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Armut ist kein Lifestyle

Über die eigene finanzielle Lage reden die wenigsten gern. Ausgerechnet diejenigen, die sich «pleite» nennen aber schon? Wenn reich sein peinlich und arm sein hip wird, findet das Redaktorin Florentina bedenklich.
11. April 2019

In leicht ranzigen 90-er-Jahre-secondhand-Szeni-Jacken stehen wir frierend vor dem Club und trinken Dosenbier. Der Eintritt ist zu teuer, der Techno eh schlechter als in Berlin, der Gin Tonic an der Bar schwach und sowieso keine 18 Franken wert.

Äusserlich könnte man uns wohl kaum von den Obdachlosen unterscheiden, die zwischen den Partygänger*innen herumstreunen und immer mal wieder eine Gruppe angetrunkener Student*innen nach «bitzli Münz» fragen. Anders als diejenigen jenseits der Türsteher*innen haben wir nämlich selbst auch kein Geld.

Behaupten wir jedenfalls.

Das leere Portemonnaie, der neue Street-Credibility-Faktor?

«Lustig ist das Zigeunerleben» sangen wir schon in der Pfadi und noch heute blicken wir verachtend auf all jene, die sich mit 25 Jahren Visitenkärtli drucken lassen, im Vapiano zu Mittag essen und teure Uhren tragen – die ganz offensichtlich nicht vom Grosspapi geerbt sind.

Lieber versuchen wir einander zu übertrumpfen, wer denn nun noch ärmer dran ist als der andere. Wer mit weniger als einem Zehnernötli durch den Monat kommen muss, gewinnt?

#studentlife

Wer nicht pleite ist – und dies nicht bei jeder erdenklichen Gelegenheit hervorhebt – scheint kein*e echte*r Student*in zu sein. «Spaghetti mit Tomatensauce» heisst unser Lifestyle, alles andere können wir uns nicht «leisten». Arm zu sein ist in Zürich salonfähig.

Nur: Echte finanzielle Nöte hat wohl noch keiner von uns Edelurbanit*innen erlebt.

Sollte der Kontostand Ende Monat wirklich in den zweistelligen Bereich sinken, dann liegt das weniger an unserer realen finanziellen Lage als an unserer Ausgabefreudigkeit.

Wenn mir ein redseliger Freund im selben Atemzug von 10’000 Franken Schulden bei seinem Vater und dem letzten Städtetrip nach Paris erzählt, wird mir mulmig zumute.

Leger abgewetzte Lederbottinen mögen noch cool aussehen, Schulden aber nicht. Und «pleite» zu sein eigentlich auch nicht.

Wieso scheint es gesellschaftlich fast schon schändlich zu sein, auch bei einem Studi- oder Praktikant*innenlohn die Finanzen im Griff zu haben? Statt unverantwortlich Geld für teure Hipster-Pullis und Easyjet-Flüge in die nächstbeste Metropole auszugeben, wären wir durchaus in der Lage, dem Obdachlosen vor dem Club mal einen Fünfliber zu geben. «Für öppis z’Ässe» – ob er es später für Alkohol oder Drogen ausgibt, kann uns egal sein. Hand aufs Herz: Wir würden an einem Samstagabend auch nichts Anderes damit tun.

«Pleite» oder einfach geizig?

In schönen Altbauwohnungen mit Balkon und Blick aufs Lochergut zu leben, Philosophie zu studieren und sich Samtsessel aus dem Brocki (Ikea wäre billiger) kaufen zu können, ist keine Selbstverständlichkeit.

Als wohlerzogene Sprösslinge bildungsbürgerlicher Eltern ist es ein Leichtes, sich in Form künstlicher Mittellosigkeit mit den «Armen» solidarisieren zu wollen. Wie sonst könnten wir uns beim kollektiv praktizierten Lamentieren über den bösen Kapitalismus noch selbst ernst nehmen?

Es gibt einen klaren Unterschied, ob man einfach gerne sparsam lebt oder ob man effektiv dazu gezwungen ist, jeden Rappen zweimal umzudrehen. Den eigenen Geiz als Notwendigkeit darzustellen, ist respektlos.

Respektlos gegenüber denjenigen 615‘000 Schweizer*innen, die unter der Armutsgrenze leben und für die ihr «pleite sein» garantiert kein Lifestyle ist. Glorifizierung von Armut ist nämlich alles Andere als solidarisch. Viel solidarischer als falsche Mittellosigkeit ist echtes Engagement: An der Autonomen Schule Zürich Deutsch unterrichten, bei der Gassenküche Suppe ausschenken, bei Caritas Kleider sortieren. Das Mindeste aber wäre aufzustehen und zu widersprechen, wenn sich mal wieder eine*r mit finanziellen pseudo-Nöten beweihräuchert.

Praktikantin und Lektorat

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