Auf den Wurm gekommen – So kompostierst du zuhause, ganz ohne Gestank

wormup.ch
28. April 2016


Das Konzept ist so simpel wie raffiniert: Der Regenwurm ist der Gärtner der Natur. Er zersetzt abgestorbene Pflanzen und erneuert sie in Form von Dünger. Weshalb sollte man ihn also nicht zum Recycling zuhause benutzen?

Aussergewöhnliches Geschäftsmodell Ein Zürcher Startup macht’s vor: Das vierköpfige Team von «Wormup» hat ein Kompostsystem entwickelt, das mit ganz gewöhnlichen Regenwürmern organischen Abfall zersetzt. Das geht ganz einfach: Man kippt seinen Kompost in ein Gefäss, das mit Würmern gefüllt ist, und lässt diese dann die Arbeit erledigen. Diesen Komposter kann man sich auf den Balkon oder sogar in die Küche stellen. Die Würmer sind ein regelrechter Kassenschlager. Wormup hat ihr Firmenporträt und den Komposter zum Vorverkauf auf der Crowdfunding-Plattform «Wemakeit» geteilt. Mit Erfolg: Innert 32 Stunden hat das Startup bereits 32‘000.- gesammelt. Die ersten Komposter sind inzwischen ausverkauft. Mittlerweile hat das Wormup-Team über 58’000.- als Unterstützung erhalten – und die Kampagne läuft noch über 30 Tage.

Kein Gestank mehr Ich besuche Luiz und Erich in ihrem Büro, das sich gleich neben der Kunstschule F+F im Kreis 9 befindet. Wir trinken einen Kaffee und plaudern über ihr Geschäftskonzept. Sechs Prototypen mit Würmern drin säumen die eine Wand des Büros. Insgesamt befinden sich etwa 8000 Würmer im Raum, die Population sei bereits gewachsen – zu Beginn befinden sich etwa 1000 Würmer in einem Komposter. Ich bekomme erstmal nichts davon mit, denn die Würmer verarbeiten den Kompost völlig geruchslos. Kein Gestank von verfaultem Obst und Gemüse – nichts. Nicht zu vergleichen mit den normalen grünen Kompostbehältern und deren Gestank. Die Würmer zersetzen die stinkenden Mikroorganismen und produzieren fortlaufend sauerstoffreiche und geruchfreie Mikroorganismen, wie mir Erich erzählt, der sich als Umweltingenieur um das Funktionieren der Wurmsysteme kümmert. Neben dem geruchsfreien Kompost gibt es noch einen weiteren Vorteil: Die Würmer produzieren frischen Dünger, indem sie die organischen Abfälle zersetzen. Dieser eignet sich hervorragend für die eigenen Pflanzen – man braucht sich keinen Kunstdünger mehr zu kaufen.

[caption id="attachment_6962" align="aligncenter" width="640"]So sieht er aus, der Prototyp So sieht er aus, der Prototyp[/caption]

Ist das nicht eklig? Die Vorstellung, sich einen Behälter voller Würmer in die Küche oder das Wohnzimmer zu stellen, wird den einen oder anderen vermutlich abschrecken. Ich frage Luiz und Erich, ob die Würmer aus dem Komposter ausbrechen können. «Hundertprozentig können wir das nicht garantieren», sagt Luiz. Die Würmer können sich theoretisch durch die winzigen Spalten des Komposters quetschen, wenn sie wollen. Aber eben nur, wenn sie wollen: «Es ist eigentlich auszuschliessen, dass die Würmer abhauen. Denn die Würmer fühlen sich pudelwohl in dem Komposter. Viel wohler als ausserhalb. Man muss sich aber schon an unsere Anleitung halten, darf nicht einfach alle Nahrungsmittel in den Komposter schmeissen.» Es liegt also im Eigeninteresse der Würmer, in dem Komposter zu bleiben – wenn man ihn richtig anwendet. Bisher sei in ihrem Büro auch noch niemals ein Wurm ausgebrochen, die Sorge scheint also unbegründet. Nur wenn sich die Würmer unwohl fühlen, versuchen sie aus dem Komposter rauszukommen. Wenn man etwa Zigarettenstummel in den Kompost kippt.

