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Die Aktivistin Anna-Béatrice Schmaltz. (Foto: Elio Donauer)

«Die Grundlage für Sexismus und Diskriminierung sind gesellschaftliche Strukturen»

Während die einen im frühen Erwachsenenalter beginnen, sich aktiv für Themen einzusetzen, wehrte sich Anna-Béatrice schon früh gegen die stereotypen Rollenbildern. Sie hat mit uns gesprochen; über die Hürden des Aktiv-seins und warum es wichtig ist, auch mal einen Schritt zurückzutreten.
13. Mai 2021
Praktikantin Redaktion

Aktivismus ist ein Teil der Demokratie. Es braucht ihn, um Aufmerksamkeit zu generieren, auf Missstände hinzuweisen und die Politik voranzutreiben. Wir haben in dieser Serie verschiedene Zürcher Aktivist:innen zu ihrem Engagement befragt.


Bereits vor dem Einstieg bei dem feministischen Kollektiv vor fünf Jahren, war für Anna-Béatrice klar, dass gesellschaftliche Strukturen die Grundlage für Sexismus und Diskriminierung sind. Mit dem Eintritt in die Gruppe Aktivistin.ch, die sich für intersektionalen Feminismus und gleiche Rechte und Chancen für alle einsetzt, nimmt sie auch an Aktionen im öffentlichen Raum teil oder macht auf Probleme und Forderungen aufmerksam.

Doch auch im politischen Bereich hat Anna-Béatrice ein klares Ziel vor Augen und will mit ihrem Engagement die Frauenquote deutlich steigern. Denn: «Allgemein Sexismus, fehlende Gleichstellung, geschlechtsspezifische Gewalt sind überall ein Problem», findet sie.

Tsüri.ch: Wie, wann und weshalb bist du Aktivistin geworden?

Anna-Béatrice Schmaltz: Ich bin schon seit meiner Jugend feministisch aktiv. Die stereotypen Rollenbilder und Zuschreibungen je nach Geschlecht waren für mich einengend. Auch habe ich gemerkt, dass ich weniger ernst genommen wurde oder sexistische Sprüche zu hören bekam, weil ich eine Frau bin. Ich habe dann begonnen feministische Literatur zu lesen und mich zuerst in meinem Umfeld gegen Sexismus einzusetzen.

Je älter ich wurde desto mehr Themen sind mir dann aufgefallen: Zum Beispiel geschlechtsspezifische Gewalt, Lohndiskriminierung, fehlende Gleichstellung von frauenliebenden Frauen, Ungleichverteilung der unbezahlten Care-Arbeit.

Für mich war ein Schlüsselmoment, als ich gemerkt habe, dass es nicht meine individuellen Probleme sind, sondern dass gesellschaftliche Strukturen die Grundlage für Sexismus und Diskriminierung sind. So war es für mich noch klarer, dass ich politisch aktiv werden will. Bald habe ich auch begonnen, mich gemeinsam mit anderen Aktivist:innen für mehr Feminismus und Gleichstellung einzusetzen.

Wo kann man in Aktivist:innenszenen/-gruppen einsteigen? Was empfiehlst du Neulingen und weshalb sollte man sich nicht einschüchtern lassen?

Ein guter Einstieg ist bei einem feministischen Streikkollektiv und natürlich auch bei Aktivistin.ch, einem Kollektiv in Zürich.

Am Anfang ist es vielleicht schwierig alle Begriffe zu verstehen und bei allen Themen genau mitzukommen. Es ist ok, wenn eine Person zu Beginn etwas überfordert ist, so ging es mir auch. Fragen sind immer willkommen, denn wir lernen alle stetig dazu.

Wie engagierst du dich konkret?

Ich bin seit vielen Jahren queer-feministisch aktiv – beispielsweise seit fast fünf Jahren bei Aktivistin.ch. Wir machen durch Aktionen im öffentlichen Raum auf gesellschaftliche Probleme und Forderungen aufmerksam: Tabuisierung der Menstruation, Sexismus in den Medien, ungleiche Verteilung der unbezahlten Care-Arbeit, fehlende Vertretung von Frauen in der Politik.

Gemeinsam mit zahlreichen Aktivist:innen des feministischen Streikkollektivs habe ich den feministischen Streik / Frauenstreik 2019 mitorganisiert. Mittlerweile bin ich auch in einer Partei, da ich es wichtig finde auch in der institutionellen Politik feministisch mitzuarbeiten und Änderungen anzustossen.

Ich bin Feministin bei der Arbeit, in meinem Aktivismus in der Freizeit und im Privaten.
Anna-Béatrice Schmaltz

Auf was für Hürden bist du dabei schon gestossen?

Feministischer Aktivismus braucht viel Einsatz und Durchhaltevermögen. Es ändert sich ja nicht einfach von heute auf morgen alles und die Gleichstellung ist erreicht. Wir gehen kleine Schritte voran. Manchmal müssen wir uns auch dafür einsetzen, dass es nicht wieder zu Rückschritten kommt.

Wie bringst du deine sonstigen Verpflichtungen und dein aktivistisches Engagement unter einen Hut?

