Von ZAS*

4. Juni 2022 um 06:00

Vor lauter Grün sieht man als Städter:in die Pflanze nicht mehr

Auf den ersten Blick sind die Strassen Zürichs schön grün. Doch die ZAS*-Kolumnist:innen finden, dass man trotzdem über Energieprobleme und Ressourcenverbrauch sprechen muss. Darüber, ob es sich lohnt, Bäume zu fällen, Brachen zu versiegeln und gewachsene Strukturen zu ersetzen. Und sie schauen sich Bäume im Gegenlicht an und merken, dass sie mehr sind als grüne Kreise – nämlich Bewohner, eine lebendige, vielleicht sogar produktive Entität, die sich mit uns und der Stadt verändert.

Die Dorflinde in Oerlikon. (Foto: ZAS*)

Es ist wieder Juni – ein weiteres Jahr ist vergangen und der Lindenbaum in meiner Strasse trägt wieder süss-duftende Blüten. In diesem Jahr ist viel passiert – nicht nur, dass mir das Blühen der Bäume inzwischen auffällt und mich unweigerlich an Tee denken lässt, aber auch dass Stadtbäume wie dieser in den Fokus gerückt sind: Seit April steht fest: Zürich wird bis 2040 klimaneutral. Zumindest lautet so das neu formulierte Ziel der Stadtregierung. Dass da Grün und noch mehr Grün einen entscheidenden Teil beiträgt, muss fast nicht mehr gesagt werden.

Der Architekt Eduard Neuenschwander meinte bereits in den 80ern: «Das Heil liegt im Grün. Doch Grün ist nicht grün. Das grüne Etikett, ein fruchtiger Name und der Duft nach Apfel oder Zitrone schaltet in uns alle warnenden Reaktionen aus.» Dies lässt mich hinterfragen was mit diesem Grün eigentlich gemeint ist. Richtpläne fordern grüne Zonen, welche die Erhitzung der Stadt stoppen sollen. Abstrakte Begriffe und wellenförmigen Flächen dominieren das Politikum um die Begrünung der Stadt, begleitet durch Bilder von grünen Oasen und wuchernden Welten. Räume der Sehnsucht; doch sie scheinen beliebig und vor allem – idealisiert. Vor lauter Grün sieht man die Pflanze als Stadtbewohnerin nicht mehr. 

In der Stadt spriessen aus Rissen im Asphalt schnelllebige Gräser, und auf Kies und Schotterflächen wachsen Pflanzen, die manche als Küchenkräuter erkennen könnten. Die alten Bäume am Strassenrand, unter denen die Autos Zuflucht vor der Sonne finden, übertrumpfen viele Gebäude bei Weitem mit ihren riesigen Baumkronen. Sie erinnern mich daran, dass sie schon lange vor mir hier waren. Die, die bleiben durften, haben den Wandel miterlebt. 

Die vermeintlich älteste Bewohnerin der Stadt versteckt sich hinter dem grossen gelb-orangenen Gebäudekomplex, der sich stolz mit ihrem Namen «Dorflinde» ziert. Die eigentliche Dorflinde ist knapp 300 Jahre alt, als stille Beobachterin hat sie gesehen, wie über die Jahre die Bauernhäuser des alten Dorfkerns von Oerlikon langsam grösseren Überbauungen weichen mussten. Ich frage mich, wann hier zuletzt getanzt oder Gericht gehalten wurde. Die Dorflinde verkörpert mit ihren knorrigen Ästen die Identität des Ortes und erzählt seine Geschichte, wenn man nur zuhören möchte. Ähnlich wie Strassenläufe oder Gebäude, markiert der alte Baum die Struktur der Stadt wie sie einmal war. 

«Mit der Auslöschung von Siedlungen verschwindet auch eine wilde Pflanzen- und Tiergemeinschaft, die über die Jahrzehnte entstanden ist.»

