Auf der Suche nach dem besten Trip

Seit über zwanzig Jahren wird in Zürich mit psychedelischen Substanzen wissenschaftliche Forschung betrieben – mit grossem Erfolg.
23. April 2017

Acid, Magicmushrooms, Meskalin, DMT, Extasy, Speed, Keta und Konsorten. Vielen sind diese Substanzen als Partydrogen bekannt. Auf dem Dancefloor, in einem Teppich aus dröhnendem Bass und klirrenden Hi-hats verschmolzen, oder alleine im Wald, umgeben von der berauschenden Stille der Natur – je nach persönlicher Vorliebe findet sich mittlerweile die passende «Würze», um der Einfalt des Alltags zumindest während der Dauer einiger Stunden in ekstatischer Ich-Auflösung entfliehen zu können. Doch nebst dem Freizeitgebrauch psychoaktiver Substanzen gibt es einen beachtlichen Korpus wissenschaftlicher Untersuchungen, die darin ein Tool zur Untersuchung des menschlichen Bewusstseins sehen und sich mit deren möglichen therapeutischen Wirkungen beschäftigen.

Gegenwärtig weht wieder frischer Wind in die Forschung mit Psychedelika. Die Medien sprechen sogar von einer regelrechten Renaissance der psychedelischen Forschung. Johns Hopkins University, UCLA, University of New Mexico oder das Imperial College in London, sind nur einige der renommiertesten Institutionen, an denen gegenwärtig Forschungen mit bewusstseinsverändernden Substanzen gemacht werden. Seit den 1990er Jahren an vorderster Front mit dabei ist auch die Universität Zürich.

Erste Gehversuche
«Yawning at times, sleepy, deliciously at languid ease, I was clearly in the land where it is always afternoon.» So beschreibt S. Weir Mitchell seinen Zustand, kurz nachdem er die Wirkung eines Meskalin Extrakts zu spüren beginnt. Mitchell ist Neurologe und Schriftsteller. Am fünften Dezember 1896 publiziert er im British Medical Journal einen Erfahrungsbericht, dem obiger Passus entnommen ist, mit dem Titel «Remarks on the Effects of Anhelonium Lewinii (the Mescal Button).» Sein Trip gleicht einer Achterbahnfahrt: Übelkeit, geistige Verwirrung, Rastlosigkeit, durchzogen jedoch von Momenten höchster Glückseligkeit und eindringlicher Luzidität. Ungeachtet dieser Widersprüchlichkeiten scheint er jedoch prophezeien zu vermögen: «For the psychologist this agent should have value. To be able with a whole mind, to experiment mentally upon such phenomena as I have described is an unusual privilege. Here is unlocked a storehouse of glorified memorial treasures of one kind.»

Dieser Erfahrungsbericht steht am Anfang eines wachsenden wissenschaftlichen Interesses an sogenannten Psychedelika, die Seele offenbarenden Substanzen. Auch die Schweiz ist ein wesentlicher Schauplatz dieser von Höhen und Tiefen geprägten Geschichte.

1938 gelingt es Albert Hoffman zum ersten Mal Lysergsäurediethylamid synthetisch herzustellen. Als er einige Jahre später, am 16. April 1943, mit der Substanz hantiert, muss Hoffmann plötzlich seine Arbeit im Laboratorium unterbrechen. Eine «merkwürdige Unruhe, verbunden mit einem leichten Schwindelgefühl» befallen ihn. Zuhause angekommen legt er sich nieder, schliesst die Augen und erlebt «einen nicht unangenehmen rauschartigen Zustand». Ununterbrochen drängen «phantastische Bilder von ausserordentlicher Plastizität und mit intensivem, kaleidoskopartigem Farbenspiel» auf ihn ein. Beim Hantieren mit der Substanz im Labor ist wohl eine geringe Menge davon auf seine Hand gelangt und wurde von der Haut absorbiert. Ein Unfall, der, wie den meisten wohl bekannt ist, von geschichtsträchtiger Wirkung sein wird. Kurze Zeit später führt er die Substanz in einem Selbstversuch zu sich. Danach scheint der Fall klar: Es handelt sich hierbei um «einen psychoaktiven Stoff mit aussergewöhnlichen Eigenschaften.» In der Hoffnung, man könne für LSD einen gewinnbringenden Markt finden, gab die Firma Sandoz bereitwillig jedem*r interessierten Forscher*in aus heutiger Sicht ziemlich grosse Mengen LSD.