Aktivismus macht mir extrem viel Spass und gibt mir Kraft und Energie zurück. Ich bin in vielen Bereichen meines Lebens privilegiert und kann so mein Engagement gut mit anderen Verpflichtungen vereinbaren. Auch das ist mir wichtig in meinem Aktivismus: Meine eigenen Privilegien zu reflektieren. Ich bin nicht verantwortlich für Kinderbetreuung, habe keine finanziellen Nöte und bin gesund.

Trennst du Arbeit und Privates oder verschmilzt das mit der Zeit?

Ich darf in einer feministischen NGO arbeiten und mich gegen geschlechtsspezifische Gewalt beruflich einsetzen. So verschmelzen Arbeit und Aktivismus in der Freizeit oft. Ich bin Feministin bei der Arbeit, in meinem Aktivismus in der Freizeit und im Privaten. Meine feministische Haltung beeinflusst so alle meine Lebensbereiche positiv.

Wird dir manchmal alles zu viel?

Die Gefahr beim Aktivismus ist, dass ich immer mehr tun könnte. Es ist deshalb wichtig, auch mal einen Schritt zurückzutreten und sich mit anderen Aktivist:innen auszutauschen. Ich habe die Privilegien, dass ich Zeit für Erholung habe und mich auch ab und zu mit anderen Themen auseinandersetzen kann. Aktivismus gibt mir aber immer viel Energie zurück und macht mir grossen Spass.

Weshalb ist es so wichtig, sich aktiv in politische Prozesse einzumischen?

Nur durch Einmischung und indem wir mitarbeiten, können wir etwas verändern. Es ist wichtig, dass verschiedene Perspektiven in politische Prozesse eingebracht und gehört werden.

Es ist auch wichtig, dass Menschen, die von Mehrfachdiskriminierungen betroffen sind und vielfach unsichtbar gemacht werden, gehört werden. So ist unsere Gesellschaft auf binäre Geschlechter ausgerichtet, was Menschen, die nicht-binär sind, ausschliesst und unsichtbar macht. Auch gegen Rassismus müssen wir uns einsetzen. Es ist wichtig, dass die feministische Bewegung verschiedene und breite Forderungen äussert. Auch wenn ich persönlich nicht von einem Thema betroffen bin, unterstütze ich es solidarisch und trage politische Forderungen mit.

Unsere Leserschaft wollte in der Umfrage zum Thema Aktivismus wissen: «Was bringt Aktivismus, wenn schlussendlich sowieso alle bewegenden Entscheidungen über die (langsame) Politik laufen?»

Viele feministische Forderungen betreffen konkret die Gesellschaft. Die Politik ist elementar wichtig. Aber es braucht auch gesellschaftliche Veränderungen. Gesellschaft und Politik beeinflussen sich gegenseitig.

Was läuft in der Stadt Zürich so richtig falsch?

Sexismus und Belästigungen im Ausgang und im öffentlichen Raum sind sicher ein Thema. Das ist aber auch in anderen Städten ein Problem. Allgemein Sexismus, fehlende Gleichstellung, geschlechtsspezifische Gewalt sind überall ein Problem. Im Gemeinderat in Zürich sind aktuell nur 32,8 Prozent Frauen. Es ist wichtig, dass 50 Prozent Frauen vertreten sind und so verschiedene Perspektiven Eingang in die Kommunalpolitik finden.

Hast du einen Verbesserungsvorschlag?

Es braucht Präventionskampagnen gegen Sexismus, fehlende Gleichstellung und Geschlechtsspezifische Gewalt. Genügend finanzielle Mittel um sich für Gleichstellung einzusetzen. Und zum Gemeinderat: Es braucht motivierte Frauen auf guten Listenplätzen für die nächsten Wahlen.

Wie hat sich der Aktivismus durch Corona verändert?

Es findet mehr Aktivismus vor allem via Instagram statt. Auch gibt es feministische Forderungen, die sich akzentuiert haben, wie die Verbesserung der Situation von Menschen, die in der Pflege arbeiten und extrem überlastet sind.

Mit welchen Aktionen haben du und deinen Mitstreiter:innen einen sicht- und messbaren Erfolg verzeichnet?

Der feministische Streik/Frauenstreik 2019 hat gezeigt, wie viele Menschen nicht einverstanden sind mit der aktuellen Situation und was sich alles noch ändern muss. Das Bewusstsein für feministische Anliegen hat sich verstärkt und zeigt sich in Wahlen- und Abstimmungen aber auch in der Gesellschaft. Stereotype Rollenbilder, geschlechtsspezifische Gewalt und viele weitere Themen werden verstärkt diskutiert – auch medial. Die feministische Bewegung ist durch den Streik wieder erstarkt.

Was habt ihr/hast du für Pläne für die kommenden Monate?

Am 14. Juni 2021 ist wieder ein Streiktag geplant. Was genau möglich sein wird, hängt selbstverständlich von der aktuellen Corona-Situation ab. Wir werden dann aber auf vielfältige und kreative Weise protestieren.

Serie «Zürcher Aktivist:innen»
Aktivist:innen bewegen mit ihrem Engagement eine Stadt. Für diese Serie haben wir sechs Aktivist:innen getroffen und sie gefragt, wieso sie sich für etwas einsetzen und was es für Schwierigkeiten gibt.

1. Matteo Masserini – Vélorution
2. Anna-Béatrice – Aktivistin.ch

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