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Hätte ich eine Grossmutter in Zürich gehabt, hätte sie mir bestimmt vom Juni und den Lindenblüten erzählt. Der Duft erfüllte die Strassen, die Blüten waren für die Stadt eine wertvolle Ressource, die Blüten wurden für den Winter zu Tee getrocknet. Im gelb-orangenen Gebäude «Dorflinde» hatte die «Stadtküche», die es seit 2014 als Institution nicht mehr gibt, lange Zeit ein Speiselokal. Die Stadtküche belieferte aus ihrer Produktionsküche beim Escher-Wyss-Platz verschiedene dieser Lokale und bot günstig Mittagessen an – und durfte lange Zeit kein anderes Getränk ausschenken als Lindenblütentee. In einer Weisung des Stadtrates von 1937 hiess es: «Damit die Stadtküche eindeutig eine soziale Einrichtung für die schwächeren Bevölkerungsschichten sei, die das Wirtegewerbe nicht tangiert, wurden keine Getränke ausgeschenkt, mit Ausnahme von Lindenblütentee». Lindenblütensammeln durften ja schliesslich alle. Und übrigens – immer noch.*

Lindenallee der Bahnhofstrasse, 1964. (Foto: Baugeschichtliches Archiv)

Wenn man aber mit dem Auto durch die Stadt fährt, riecht es hinter der Windschutzscheibe nur nach Duftbaum. In den Lindenblüten erkennen die meisten bloss noch ein potentielles Ärgernis: Klebriger Honigtau lässt sich nur schwer von den Windschutzscheiben kratzen. Der Baum wurde zum ästhetischen Objekt, wenn man ihm zu nahe tritt, wirds aber eben klebrig. Da kommen mir Maurice Maggis Worte in den Sinn, dass Stadtpflanzen nur noch als Dekoration wahrgenommen werden, und dadurch jeden Platzkampf verlieren.

Im Gedanken an die autogerechte Stadt hatte das Auto damals den Platzkampf eindeutig gewonnen. Am Escher-Wyss-Platz deutet nichts mehr auf die üppigen Baumalleen hin, sie mussten Platz machen für die Hardbrücke – wie auch das Gebäude der damaligen Stadtküche, das plötzlich eine Ecke ab hatte. Und dann die Parkplätze. Aber auf der Asphaltwüste Escher-Wyss-Platz ist im Richtplan neuerdings ein grüner Kreis gezeichnet, ein «Park mit besonderer Aufenthaltsqualität». Mit der vermeintlich bevorstehenden Auflösung vieler dieser Parkplätze könnte es vielleicht tatsächlich bald wieder mehr richtige Park-Plätze geben.

Der Escher-Wyss-Platz anno dazumal. (Foto: Baugeschichtliches Archiv)

Wenn ich mich in den Strassen umschaue, so ist die Stadt schon lange ein Lebensraum für verschiedenste Pflanzen. Die Feigen mögen die Abwärme von versiegelten Flächen, die Wildblumen lieben die Stadtbrachen, die Eidechsen das Gleisfeld, und die Brennnesseln sogar die Hundepinkelecken. Ritzen und Nischen ermöglichen eine andere Natur, eine Stadtnatur, welche unerwartet und tatsächlich sehr vielfältig ist. In der Stadt müssen uns die Pflanzen nicht ernähren, wie die, die auf den Landwirtschaftsflächen zur Produktivität getrimmt sind. Doch manchmal verirren sich produktive Pflanzen wie der Weizen mit dem Cargozug der Swissmill in die Stadt, und siedeln sich im Schutt der Gleise an. 

