Anime statt Repression? Die Guten in den Kantonsrat!

Eine Satirepartei will in den Kantonsrat. Doch haben «die Guten» auch ernsthafte Anliegen? Von einer Partei, die zu spassig ist für die öde Politik und sie trotzdem verändern will. Redaktor Dominik Wolfinger hat eine Sitzung besucht und dabei viel gelacht.
10. März 2019

Gleich vorweg: Die Guten versuchten mich zu bestechen. Nicht mit Alkohol, aber mit einem Schuhlöffel. Dabei hatten sie mein Herz schon vorher erobert.

Eine neue Partei betritt die politische Bühne in Zürich. Sie nennen sich «die Guten». Ihr Logo: der traurige Mond. Da die Zeit der Actionheld*innen vorbei ist und die Politik des Versagens versagt hat, liegt es nun an ihnen, die Welt zu retten. Ich hatte schon einige Sitzungen von Parteien besucht. Die meistens waren so trocken und langweilig, dass ich auf Ricardo einen wackeligen Stuhl und ein Seil bestellen wollte. Ein Abend bei den Guten allerdings gleicht mehr einem lässigen Synapsentango, wie es eben von einer Satirepartei zu erwarten ist.

Wir versammeln uns um einen grossen Tisch und möchten pünktlich mit der Sitzung beginnen. Doch die Suche nach einem Stift hält uns auf; schliesslich werden alle Protokolle von Hand geschrieben und sind öffentlich abrufbar. «Ich kann auch mit Neocolor schreiben», sagt Protokollant*in Melanzana nicht ohne Stolz. Doch ein Stift ist rasch gefunden und die Sitzung kann beginnen.

Diese wird heute von Parteimitglied Antipasti geleitet, die zwei verschiedene Powerpoint-Präsentation auf zwei verschiedenen Laptops zeigt. Ein kurzer Blick auf die Traktandenliste weckt ebenfalls ein Schmunzeln: Unter vier von zehn Punkten steht «wir lassen uns überraschen» geschrieben und unter Details «EINANDER AUSREDEN LASSEN!!». Das wird heiter. Doch bevor jemand das Wort erhebt, bittet Melanzana – mit Zopf im Mund und mit einem Buttermesser fuchtelnd um Aufmerksamkeit. Musik erklingt. Wir lauschen ruhig und konzentriert den parteieigenen Introsong (es empfiehlt sich sehr, diesen während dem Lesen des Artikels zu hören). Damit wäre der erste Punkt der Traktandenliste abgehakt.

Alles nur Jux und Tollerei?

Die Guten sind intelligent, humorvoll, haben Anstand und sind Nerds. Sie zitieren Memes, schauen YouTube, spielen Fortnite und lieben Anime. Ich fühle mich pudelwohl. Endlich mal normale Menschen! Ob sich hinter aller Sympathie auch Brauchbares verbirgt, das muss noch bewiesen werden.

Die ersten drei Punkte werden hurtig abgehakt. Ein Zeitungsartikel wird vorgelesen und eine Gruppe für die kommende Klimademo organisiert. Punkt vier lädt nun zur Diskussion in voller Runde ein. Zwar wird über eine Aktion reflektiert. Hoppla Schorsch! Reflexion neben all dem Spass? Der Ton wird tatsächlich etwas ernster, denn die Trinkwasserprivatisierung ist ein schlechter Witz, über den hier am Tisch niemand lacht. Mitglied Al Dente erläutert: «Wir wollten auf den Unsinn aufmerksam machen und haben im Regen Wasser aus einem Brunnen verkauft, den wir abgesperrt haben.»

«Die Leute finden uns geil, weil wir random und unberechbar sind», fügt Parteikolleg*in Bruscetta hinzu. Dabei führt die Diskussion in die Richtung, dass bei solchen Themen die Absurdität nur den zweiten Rang bekommt. Bei ernsten Themen wollen sie klar sein und Haltung zeigen. «Das Einzige, das wir nur für die LOLs gemacht haben, war der Post: Mehr Sumpfgebiet für Reptiloide», erklärt Al Dente. Wenn niemand die Ironie des Ganzen versteht, dann nützt das auch niemandem. Mit Humor wollen sie auf Probleme hinweisen – der Kern der Satire. Anders allerdings als Satiriker*innen sonst, wagen sie den Spagat und bewegen sich in die Politik hinein, als nur eine beobachtende Rolle einzunehmen.

Wir sind bereits bei Punkt fünf und es ist erst eine halbe Stunde vergangen. Auch wenn manchmal ironischerweise die Sprechenden von anderen Parteikamerad*innen mit den Worten «Hey! Ausreden lassen!» unterbrochen werden, haben die Guten einen ordentlichen Zug drauf. Ebenfalls etwas erfrischend Neues – es scheint fast, als ob man sich hier nicht am liebsten selbst reden hört. Al Dente übernimmt wieder das Wort. Übrigens das einzige Mitglied aus dem rechten Flügel der Partei. Auch dies ist wieder satirisch gemeint – sprich nicht ganz ernst, aber mit einem ernsten Kern.