https://vimeo.com/163069478

Ein Bewusstsein für Abfall schaffen Man müsse sich nicht zu sehr darum sorgen, dass man zu wenig Abfall für die Würmer produzieren könne. Es sei sogar eher ein Problem, wenn man einen Komposter völlig überfüllt. Das ist Wormup auch ein Anliegen: «Wir wollen, dass die Leute weniger Abfall produzieren. Für eine vierköpfige Familie ist ein einziges System vermutlich zu klein.» Wormup will den Bezug zur eigenen Abfallproduktion stärken. «Wenn du alles einfach in den Abfalleimer knallst, dann merkst du das gar nicht. Mit einem Wurmkomposter bringst du die natürlichen Kreisläufe zurück zu dir nach Hause», sagt Erich. Man wolle die strikte Trennung zwischen Konsum und Produktion durchbrechen.

Wormup achtet auf eine lokale und qualitativ hochwertige Produktion der Komposter. Sie bestehen aus Ton, ein Material, das den Würmern eine angenehme Umgebung bietet. Die Systeme werden ästhetisch ansprechend entworfen, damit sie auch in der Küche oder dem Wohnzimmer nicht als störender Fremdkörper wahrgenommen werden. Luiz ist dabei für das Design zuständig. Eine solche Qualität hat seinen Preis: Die Komposter wird es letztendlich vermutlich für ca. 200.- bis 250.- zu kaufen geben. Bisher wurden die Komposter ausschliesslich innerhalb des Vorverkaufs angeboten.




Tsüri-Mail: Willst du gratis in den Ausgang? Im Newsletter verlosen wir wöchentlich 2x2 Gästelistenplätze. Einmal abonnieren bitte. #Partyhard 
Welche Rubriken interessieren dich?





Die hohe Kunst des Kompostierens Die Idee stammt ursprünglich aus einem Film, erzählen mir die beiden. In «No Impact Man» bastelt sich ein New Yorker seinen eigenen Komposter, der mit Würmern funktioniert. Wormup war jedoch nicht die erste Firma, die diese Idee umgesetzt hat. Es gibt bereits Wurmkomposter, in Neuseeland sind einige Modelle im Umlauf. Diese seien jedoch aus Plastik und haben ein Auffangbecken für das Wasser, in dem die Würmer oftmals verenden. Wormup hat diese Probleme gelöst und das System nun perfektioniert

Das junge Team hat mit seinem Konzept den Nerv der Zeit getroffen: Das Verwerten des eigenen Abfalls hat Trendpotential in Zeiten des steigenden Umweltbewusstseins. Luiz und Erich erzählen, wie sie selber ein schlechtes Gefühl geplagt hat, als sie früher Kompost, der eigentlich eine Ressource ist, einfach weggeschmissen haben. Vor allem in urbanen Räumen war das ein Problem: Oftmals hat man keinen Garten und keine Grüntonne. Erich hat sich dann selber ein Gefäss mit Würmern drin auf den Balkon gestellt und so seinen Abfall kompostiert. Schnell war der eigene Freundeskreis begeistert und wollte selbst solche Kompostsysteme haben. Das hat das Startup dann auf den Wurm gebracht. «Zuerst sind wir selber nach draussen und haben Würmer eingesammelt», erzählen sie. Jetzt züchten sie die Würmer oder kaufen sich teilweise welche, um die Komposter zu vertreiben. Zukunftspläne werden bereits anvisiert. Es sollen bald grössere Systeme für Schulen etc. zum Einsatz kommen. Der Wurm ist auf Erfolgskurs – und soll es auch bleiben.




Bilder: zvg
Member reden mit: Bewerte hier diesen Beitrag mit 1 bis 5 Punkten und entscheide so über das Honorar für den / die Journalist*in mit.
Bewertung löschen

Kommentare

Willst du unabhängigen Journalismus?

Tsüri.ch steht für unabhängigen & engagierten Journalismus und setzt sich für eine offene, fröhliche, tolerante und ökologische Gesellschaft ein. Mit deiner Unterstützung können wir das auch in Zukunft tun.

Mit nur 5.-/Monat bin ich dabei
Einloggen und zurück zum Artikel
Gerade nicht