Weizenkörner reisen auf dem Dach des Cargozugs. (Foto: ZAS*)

In der Stadt muss nicht gepflügt und geerntet werden, und trotzdem wird fleissig gejätet, geschnitten und gefällt. In gut zehn Jahren gibt es allein in der «Gartenstadt» von Schwamendingen um die 1240 Grossbäume weniger. Der Garten wird wohl auch mit den zukünftigen Entwicklungen immer lichter. Mit der Auslöschung von Siedlungen verschwindet nicht nur ein dichtes Netz an sozialen Verbindungen, sondern auch eine wilde Pflanzen- und Tiergemeinschaft, die über die Jahrzehnte entstanden ist. Der Baum im Bestand ist wild und wuchert, doch kann er so manchem Ordnungssinn der Planenden nicht standhalten. Denn ein Ersatzneubaum muss strengeren Regeln folgen, und wertvolle Jahrzehnte vergehen, bis die Krone gross genug ist und sie wieder Ähnliches leisten kann. 

Wild wuchernde Pflanzenwelt in der Siedlung Wydäckerring kurz vor dem Abriss, 2021. (Foto: Baugeschichtliches Archiv)

Neuenschwander schrieb damals noch weiter: «Man könnte auch den Garten verwildern lassen. Keine Pflege. Brennnessel Tagpfauenauge, etcetera. Mit den Haushaltsabfällen kompostieren. Eigenes Gemüse ohne Gift. Die Schnecken? Joghurtgläser mit Bier, Schneckenzaun. Dann das Grün in der Stadt. Grüne Hausmauern, womöglich auch grüne Dächer. Und vor allem Bäume und nochmals Bäume. Wälder von Alleen. Auskernen der Höfe. Freie Grünflächen, Biomasse, Duft der Blüten. Aktion blühende Balkone. Die Stadt als Erholungslandschaft, verkehrsberuhigt, sanft erneuert, man hat den Altbau wiederentdeckt. Von Gift, Sondermüll, Recycling, Energieproblemen und natürlichen Rohstoffen und Ressourcen reden andere.»

Wenn ich so durch die Strassen laufe, ist Zürich schön grün. Doch wir müssen heute auch diese «anderen» sein, und über Energieprobleme und Ressourcenverbrauch sprechen. Darüber, ob es sich wirklich lohnt, Bäume zu fällen, Brachen zu versiegeln, und gewachsene Strukturen zu ersetzen. Lindenblütenpflücken erscheint dagegen zwar als vernachlässigbarer Beitrag. Aber wenn es dazu führt, dass man sich diesen Baum im Gegenlicht mal genauer ansieht und dabei merkt, dass die Linde mehr als ein grüner Kreis ist – nämlich eine Bewohnerin: eine lebendige, vielleicht sogar produktive Entität, die sich mit mir und der Stadt verändert, und bestimmt nicht nur als Dekoration am Strassenrand steht – dann hat es sich schon mehr als gelohnt.

*Wie das mit dem Blütensammeln der Teelinden so geht erfährt ihr hier. Sommerlinden stehen gerade in voller Blüte, Blüten der Winterlinden lassen sich noch bis ungefähr Ende Juni pflücken. Einige Mitglieder der ZAS* haben noch weitere Geschichten über das essbare Zürich hier aufgeschrieben: www.food-forms.com

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ZAS* ist ein Zusammenschluss junger Architekt:innen und Stadtbewohner:innen. Unter ihnen kursieren heute verschiedene Versionen darüber, wo, wann und warum dieser Verein gegründet wurde. Dem Zusammenschluss voraus ging eine geteilte Erregung über die kurze Lebensdauer der Gebäude in Zürich. Durch Erzählungen und Aktionen denkt ZAS* die bestehende Stadt weiter und bietet andere Vorstellungen an als jene, die durch normalisierte Prozesse zustande gekommen sind. Um nicht nur Opposition gegenüber den offiziellen Vorschlägen der Stadtplanung zu markieren, werden transformative Gegenvorschläge erarbeitet. Dabei werden imaginative Räume eröffnet und in bestehenden Überlagerungen mögliche Zukünfte lokalisiert. Die Kolumne navigiert mit Ballast auf ein anderes Zürich zu und entspringt einem gemeinsamen Schreibprozess. Zur Kontaktaufnahme schreiben an: info@zas.life