In der Schweiz begannen in der Folge eine Reihe von Psychiater*innen und Pharmakolog*innen mit LSD zu experimentieren (die spannenden Anfänge der Forschung mit Psychadelika in der Schweiz hat erst kürzlich Magalay Tornay in einer spannenden Dissertation aufgearbeitet. Siehe unten für eine genaue Quellenangabe). 1947 publizierte Werner A. Stoll, ein Kollege Hoffmanns, die erste klinische Versuchsreihe mit LSD, die an der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich (Burghölzli) durchgeführt wurde. 19 Versuchspersonen nahmen an der Studie teil, sechs davon waren Schizophreniepatient*innen, der Rest wurde als «Normal» eingestuft. Auch Stoll selbst nahm am Versuch Teil. Seinen Notizen ist folgendes zu entnehmen: «Ich muss viele Sätze nur angefangen haben – Ich setzte mehr Assoziationen in Worte um, als ich dies sonst zu tun pflege. [...] Die Jagd der Farben und Formen, für die die Begriffe wie Feuerwerk oder Kaleidoskop armselig und nie zureichend waren, weckte in mir das zunehmende Bedürfnis, mich in diese fremdartige und fesselnde Welt zu vertiefen [...]» Anfangs bestand die Schwierigkeit darin, die durch LSD induzierte Erfahrung in Worte zu fassen, beziehungsweise sie in die Sprache objektiver Wissenschaftlichkeit zu giessen. Deshalb wurden auch zahlreiche Versuche mit Künstler*innen durchgeführt, da man der Ansicht war, diese könnten besonders gut ihr Innenleben ausdrücken. Indem man Probanden beispielsweise Portraits unter und ohne Einfluss von LSD anfertigen liess, erhoffte man sich gewissermassen ein direktes Abbild des Rauschzustandes und somit auch Einblick in das Innere der menschlichen Psyche. Später kam es dann zum Einsatz standardisierter Messverfahren, wie des Rohrschachtests. Untersucht wurden vermehrt auch die möglichen therapeutischen Wirkungen von LSD. Zu Beginn der 50er Jahre führte ebenfalls am Burghölzli Gaetano Benedetti, derzeit noch an seiner Doktorarbeit in Psychopathalogie beschäftigt, eine LSD-Fallstudie mit einem Patienten durch, der mit einer «Alkohol-Halluzinose» diagnostiziert wurde. Im Protokoll hielt Benedetti fest: «Ein ‚neuer’ Mensch tritt uns hier entgegen.» «Die Würfel sind gefallen und ein neues Leben hat begonnen», schreibt Benedetti weiter. Der Patient, so Benedetti, hätte während seines Rausches seine ganze Lebensgeschichte nochmals durchlaufen, was durchaus heilend wirken könne.

Doch nicht nur in der Schweiz, besonders in den vereinigten Staaten, aber auch in England, wuchs das wissenschaftliche Interesse an psychedelischen Substanzen. Mit LSD aber auch mit Psilocybin, dem in sogenannten Magicmushrooms enthaltenen Wirkstoff, wurden bis in die 70er Jahre zahlreiche klinische Forschungen durchgeführt und mehrere tausend Patient*innen therapiert. Die amerikanische Regierung gab vier Millionen Dollar für insgesamt 116 Studien zu LSD aus. Allein zu LSD wurden über zweitausend wissenschaftliche Artikel veröffentlicht. Psychedelika wurden getestet an Alkoholiker*innen, an Depressiven, an Krebskranken, an Gefängniseinsassen, an autistischen Kindern und an Schizophrenen, aber auch an Künstler*innen, Wissenschaftler*innen und, in einem ganz berühmten Fall, an Theologiestudent*innen.