Auf was könnte das bloss anspielen? (Bild: Die Guten)

Fairerweise ist wohl Al Dente weniger links als die anderen oder bezieht zumindest gerne eine andere Position. Es ist ein Running Gag, dies – so scheint es – sogar effektiv, da sie gerne diskutieren und sich dabei nicht nur gegenseitig bestätigen.

Al Dente erklärt den nächsten geplanten Streich. So viel sei verraten: Es handelt sich um ein High-Production-Video mit der Sprengung aller Berge, denn die Berge sind die Wurzeln des Nationalismus.

Zu gut, um wahr zu sein?

Wer das nun alles nur kindisch und blöd findet, rufe sich doch ins Gedächtnis, wie absurd und tröge der Alltag der Schweizer Politik ist. Und wen das kalt lässt, schaue sich mal lange die Wahlplakate an. Also richtig lange. So lange, dass es unangenehm wird. Wie da Vertrauen entstehen soll, bleibt (zumindest mir) ein Rätsel. Die Guten haben nicht nur Humor (was den anderen fehlt), sie haben auch Kompetenz was Social Media betrifft. Eine weitere Fähigkeit, von der andere Parteien nur träumen können.

Hinzu kommt tatsächlich auch Erfahrung in der Politik – als Mitglied bei der Juso oder bei den Jungen Grünen. In dieser Funktion haben sie immerhin bereits gelernt, wie man nichts bewirkt. Auf meine ausserordentlich kritische Frage, ob sie denn auch ihre Arbeit machen würden, wenn sie gewählt werden würden, antwortet Kantonsratskandidat*in Lasagne gekonnt: «Natürlich. Wir wollen die Politik nicht sabotieren, wir wollen wirklich etwas verändern, aber auf unsere Art.» Das zeugt von Mut und Entschlossenheit. Denn auch wenn spielerisch mit dem Ernst der Lage umgegangen wird, viel Arbeit bleibt es dennoch. Aber alle Hüte gezogen, dass sie es auf den Wahlzettel geschafft haben – sogar mit Pseudonymen.

Die Guten kandieren ernsthaft für den Kantonsrat. (Bild: Dominik Wolfinger)

Denkbar ist jedoch, dass viele Wähler*innen den Inhalt von den Guten nicht verstehen. Dieser ist auch in der Tat sehr diskursiv. «Eine Satirepartei gab es in der Schweiz halt bisher nicht. Höchstens den Hanf-Ueli. Deswegen wollten wir eine gründen», erklärt Al Dente. «Dann nannten wir uns eben ‹die Guten›. Nicht ‹die gute kommunistische Gute Partei› oder ‹die gute Partei des Mittelstandes›, weil beides falsch wäre. Klar sind wir links, aber wir hüten uns davor, ideologisch zu sein», fügt Antipasti hinzu. Vongola ergänzt: «Dazu kommt, dass die politische Tätigkeit auslaugt und man schnell den Mut und die Lust verliert. Bei uns ist es auflockernd.»

Dass auch Satire an die Grenzen stossen kann, dessen sind sie sich bewusst. Bei der politischen Korrektheit fahren die Guten eine nüchterne Schiene. Sich über andere lustig machen langweilt sie. Grundsätzlich aber blind einer Zensur zu folgen und über jedes Wort zu diskutieren, ödet sie an. Die Sache ist einfach: Es wird situativ verhandelt.

Wir kommen zu Punkt sechs: Eine differenzierte Berichterstattung über Fortnite (Staffel 7). Punkt acht ist das Vorstellen eines Podcasts. Nur noch zwei Punkte gilt es abzuhandeln: Finanzen und Solikonzert. Die Uhr schlägt und in einer Stunde ist alles abgehakt. Good job, awesome show. Wir gönnen uns kurz zur Entspannung Alex Jones im Gespräch mit Ricky Berwick.

Auch nach getaner Sitzung werden die Guten nicht müde. Die Flyer für die Klimademo kreieren sich schliesslich nicht von selbst. Mit grossem Bewusstsein für die Umwelt fahren die Neocolor über das rezyklierte Papier, während der traurige Mond bereits hoch am Himmelszelt steht. Und auch unsere feurigen Diskussionen müssen (leider) irgendwann ein Ende finden.

Die Guten stellen ihre künstlerische Begabung unter Beweis. (Bild: Dominik Wolfinger)

Sie haben das Herz am rechten Fleck, einen wachen Kopf und den jugendlichen Eifer, etwas verändern zu wollen. Allein die Tatsache, dass sie auf der politischen Landschaft auftauchen, ist ein Mehrwert für die Schweiz. All dem Lobgesang zuwider muss zum Schluss doch etwas beanstandet werden. Nämlich ist und bleibt ein einziges Sixpack Bier für eine abendfüllende Sitzung zu wenig. Doch dies sei verziehen, sollten sie daraus lernen, und lernfähig wirken sie. Wäre ich nicht Liechtensteiner*in, so würde ich sie wählen. Denn für mich ist klar: Mit ihnen kann es nur guter werden.

Titelbild: Dominik Wolfinger

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