilweise, aber sie werden anders eingesetzt und anders verarbeitet. Das heisst, es kann dir schon ein neues Gefühl gegeben werden von der Zeit oder von der heutigen Welt. Du kannst aber auch genauer in diese Musik hineingehen. Du kannst schauen, für was diese Künstler stehen, wie sie ihre Werke schaffen. Und dann wirst du wirklich dorthin kommen, wo du siehst, was heute denkbar, was heute möglich ist. Was wollen diese Künstler ausdrücken? Wie widersprüchlich sind diese Ausdrücke? Kennt Aisha Devi wirklich Nepal und Tibet? Kennt sich Tim Hecker in Lateinamerika aus? Wie haben sie den Sound dieser Regionen genau verarbeitet? Ich glaube, diese Künstler schaffen neue imaginäre Bilder dieser Zeit. Wie man diese liest oder hört, hängt sehr stark von dir als Hörer ab, von deinem Vorwissen, von deinen Interessen, usw. Aus meiner Sicht handelt es sich tatsächlich bei beiden um Versuche, akustisch neue Welten zu schaffen.


(Titelbild Thomas Burkhalter. Quelle: Norient)

Tickets für die zweite Ausgabe der «Sonic Fiction» sind hier erhätlich:
Zurich tickets, Preise zwischen 30.- und 70.- CHF.

Weitere Infos und Websites:


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