Timothy Leary und das «Good Friday» Experiment
Nachdem Timothy Leary 1960 zum ersten Mal Magicmushrooms in Mexico ausprobiert hatte, startete er zusammen mit Richard Alpert das Harvard Psilocybin Project, um das therapeutische Potential von Halluzinogenen zu untersuchen. Die wohl berühmteste Studie, die in diesem Kontext entstand, gebührt allerdings Walter Pahnke. Pahnke, ein Psychiater und Theologiestudent, der unter der Betreuung von Leary an seiner Dissertation arbeitete, führte 1962 ein Experiment mit zwanzig Theologiestudent*innen der Harvard Universität durch, das heute bekannt ist unter dem Namen «Good Friday Experiment». Pahnke wollte untersuchen, ob Psilocybin bei religiös eingestellten Menschen eine mystische Erfahrung induzieren könne. Eine mystische Erfahrung wurde, in Anlehnung an William James, und hier etwas verkürzt dargestellt, wie folgt definiert: Das Auflösen der Grenzen des Ichs, beziehungsweise das Gefühl, mit der Umgebung zu einer Einheit zu verschmelzen und zu einer tieferen Schicht der Realität vorstossen zu können. Die Hälfte der für die Studie ausgewählten zwanzig Theologiestudent*innen wurde 30mg – eine ziemlich beträchtliche Dosis – Psilocybin während einer Freitagsmesse verabreicht, die andere Hälfte kriegte Nicotinsäure – ein aktives Placebo. Schnell wurde jedoch klar, wer tatsächlich Psilocybin bekommen hatte. Diese sprangen ziemlich bald von ihren Sitzen, begannen in der Kapelle herumzulaufen und riefen lauthals Sprüche aus wie «God is everywhere» oder «Oh, the glory». Von den zehn Teilnehmenden, die die Droge erhalten hatten, berichteten acht, sie hätten eine mystische Erfahrung gehabt.

Parallel dazu avancierte LSD in den 60er Jahren jedoch zum heiligen Gral der neu entstandenen psychedelischen Hippiekultur, zu deren bedeutender Vertreter letztlich Timothy Leary wurde. Mitte der 60er Jahre kündigte Leary seine Stelle an der Harvard University und setzte sich fortan daran, einen neuen quasireligiösen Kult um LSD zu begründen. Psychedelika sollten den klinischen Kontext verlassen und in die breite Gesellschaft eingeführt werden. Eine, im wörtlichen Sinne, «neurologische Revolution» hatte er dabei vor Augen, die zur Geburt einer neuen biospirituellen Community führen sollte. Im Zuge dessen wurde LSD zur Wunderdroge schlechthin stilisiert, die nicht nur individuell psychologische, sondern alle sozialen Übel schlechthin zu heilen vermochte.

Um 1965 hatten in den USA bereits über zwei Millionen Menschen ausserhalb eines klinischen Settings LSD konsumiert. Schliesslich wurde gegen Ende der 60er Jahre LSD im ganzen Land für illegal erklärt und 1970 mit vielen anderen Psychedelika auf die Liste kontrollierter Substanzen. Dies hatte zur Folge, dass von nun an die Forschung mit solchen Substanzen auf grosse bürokratische Hürden stiess und auch wegen des immer schlechter werdenden Bildes, das sich in der Gesellschaft von diesen Substanzen formte, begannen sich viele Forscher*innen von diesem Gebiet zu distanzieren.

Es weht frischer Wind – auch in der Schweiz
1991 veröffentlichte Rick Doblin eine Folgestudie zum «Good Friday Experiment». Er suchte alle ausser einen der damaligen Studienteilnehmer auf und führte mit sieben davon Interviews durch. Alle berichteten, die Erfahrung hätte ihr Leben in tiefgreifender und lange anhaltender Weise beeinflusst. Doch Doblin fand auch Auslassungen in der Studie. Einige Teilnehmer*innen kämpften während ihres Trips mit akuten Angstzuständen und ein Teilnehmer musste mit einer starken antipsychotischen Substanz ruhig gestellt werden.

Die gegenwärtige Renaissance der psychedelischen Forschung, die bereits anfangs der 90er einsetzte, hat jedoch wenig gemein mit den politischen Weltverbesserungsaktionen, die in der Folge Learys ins Leben gerufen wurden. Mitte der 90er Jahre beginnt Franz Vollenweider an der Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich mit dem Aufbau eines Laboratoriums, das beabsichtigte, neueste Neuroimaging Technologien zu verwenden, um die Effekte von Psilocybin und Ketamin zu untersuchen. Vollenweiders Ansatz zeichnete sich von Anbeginn durch hohe wissenschaftliche Rigorosität aus. Fernab von politischen Weltverbesserungswünschen stand hier eine solide wissenschaftliche Grundlage und ein pragmatischer Blick auf den Nutzen der Patient*innen von Anfang an im Zentrum.

Möglich wurde Vollenweiders Forschungsbestreben jedoch nicht zuletzt durch einen glücklichen Zufall. Anfang der 90er Jahre wurde dem BAG unter damaliger Leitung von Paul Dietschy eine Ladung nicht mehr verwendetes Psilocybin zum Wegwerfen zurückgeschickt. Dietschy liess es prüfen und es stellte sich heraus: 100 Gramm klinisch reines Psilocybin, eine Menge, die für zigtausende Trips ausreicht. Vollenweider konnte davon für Forschungszwecke Gebrauch machen. In der Folge avancierten Vollenweider und sein Team an die Speerspitze der Psychedelischen Forschung weltweit. Hätte er das Psilocybin selber synthetisieren müssen, hätten ihm dafür wahrscheinlich die finanziellen Mittel gefehlt, denn die Herstellung von klinisch reinem Psilocybin für klinische Forschungszwecke ist aufgrund der hohen Auflagen enorm teuer.

Psilocybin ist einerseits als Modellsubstanz interessant. In höherer Dosis verabreicht kann es zu Halluzinationen, Denkstörungen und Ich-Auflösung führen. Solche Symptome lassen sich auch in «natürlich» vorkommenden Psychosen beobachten. Deshalb ging man lange Zeit davon aus, man könne mit Psilocybin, die neuronale Basis psychischer Störungen, beispielsweise Schizophrenie, modellhaft untersuchen. Inzwischen ist diese Stossrichtung jedoch etwas in den Hintergrund geraten, da es doch kategoriale Unterschiede zwischen einer Psychose und einem Psychedelikum gibt. In moderaten Dosen kann sich Psilocybin positiv auf das Gemüt auswirken. Hier sieht man auch mögliche Anwendung in der Behandlung von Depressionen, Angststörungen oder Sucht. Eine in Amerika durchgeführte Studie mit krebskranken Patient*innen hat gezeigt, dass die Verabreichung geringer Dosen Psilocybin zu einer Reduktion von mit der Krebsdiagnose in Verbindung zu bringenden Angstzuständen führte, die zwischen zwei Wochen und sechs Monaten anhielt. Ein im Vergleich zu anderen psychopharmakologischen Wirkstoffen beeindruckendes Ergebnis. Ferner sorgte auch eine im Juli 2016 publizierte Studie für Aufsehen. 12 Patient*innen, die an mittlerer bis schwerer Depression litten, wurde eine geringe und eine hohe Dosis Psilocybin im Abstand von sieben Tagen verabreicht. Noch drei Monate nach Behandlung mit der hohen Dosis konnte eine Abschwächung depressiver Symptome festgestellt werden. Absolute Schlüsse können daraus noch nicht gezogen werden. Dazu braucht es weitere placebo-kontrollierte Studien in grösseren Stichproben. Doch deuten diese Ergebnisse bereits daraufhin, dass der therapeutische Einsatz von Psilocybin sicher und effektiv sein kann.

Milan Scheidegger bereitet eine Teilnehmerin einer Psilocybin-Studie auf eine funktionelle Magnetresonanztomographie (fMRI) Messung vor. Anhand der Bilder kann die Konnektivität neuronaler Netzwerke unter dem Einfluss einer psychoaktiven Substanz untersucht werden. (Quelle: Miloš; www.photosoul.ch)

Mittlerweile forschen unter der Leitung Vollenweiders ein Team an Ärzt*innen, Psycholog*innen und Neurowissenschaftler*innen zu verschiedenen bewusstseinsverändernden Substanzen. Darunter gehört auch seit einigen Jahren der Arzt und Neurowissenschaftler Milan Scheidegger. Er hat einen Doktortitel in Neurowissenschaften und absolvierte nebenher einen Master in Geschichte und Philosophie an der ETH Zürich. Zur Forschung mit bewusstseinsverändernden Substanzen ist er über die grossen philosophischen Fragen gelangt. Er wollte immer schon verstehen, was Bewusstsein ist, was es bedeutet, lebendig in der Welt zu sein und wie all das, was wir erleben und begreifen, letztlich organismisch realisiert ist. Die erste Substanz, mit der er arbeitete, war Ketamin. Dazu verfasste er eine Doktorarbeit, die die physiologischen und therapeutischen Effekte dieser Substanz untersuchte. Es zeigte sich, dass solche Substanzen mächtige Tools sind, um das Bewusstsein zu untersuchen. Dem Neuroforscher eröffnen sie eine breite Spielwiese an experimentellen Möglichkeiten: «Mit Hilfe modernster Bildgebung des Gehirns kombiniert mit bewusstseinserweiternden Medikamenten blickt man quasi ins Gehirn als Maschinenraum des Bewusstseins und kann bestimmte Schaltkreise durch gezielte molekulare Eingriffe modifizieren und deren Effekte auf das Bewusstsein studieren.» Letztendlich gehe es aber nicht darum, das Geheimnis des Bewusstseins endgültig zu entschlüsseln; der Anspruch gilt eher dem wissenschaftlichen Verständnis einzelner Prozesse, die zum Bewusstsein beitragen, und der Frage, wie diese Erkenntnisse therapeutisch genutzt werden können: «Psychoaktive Substanzen ermöglichen es, die verschiedenen Dimensionen des Bewusstseins gezielt zu untersuchen. Ketamin beispielsweise verändert unser zeitliches und räumliches Bewusstsein. Wenn sich der Körper vollständig aufzulösen scheint, man dabei aber noch bei Bewusstsein ist, dann erfährt man die Zeit, den Raum und die Realität auf ganz andere Weise. Auch unter Psilocybin kann sich der Sinn für Realität tiefgreifend verändern, was die spannende Frage aufwirft, wie unser Gehirn so etwas wie Realitätssinn überhaupt hervorbringt? Aus solchen Untersuchungen können wir viel über das Bewusstsein an sich lernen.»

Ketamin wurde von Calvin L. Stevens 1962 erstmals synthetisiert. Noch heute findet Ketamin in der Tier- und Humanmedizin als Anästhetikum breiten Einsatz. Ab Mitte der siebziger Jahre verbreitete es sich parallel dazu auch als Strassendroge. Im Gegensatz zu anderen Analgetika und Narkotika hat Ketamin eine starke dissoziative Wirkung. Zu solchen dissoziativen Effekten gehören unter anderem die Auflösung des Egos, die Verschmelzung von Subjekt- und Objektwelt oder starke Halluzinationen. Dies kann auch als Rausch empfunden werden, weshalb die Droge in der Partyszene äusserst beliebt ist. Nachdem in den 90er Jahren herausgefunden wurde, dass Ketamin starke antidepressive Wirkungen zeitigen könne, stieg die Forschung dazu auf der ganzen Welt rasant an. Wegen seines vergleichsweise raschen Wirkungseintritts wurde es vor dem Hintergrund der bis heute eher suboptimal wirksamen Antidepressiva, etwas voreilig, als potentielles Wunderheilmittel zelebriert.

Auch Milan Scheidegger war früh fasziniert von den Möglichkeiten dieser Substanz. Viele herkömmliche Antidepressiva brauchen eine relativ lange Anlaufzeit, bis sie ihre Wirkung entfalten können. Ketamin wirke hingegen nahezu sofort, wenn auch nur vorübergehend. Ferner funktioniert Ketamin nicht, wie die meisten Antidepressiva, indem der Gehalt von Botenstoffen wie Serotonin im Gehirn erhöht wird. Ketamin führt dagegen zu einer Erhöhung der Menge an Glutamat, einem anderen Botenstoff im Gehirn, der auch bei der sogenannten Neuroplastizität eine zentrale Rolle spielt. Studien haben gezeigt, dass Menschen, die an einer Depression leiden oft niedrigere Mengen an Glutamat haben. Glutamat trägt als erregender Neurotransmitter, d.h. Botenstoff, zu ca. 80% der Informationsverarbeitung im Gehirn bei und ist besonders für Lern- und Erinnerungsprozesse wichtig. Entsprechend lässt sich unter dem Einfluss von Ketamin insgesamt eine erhöhte Neuroplastizität feststellen. Dies könne sich positiv auf die Lern- und Erfahrungsfähigkeit eines Individuums auswirken. «Man kann sich das bildlich auch so vorstellen: Chronischer Stress kann zu degenerativen Veränderungen führen. Entsprechend kann das Nervengewebe eines Depressiven ausgedünnt oder zurückgebildet sein, was pharmakologisch durch Ketamin – eben durch Neuroplastizität – wieder vitalisiert und regeneriert wird. In unseren Studien konnten wir zeigen, dass dysfunktionale Netzwerkverbindungen, die das depressive Zustandsbild aufrechterhalten, sich nach Ketamingabe wieder neu organisieren und ein adaptiveres Gleichgewicht ermöglichen.»

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Besonders in der dissoziativen Wirkung von Ketamin, dem Gefühl der Lösung vom alltäglichen Ich sieht Milan Scheidegger weitere mögliche positive Effekte in der Behandlung von Depressionen. Die Alltagsrealität einer an Depression leidenden Person wird von dieser oft als extrem eingeschränkt empfunden. Dies kann im schlimmsten Fall zu einem Gefühl der absoluten Ausweglosigkeit führen. Patient*innen, die sich in einer solchen Lage befänden, beginnen sich sehr stark mit diesem als negativ empfundenen Bewusstseinszustand zu identifizieren. Sie haben das Gefühl, die Depression sei wesentlicher Bestandteil ihrer Persönlichkeit. Unter dem dissoziativen Einfluss von Ketamin könne nun dieses Gefühl der Eingeschränktheit gelockert werden, indem die Patient*innen erfahren, dass es andere Ebenen ihres Bewusstseins gibt, die nicht von der Depression und dem Gefühl der Ausweglosigkeit durchdrungen sind. «Die Patienten», so Milan, «können dadurch erkennen, dass sie, in einem viel stärkeren Masse als bisher angenommen, die Autoren ihrer eigenen Realität sind. Die Depression erscheint so als bestimmter Bewusstseinszustand unter vielen anderen möglichen. Durch die Erfahrung erweiterter Bewusstseinszustände gewinnen die Patienten ein Stück Bewusstseinskompetenz zurück, nämlich sich selber durch gesteigerte kognitive Flexibilität aus eingeengten Bewusstseinsräumen befreien zu lernen.»

Das geht allerdings nicht einfach so von alleine. «Psychedelika wie beispielsweise Ketamin», erläutert Milan Scheidegger oft gegenüber seinen Patient*innen, «funktionieren wie ein Schwimmring, der sie aus dem Strudel des Alltagsbewusstseins an die Wasseroberfläche zieht und so neue Erfahrungsräume eröffnet. Aber! Schwimmen lernen muss man schon selber!» Klar ist, dass Ketamin kein Wunderheilmittel ist. Der regelmässige Gebrauch davon in erhöhten Dosen kann zu schweren physiologischen und psychologischen Nebenwirkungen führen, weshalb Ketamin bisher nur zur experimentellen Akuttherapie eingesetzt wird. Ferner ist noch nicht ganz klar, wie langfristig sich die positiven Effekte auf behandelte Patienten auswirken.

Von substitutions- zu transformationsbasierter Therapie
Diesem Ansatz liegt letztlich ein neues therapeutisches Verständnis zugrunde. Das herkömmliche therapeutische Paradigma mit Psychopharmaka ist im Wesentlichen substitionsorientiert. Das heisst, die psychische Krankheit eines*r Patient*in wird primär als Störung empfunden. Grund dieser Störung ist meistens ein bestimmtes Defizit in der Biomechanik des Gehirns, zum Beispiel ein Mangel bestimmter Botenstoffe wie Serotonin. Folglich besteht die Therapie in diesem Kontext darin, dieses Defizit mit einer Substanz zu kompensieren. Im Falle einer Depression etwa durch Verabreichung eines Mittels zur Steigerung des Serotoninspiegels im Gehirn.

Die «psychedelische» Therapie, die zwar ebenso mit der Verabreichung chemischer Substanzen arbeitet, hat einen ganz anderen Ausgangspunkt. Sie folgt dem Modell einer transformationsbasierten Therapie. Die psychische Krankheit wird hier nicht in erster Linie als Störung oder Defizit in der Biomechanik des Gehirns aufgefasst, sondern als fehlgeleiteter Prozess, den es zu transformieren gilt. Entsprechend wird davon ausgegangen, dass die/der Patient*in sich gerade in einem suboptimalen Bewusstseinszustand befindet und das Ziel der Therapie ist es, die/den Patient*in wieder in einen adaptiveren Bewusstseinszustand zu bringen. «Der Einsatz von bewusstseinsverändernden Substanzen kann hier behilflich sein», so Milan Scheidegger, «persönlich bedeutsame Einsichten ins dynamische Zusammenspiel verschiedener Bewusstseinszustände zu gewinnen und durch nachfolgende Psychotherapie einzuüben, diese neuen adaptiveren Erfahrungsräume nachhaltig offen zu halten, um nicht wieder in den depressiven Bewusstseinszustand zurück zu fallen. Diesem holistischen Ansatz zufolge wird psychische Krankheit als komplexes Zusammenspiel verschiedenster Faktoren verstanden, die nicht bloss im Gehirn lokalisiert sind.»

Doch nicht nur Psychedelika sondern auch Meditations- und Achstamkeitstechniken werden seit Jahrtausenden in verschiedenen menschlichen Kulturen eingesetzt, um das eigene Bewusstsein zu erforschen und ein gesünderes Gleichgewicht zwischen Selbst und Umwelt zu finden. So konnte beispielsweise gezeigt werden, dass die Einnahme von Ayahuasca – einer psychoaktiven Pflanzenzubereitung aus Amazonien – ähnlich wie bestimmte Meditationstechniken achtsamkeitsbasierte Bewusstseinsqualitäten fördert (vgl. Soler et al. 2016). Unter der Leitung von Prof. Vollenweider hat Milan zusammen mit Zen-Mönch Vanja Palmers an der Universität Zürich kürzlich eine Meditationsstudie mit Psilocybin durchgeführt. Darin wurde untersucht, wie sich die Dynamik in bestimmten Hirn Netzwerken durch Meditation und Psilocybin modulieren lässt, sodass Menschen aufgrund dieser erweiterten Bewusstseinszustände transformative Erfahrungen machen können. Schliesslich geht es darum, herauszufinden, wie sich diese positiven Veränderungen über die Wirkdauer der Substanz hinaus nachhaltig durch Psychotherapie im Verhalten und in der Lebensorientierung stabilisieren lassen. Milan Scheidegger glaubt, dass sich gerade mit dieser Forschung ein neuer Paradigmenwechsel von substituitons- zu transformationsbasierter Therapie ankündige, in welchem Patient*innen weniger als Opfer einer Krankheit, sondern im Gegenteil als Akteur mit erweiterter Bewusstseinskompetenz wieder gestärkt und eigenverantwortlich an einem gesünderen Leben partizipieren können. Aus ethischer Sicht, so Milan Scheideggers abschliessendes Verdikt, gliche es einer «Unterlassung medizinischer Hilfestellung, das Potenzial bewusstseinsmodulierender Substanzen zur Linderung menschlichen Leidens nicht zu erforschen und einen sicheren, kontrollierten, und wissenschaftlich fundierten Rahmen für therapeutische Anwendungen zu schaffen.»

Empfohlene Lektüre

  • Über die ersten Gehversuche mit LSD in der Schweiz siehe: Magalay Tornay, Zugriffe auf das Ich. Psychoaktive Stoffe und Personenkonzepte in der Schweiz, 1945 bis 1980, Mohr Siebeck Verlag.
  • Über die Forschung rund um Vollenweider und sein Team am Burghölzli siehe: Nicolas Langlitz, Neuropsychedelia. The Revival of hullucinogen research since the decade of the brain, University of California Press.

Titelbild: Screenshot/Instagram

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